Manuskripte

SWR3 Worte

 Aufstehen, Straßenbahn, vier Stunden Büro oder Fabrik,
Essen, Straßenbahn, vier Stunden Arbeit, Essen, Schlafen,
Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag immer derselbe Rhythmus -das ist sehr lange ein bequemer Weg.
Eines Tages aber steht das „Warum" da,
und mit diesem Überdruss, in den sich das Erstaunen mischt,
fängt alles an.

Ein Text von Albert Camus.

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Der Autor Hanns-Josef Ortheil schreibt darüber, wie er als Kind gebetet hat: 

„Je stiller alles wurde, umso deutlicher aber strahlte das Marienbild auf, so dass ich schließlich sehr ruhig wurde und nur noch in das Gesicht der schönen Maria starrte, als würde ich von ihm in eine Hypnose der Stille versetzt. In dieser Hypnose begann ich zu beten, aber nicht so, dass ich mir bestimmte Worte ausgedacht hätte, sondern eher, indem ich zunächst zuhörte, wie das Beten in mir von selbst begann."

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In meiner Gemeinde gibt es eine Dame, die schreibt Gedichte. Eines gefällt mir besonders gut. Es heißt Hoffnung:

eine starke, unwiderstehliche Kraft liegt im Menschen,
nicht völlig zu verzagen, nicht aufzugeben, auszuhalten die Schmerzen,
zu überwinden das Tal der Depressionen, zu wachsen an der Einsamkeit,
und zu glauben, das alles habe Sinn,
weil wir am Ende von einer Kraft erfüllt werden, die nicht die unsre ist.
Weil uns Trost kommt von einer Seite, die wir nicht erahnten.
Und weil wir plötzlich die Gewissheit haben, dass ein Anderer uns trägt. 

Ein Gedicht von Christa Kratochwil.

 

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„Das jüdische Glaubensbekenntnis beginnt mit den Worten „Höre, Israel". Eine lebendige Beziehung zwischen Gott und Mensch fängt mit dem Hören an. Unter Menschen ist das kein bisschen anders. Verliebte lauschen stundenlang darauf, was der oder die andere zu sagen hat. Diese zärtliche Wissbegierde kann auch die Beziehungen älterer Paare, die von Eltern und Kindern, von Freunden und Kollegen auszeichnen. Ihre Beziehungen sind immer dann gut, wenn sie hören und sich ausreden lassen - auch dann, wenn sie darauf brennen, die eigene Botschaft loszuwerden, zu kommentieren, zu widersprechen. Solche Worte sind auch dann noch aktuell, wenn sie erst nach dem Punkt des anderen laut werden. Nur, wer wirklich zuhört, kann verstehen. Und was beim genüsslichen Zuhören besonders schön ist: Man hört auf, nur um sich selber zu kreiseln, achtet stattdessen auch auf andere Menschen und landet dann bereichert wieder bei sich selbst."

Ein Zitat der Theologin Susanne Breit-Keßler.

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Eine Dame aus unserer Gemeinde schreibt Gedichte und Gebete. Sie erzählen viel von ihr, von dem wie sie lebt, liebt, und auch was sie glaubt. Ein Gebet von ihr heißt „Jesus": 

Du hast die Liebe gelebt,
das hättest Du nicht tun sollen!
Du hast Gesetze gebrochen,
den Sabbat entheiligt,
mit Zöllnern und Dirnen verkehrt
und Aussätzige berührt.
Das hättest Du nicht tun sollen!
Das hat Dich schließlich
das Leben am Kreuz gekostet!
Der gütige, liebende Gott
muss nicht durch Menschenopfer
versöhnt werden.
Nein, Du bist gestorben,
weil Du unbequem warst,
weil Du Dich eingemischt hast
und weil Du die Liebe konsequent
bis zum bitteren Ende gelebt hast.
Du bist Dir und Deiner Überzeugung
treu geblieben!
So konnte sich Gott durch Dich
als der unendlich Liebende erweisen,
und uns zeigen,
dass der Tod
nicht das letzte Wort hat!
Du hast die Liebe gelebt, ich danke Dir!

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Kennen Sie sich in der Küche aus? Dann vergleichen Sie doch einfach mal den Kunstmarkt mit einer Art Bouillon. Ich liebe Bouillon. Auf den ersten Blick glänzt das köstliche Gericht mit seinen vielen Fettaugen. Je mehr, je größer: desto besser. Auf dem Kunstmarkt sind die Fettaugen die Malerfürsten und ihre hochdotierten Bilder, weithin sichtbar, bunt­schimmernd, appetitanregend. Aber: haben Sie schon mal eine Bouillon gesehen, die ausschließlich aus Fettaugen besteht? Die gibt es nicht. Und satt würde man von der auch nicht. Das Entscheidende ist doch die köstliche Kraft-Brühe darunter. Ob Suppe oder Kunst: Das große Ganze besteht nicht nur aus Fettaugen. Eine schlichte, aber eben immer wieder wahre Tatsache.

Aus dem Buch „Kunst ist schön, macht aber noch lange nicht reich" von Wilfried Georg Barber.

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In der „Zeit" berichten Leser und Leserinnen, was ihr Leben reicher macht.Eine Frau schreibt:

„Sonntag früh in der Messe, neben mir ein älterer Herr, mit dem ich mein Gesangbuch teile. Am Ende des Gottesdienstes gibt er mir die Hand und verkündet, nicht ohne Stolz: „Ich bin 96 Jahre alt. Ich wünsche auch ihnen ein erfülltes Leben!"

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