Manuskripte

SWR3 Worte

Einmal in einer Nacht voller Blütenduft und Sternengeflimmer,
ging der kleine Nachtwächter mit seiner Laterne am Rande der Wiesen entlang,
und zweiundzwanzig bunte Nachtfalter flogen mit ihm.
Da sah er plötzlich, genau vor seinem rechten Fuß,
ein vierblättriges Kleeblatt.
„Oh", sagte der kleine Nachtwächter erfreut.
Und er bückte sich und pflückte es ab.
Weil ein vierblättriges Kleeblatt Glück bringt, beschloss er,
die Leute zu wecken.
Denn das Glück ist schöner, wenn man es mit anderen teilt.
„Steht auf!" rief er. „Ich habe ein vierblättriges Kleeblatt gefunden!"
Da kamen die Leute zu ihm heraus.
Sie setzten sich vor ihre Häuser und hielten Ausschau nach dem Glück.
Ob es von links kommen würde, von rechts oder gar von oben?
Sie ließen die Blicke wandern und lauschten in die Nacht.
 „Wann kommt endlich das Glück?" fragte da plötzlich das Ballonmädchen.
„Pst", antwortete der kleine Nachtwächter und legte den Finger auf den Mund.
„Es ist längst da. Die ganze Nacht ist angefüllt mit Glück.
Spürt ihr es denn nicht?"
(Wenn der Mond auf dem Dach sitzt, Gina Ruck-Pauquet, Recklinghausen)

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Ich glaube an den Weg.
Ich glaube dass wir aufstehen können
gegen Zwang und gegen das Leid,
auferstehen in der Fülle des Lebens
Ich glaube daran,
dass wir das Brot teilen können
Und die Vielfalt unserer Träume
Und dass die Erde neu wird
im Miteinander aller Menschen
Ich glaube dass es uns heilt
einander die Schmerzen anzuvertrauen,
zärtlich und wachsam sein
für die Sehnsucht der anderen.
Ich glaube dass der Himmel sich öffnet,
immer wieder
und dass deine Kraft wächst
unaufhaltsam in jeder Blüte, in jedem Baum,
in meinem Körper und in meiner Seele.
Ich glaube, dass ich tanzen werde
in lichten Kleidern deiner Liebe
geflüstert das Leben, erhofft und ewig.
(Mein Credo. Persönliche Glaubensbekenntnisse, Kommentare und Informationen. Bd 2., S. 160, Hg. Harald Pawlowski. Publik-Forum Verlagsgesellschaft)

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Irgendein Weiher findet sich in der Nähe.
Im Wasser auf dem Rücken liegen,
gemächlich oder zügig einher schwimmen, in den Himmel gucken.
Schwalben jagen in großer Höhe...
Welch ein Abschluss eines Alltags
Der Schatz des Lebens liegt im Alltag.
Mag sein, sein Reiz ist eher verborgen,
seine Würde unspektakulär.
Sein kostbarstes Gut: die Gegenwart.
Die kleinen Fluchten gehören dazu,
Fluchten, die den Alltag anschaulich machen:
Ihn gestalten.
Nicht: Was ein Glück, wenn diese Mühe vorüber ist.
Sondern: Wie mache ich das, dass mir das jetzt liebenswert wird?
Das ist nicht immer leicht.
Verblüffend und nicht vergeblich dabei:
Dass wir schon immer von Gott als ewiger Gegenwart reden
Wie viel Wertschätzung Gott der Gegenwart gibt,
dem Augenblick, dem Anblick, dem Atem!
Jetzt ist die Zeit!
Michael Lipps
(das Schöne zuerst. Spirituelle texte. Verlag edition quadrat)

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In der ökumenischen Gemeinschaft von Taizé kommen viele Jugendliche zusammen. Der Gründer dieser Gemeinschaft Frère Roge erzählt:
Öfter als früher fragen mich Jugendliche:
Was ist das stärkste in ihrem Leben?
Ohne zu zögern antworte ich:
Vor allem das gemeinsame Gebet, und in diesem die langen Zeiten der Stille.
Gleich danach kommt als das Schönste in meinem Leben:
Einen Menschen im persönlichen Gespräch in seiner Ganzheit erkennen...
Es genügt nicht mit einem Menschen nur das zu teilen,
was sein Inneres unfrei macht.
Man muss auch die besondere Gabe herausfinden, die Gott ihm gegeben hat.
Hat man diese Gaben einmal ans Licht gebracht,
dann stehen alle Wege offen.
Gar nicht weiter eingehen auf die Komplexe, Verwirrungen, Misserfolge,
sondern sobald wie möglich
die in jedes menschliche Wesen hineingelegten Talente entdecken,
damit sie nicht begraben bleiben,
sondern in Gott zur Entfaltung gebracht werden.
(Frère Roger, Taizé, Einfach vertrauen. Gedanken und Begegnungen, S. 49-50, Herder)

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Ist wie ein Lichtspiel
Das die Buchenblätter durchleuchtet;
Lichtstrahlen
Auf denen du meinst zum Himmel aufzusteigen.
Deine Nähe ist wie die Schwalbe
Die den Sommer ankündigt
Nach dunklen Tagen,
Flügelschläge
die dein Leben leichter machen.
Deine Nähe
Atme ich ein,
sauge in mir auf deine Kraft,
die auch in den Schwachen mächtig ist.
Deine Nähe
macht mich gesund,
bringt mir
den verloren gegangenen Atem
zurück
und das Lächeln über mir
ist das was mich glücklich macht
(H.D. Hüsch+ U. Seidel: Das kleine Buch vom Glück. Tvd-verlag düsseldorf)

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Was ist Glück? Die Theologin Dorothee Sölle meint:
Das wirkliche Glück muss frei von Angst gedacht werden.
Glück steckt an.
Dass die Chancen des Glücks sich vermehren lassen,
bedeutet, dass das Glück sich nicht dem Zufall verdankt,
sondern nun Sache unserer Freiheit wird,
Sache unserer Befreiung.
Freigewordene Menschen sind Bauleute des Glücks,
sie verfügen über alle Möglichkeiten,
Glück nicht nur zu erfahren,
sondern es auch zu produzieren.
Denn Glück ist niemals nur an dem orientiert
Was ein Mensch konsumiert...
Der neue größere Glückliche konsumiert nicht nur, was ihm zufällt,
sondern er produziert eine andere Welt.
An einem geistigen Ursprung wird dieses Glück genannt:
Ein Kind Gottes sein.
Je mehr Glück umso mehr Fähigkeit zu wirklicher Preisgabe.
Von Christus ist zu lernen: Je glücklicher einer ist,
umso leichter kann er loslassen.
(Phantasie und Gehorsam. Überlegungen zu einer künftigen christlichen Ethik, S. 53,54,65 Kreuz-Verlag Stuttgart )

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Schweigend blickte der Prediger von der Kanzel in die leere Kirche.
Voller Wut stieg er herab, zerriss seine Predigt,
stieß die Tür auf und gelangte hinaus ins Freie.
Draußen wölbten sich die Bäume
Wie Säulen einer grünen Kathedrale,
darin die Vögel musizierten,
darunter der Bach sich wand und zwei Menschen saßen.
„Was tut ihr hier", rief er ihnen zu, „heute ist der Tag des Herrn.
Und ihr achtet ihn nicht!"
„Warum sollten wir ihn nicht achten?",
fragte der eine Mensch zurück.
„Was sitzt ihr unter den Bäumen, ihr solltet unter der Kanzel sitzen,
im Hause Gottes", rief er ihnen zu.
„Wir sitzen im Hause Gottes, hörst du nicht, das Gotteslob hat schon begonnen",
antwortete der andere Mensch.
„O, ihr Ungläubigen! Man kann nicht alleine beten",
eiferte er weiter.
„Dann komm zu uns", sagten die zwei Menschen und rückten ein wenig zur Seite
Matthias Morgenroth
(Sonntag. Erfindung der Freiheit, andere Zeiten e.V.)

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