Manuskripte

SWR3 Worte

 Die Lehrerin Inger Hermann erzählt in ihrem Buch „Halt´s Maul, jetzt kommt der Segen" von Sarah aus der zweiten Klasse. Sie hat sich in die Hose gemacht - und sie hat viele Fragen:  

»Hilft es, wenn man betet, dass man nicht mehr in die Hose macht?«
»Nein, Sarah, dafür hilft das Beten nicht.« »Und dass die Mama daheimbleibt und man nicht mehr geschlagen wird. Hilft es dafür?« »Nein, Sarah, auch dafür nicht.« Ich komme mir armselig vor. »Ich will trotzdem beten - aber du sollst mich in die Arme nehmen.« »Mich auch - mich auch!« Sarah und ich stehen in der Mitte, die anderen neun Kinder wie ein festes Umarmungsknäuel drumrum: Gott segne uns und behüte uns ... Einen Augenblick haben wir den Gestank vergessen. »Amen. Du Stinktier!« Das war Gregor. Aber er hilft ihr gutmütig, den großen Schulranzen aufzusetzen, und gemeinsam traben sie zur Türe hinaus."

 

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 Vor kurzem hat mich eine Freundin zu einem Sommerfest mitgenommen. Mitten im Garten stand ein prächtiger Rosenstrauch. Ich lobte die Gastgeberin für ihren „grünen Daumen", und sie erzählte mir folgende Geschichte:„Vor Jahren war unsere Ehe durch Gewöhnung und Langeweile ernsthaft in Gefahr geraten. Damals hat mein Mann diese Rose gepflanzt, und wir verabredeten, dass wir uns scheiden lassen würden, wenn sie einginge. Würde sie aber wachsen, wollten wir zusammenbleiben. Und wissen Sie, was passierte? Wir ertappten einander dabei, wie wir heimlich Wasser zu dem Strauch schleppten."

Aus dem Magazin Andere Zeiten.

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Die Lehrerin Inger Hermann erzählt in ihrem Buch „Halt´s Maul, jetzt kommt der Segen" von einem Gespräch unter Jungs aus der siebten Klasse. 

Otto schüttelt den Kopf und fragt:
»Nützt denn das überhaupt, das Beten und so?«
Wir überlegen: Kann man denn Gott beeinflussen? Tut Gott denn nicht sowieso, was er will?
»Ich glaube, der Teufel tut, was er will und Gott kann sowieso nichts machen.«, sagt Dragomir.
»Und wenn die Menschen so Teufelskram machen, andere umbringen und so - ich meine die Verbrecher, liebt Gott die immer noch?« will Mario wissen. Otto: »Klar, sind doch Gottes Kinder.« Mario: »Und wenn sie Scheiß bauen?« Otto kauend: »Meine Mutter liebt mich, auch wenn ich Scheiß bau. Ich denke halt, Gott mag mich immer noch, ob ich Scheiß bau oder nicht. Nur wir Menschen können noch viel anderes, töten und so.« Dragomir fasst zusammen: »Der Teufel kann Scheiß bauen, Gott kann nur lieben, nur Menschen können alles: Scheiß und Liebe.«

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Heute vor 63 Jahren wurde das Grundgesetz in Deutschland verkündet. Zum „Tag des Grundgesetzes" einige Auszüge aus diesem Gesetzbuch:

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu Menschenrechten als Grundlage des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt. Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.

 

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 Die Lehrerin und Autorin Inger Hermann erzählt aus ihrem Alltag in der Schule. Religionsunterricht mit neun Schülern in der sechsten Stunde. Sie schreibt: Melanie weint.

»Was ist los?« frage ich, inzwischen genervt. »Ich habe so Hunger. Ich hab noch gar nichts gegessen.« Eigentlich reicht es mir. Da fällt mir ein, ich habe unten im Auto eine Schachtel Knäckebrot. Beim Auto angekommen, könnte ich das Knäckebrot nehmen und gehen. Aber hier ist es kühl und still. Ja, sie wollen es ver­suchen, ohne schubsen und treten - alle neun ins Auto. Es geht wirklich, ganz eng und ganz gemütlich. Ich verteile das Brot. Wir sitzen im Dunkeln und essen. Dies ist mehr als ein Auto in der Tiefgarage: Urhöhle von Geborgenheit. Und noch anderes wird gestillt als nur der Mittagshunger. Von Moses hatte ich heute erzählen wollen. Und so beginne ich zu erzählen, im Dunkeln - und sie hören zu, entspannt und aufmerksam, wie im ganzen Schuljahr noch nicht."

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Die Lehrerin Inger Hermann erzählt in ihrem Buch „Halt´s Maul, jetzt kommt der Segen" von Mädchen und Jungen, die es schwer haben. Eine davon ist die Portugiesin Paula. So gerne würde sie zu ihrer Oma nach Portugal zurückgehen. 

Gestern war der letzte Schultag vor den Sommerferien. Mein Arbeitszimmer ist erfüllt vom Duft einer einzigen Rose. Paula hat sie mir zum Abschied geschenkt. Sie fährt in den Ferien nach Portugal - vielleicht darf sie ja bei der Oma bleiben. »Sag' mal, wo hast du denn diese wunderschöne Rose her?« frage ich noch. »Ach« sagt sie, »ist doch eigentlich egal, oder?« »Ja Paula, ist egal. Ich danke dir für deine Rose.« Sie begleitet mich zum Schultor, wie so oft im letzten Jahr. Wie gut wäre es, wenn Paula in ihrem Land bleiben könnte, wo nicht Fremdsein, Verzweiflung, Hass und Schläge ihr jede Erfahrung von Gott unmöglich machen. »Nur in Portugal glaube ich an Gott«, hat sie gesagt. Die Rose duftet - auch geklaute Rosen duften, denke ich und freue mich.

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Die Lehrerin Inger Hermann beschreibt in ihrem Buch „Halt´s Maul, jetzt kommt der Segen" den  Alltag an einer Förderschule in der Großstadt, hier ein Gespräch zwischen Religionslehrerin und Schülern. 

„Vater unser, der du bist im Himmel..."
„Wo ist der Himmel?"
„Der Himmel? Überall. Gott ist überall."
„Ist er dann auch im Drei-Farben-Haus?"
„Drei-Farben-Haus? Was ist denn das?"
„Naja, wo die Nutten... Sie wissen schon.
Ich will nur wissen, ist Gott auch da drin?"
Und ich antworte: „Ja."
Ich kann von Gott nur sprechen, kann nur Religionsunterricht halten, wenn ich ihm zumute, überall zu sein. Der Gott, an den ich mich in Gebet wende, den ich unter dem Sternenhimmel erfahren kann, diesem Gott sind meine Schüler nie begegnet. Verschiedene Wege mag es geben, religiöse Erfahrungen zu vermitteln. Für mich bleibt nur der eine: mit den Kindern in die Tiefe auch ihrer dunkelsten Alltagserfahrungen hineinzugehen und zu vertrauen: „Der Name dieser unauslotbaren Tiefe ist Gott."

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