Manuskripte

SWR3 Worte

"Frech wie Oskar - nein, frech wie Jesus [...], was der sich alles rausgenommen hat!
Er heilt am Sabbat, nennt Gott seinen Vater, ermutigt uns, es ihm gleich zu tun [...]. Und es ist doch auch echt frech, wenn einer den Mund auftut für die Stummen und für die Sache derer, die verlassen sind, die keine Lobby haben.
Echt frech ist auch einer, der die Liebe Gottes lebt, bis in letzter Konsequenz, den Mächtigen und dem Establishment ein Dorn im Auge ist und als Bote und Tuer einer anderen göttlichen Welt lebt. Frech, weil ungewohnt - anstößig und verändernd [...]
Stellen Sie sich vor, wir würden auch frech und anstößig leben: [...]
Frech und fromm - brauchbar und nützlich als Gottes Bodenpersonal! [...]

Michael Stritar, Dekanatsjugendpfarrer in Kempten

https://www.kirche-im-swr.de/?m=13208

Eine Frau hat einen Engel auf ihrem Lebensweg getroffen. Sie erzählt:

"Weihnachten feierten wir noch zusammen, Silvester waren wir getrennt. Nach fast 20 Jahren Ehe und mit vier Söhnen. [...]
Ich habe viel geweint, fühlte bloß noch Hass und Wut. [...]
Als ich ein paar Wochen später bei einem Kirchenkonzert mitspielte, saß ich zufällig neben dem Solobratscher der .. Philharmoniker. Er erzählte mir von drei vakanten Bratschenstellen [...].

In diesem Moment sagte ich wie zu mir selbst: "Schade, dass dieser Zug abgefahren ist." - "Warum?", fragte er zurück. Das wär's, durchzuckte es mich, eine Orchesterstelle! Aber nein, null Chance, ich war längst über 30  und hatte noch nie irgendwo eine feste Stelle gehabt. [...] Mein Kollege ermutigte mich [...] und setzte sich dafür ein, dass ich eine Einladung zum Probespiel bekam. "Ich spiele, egal ob ich das schaff oder nicht!", sagte ich mir. [...]
Der Trotz hatte etwas Tröstliches. Das Musizieren auch.[...] Ich fing an, wie eine Verrückte Bratsche zu üben. [...] Nach einem halben Jahr habe ich die Orchesterstelle tatsächlich bekommen."


Die Musik In: Brigitte woman, 01/11

https://www.kirche-im-swr.de/?m=13207

25 Monate war die Jüdin Anne Frank in einem Amsterdamer Hinterhaus vor den Nazis versteckt. Es ist ein rot-beige kariertes Poesiealbum, in welches sie heute vor 70 Jahren ihren ersten Tagebucheintrag machte. Sie schreibt:

"Ich werde, hoffe ich, Dir alles anvertrauen können, wie ich es noch bei niemandem gekonnt habe, und ich hoffe, Du wirst mir eine große Stütze sein."
Und viele Monate später:
"Ohne Gott wäre ich schon längst zusammengebrochen. Ich weiß, dass ich nicht sicher bin, ich habe Angst vor den Zellen und Konzentrationslagern, aber ich fühle, dass ich mutiger geworden bin und in Gottes Armen liege."

Anne Frank

https://www.kirche-im-swr.de/?m=13206

Was muss ich tun, um die schönen Dinge im Leben nicht zu verpassen?
Die Psychologin Verena Kast rät:

"Vor allem müssen wir unsere Sinne entwickeln! Es gibt so viel zu hören, zu riechen, zu schmecken. Aber es geht auch darum, sich zu bewegen, anzurühren, sich zu berühren. Sobald wir diese Sinne wieder schätzen, haben wir schon sehr viel gewonnen. Ich lege mich zum Beispiel im Frühling gerne draußen in den Liegestuhl. Da höre ich einfach dem Zwitschern der Vögel zu. Wenn dann kein Telefon klingelt und mich stört, denke ich einfach: Mein Gott, ist das schön!"

Verena Kast
In: Wie bringen wir mehr Freude in unser Leben? in: Stern, Gesund leben. Das Magazin für Körper, Geist und Seele

https://www.kirche-im-swr.de/?m=13205

Ruprecht Schmidt war früher Koch in einem Sternerestaurant. Heute kocht er im Hamburger Hospiz "Leuchtfeuer" für Menschen, die bald sterben werden. Warum? Er beschreibt es so:

"Ich wusste, dieses Höher-Schneller-Weiter ist nicht meine Welt. [...] Hier im Hospiz kann ich meinen Beruf mit dem Engagement für andere Menschen verbinden. Es ist doch etwas anderes, ob man ein Geschäftsessen zubereitet oder für jemanden die letzte Mahlzeit kocht. [...] Essen kann so viel bedeuten: zum Beispiel Erinnerungen, die man mit bestimmten Gerichten verbindet; oder Hoffnung auf Leben, weil es ja doch noch nicht so schlecht stehen kann, solange der Appetit noch da ist.
Vor allem ist Essen für viele einfach nur eins: Genuss. [...]
Ich weiß, ich kann die Menschen hier nicht heilen, aber ich kann versuchen, ihnen mit meinen Gerichten eine Freude zu machen."

Ruprecht Schmidt
In: Bis zum letzten Mahl, in: Stern, Gesund leben. Das Magazin für Körper, Geist und Seele

https://www.kirche-im-swr.de/?m=13204

Hast Du Dir je darüber Gedanken gemacht, dass Du morgens nicht zur Arbeit gehen kannst, ohne vom größten Teil der Erde abhängig zu sein?
Du stehst auf, gehst ins Badezimmer und greifst nach dem Schwamm, und er wird Dir von einem Inselbewohner aus dem Pazifik gereicht. Du greifst nach einem Stück Seife, und Du empfängst sie aus den Händen eines Franzosen. Dann gehst Du in die Küche, um Deinen Kaffee zu trinken, und den schenkt Dir ein Südafrikaner ein.[...] Und ehe Du am Morgen Dein Frühstück fertig gegessen hast, bist Du schon von mehr als der halben Welt abhängig gewesen.
So ist das Universum gefügt, das ist sein auf Wechselbeziehungen beruhendes Wesen.
Wir werden keinen Frieden auf Erden haben, ehe wir nicht diese gegenseitige Abhängigkeit allen Seins begreifen.

Martin Luther King
Aus einer Weihnachtspredigt aus dem Jahr 1967.
In: Grosse, H. (Hg.): Schöpferischer Widerstand

https://www.kirche-im-swr.de/?m=13203

Der Journalist und Autor Uwe von Seltmann will nicht verdrängen und nicht verschweigen, dass sein Großvater ein Anhänger Hitlers, ein SS-Mann, war, der an der Niederschlagung des Warschauer Ghettos aktiv beteiligt war. Über die Schuldfrage hat er - der seinen Großvater nie kennengelernt hat -  viel nachgedacht. Er erzählt:

"Wenn ich rede, beginnen plötzlich auch andere zu reden - Enkel, die wissen wollen, was ihre Großmütter und Großväter getan haben, Söhne und Töchter, die sich für die Taten ihrer Mütter und Väter schämen und mit ihren Schuldgefühlen nicht fertig werden. Eines ist für mich klar: Moralische Schuld vererbt sich nicht, aber die psychischen, moralischen und sozialen Folgen ihres Beschweigens beschädigen noch die folgenden Generationen. [...] Die Vergangenheit wirft ihre Schatten bis in die Gegenwart, sie wirkt in uns weiter, erst recht, wenn wir versuchen, sie zu verdrängen und zu verschweigen."

Uwe von Seltmann; Die Schatten der Vergangenheit
in: Claudia Brunner, Uwe von Seltmann: Schweigen die Täter, reden die Enkel

https://www.kirche-im-swr.de/?m=13202