Manuskripte

SWR3 Worte

"20. Juni, Strandfrühstück in Travemünde, ein Tag voller Glück!" Schon am nächsten Tag hatte mich dann der Alltag wieder. Aber ich habe mir im Sommer fest vorgenommen diesen Tag nicht zu vergessen und habe noch schnell einen kleinen Zettel geschrieben, den ich in eine Schale auf der Fensterbank legte. [...]
Seitdem finden wir in dieser Schale immer wieder Platz für unsere Freude: "5. August: Das erste richtige Stück auf dem neuen Saxophon"; 23. September: M. hat die Operation überstanden."
Nun ist die Schale mit kleinen Zetteln gefüllt. Wir sitzen zusammen [...], erklären einander die Notizen oder spüren ihnen und gemeinsam nach. "5. Juli: Am Abend Fahrradtour - es riecht nach Heckenrosen" Schon ist der Ausflug wieder präsent und die Stimmung der lauen Sommernacht gegenwärtig.
Am Ende des Jahres bleibt Dankbarkeit.

Inken Christiansen, Lehrerin in Lübeck
Eine Schale Dankbarkeit

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Es interessiert mich nicht, womit Du Dein Geld verdienst.
Ich möchte wissen, wonach Du innerlich rufst, und ob Du zu träumen wagst, der Sehnsucht Deines Herzens zu begegnen. [...]
Es interessiert mich nicht, welche Planeten im Quadranten zu Deinem Mond stehen. Ich will wissen, ob Du mit dem Schmerz dasitzen kannst, ohne zu versuchen, ihn zu verbergen oder zu mindern.
Ich will wissen, ob Du mit der Freude dasitzen kannst, und uns alle an ihr teilhaben lässt. [...]
Es interessiert mich nicht, wo Du lebst.
Ich will wissen, ob Du aufstehen kannst, nach einer Nacht der Trauer und der Verzweiflung und tust, was getan werden muss.
Es interessiert mich nicht, wo oder was oder mit wem Du gelernt hast.
Ich will wissen, was Dich von innen hält, wenn sonst alles wegfällt.

Oriah Mountain Dreamer, kanadische Schriftstellerin
Die Einladung

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Geht in euren Tag hinaus ohne vorgefasste Ideen,
ohne die Erwartung von Müdigkeit,
ohne Plan von Gott, ohne Bescheidwissen über ihn [...]
Brecht auf ohne Landkarte - und wisst, dass Gott unterwegs zu finden ist, und nicht erst am Ziel.
Versucht nicht, ihn nach Originalrezepten zu finden,
sondern lasst euch von ihm finden in der Armut eines banalen Lebens.

Madeleine Delbrêl, französische Schriftstellerin
Lasst Euch finden
In: Gott einen Ort sichern.

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„Glaubst Du", sagte Sorbas, „dass Gott Mensch wurde und in einem Stall zur Welt kam?"
„Darauf kann man schwer etwas antworten, Sorbas. Ich glaube es und glaube es nicht. Und du?"
„Ach, was soll ich Dir sagen! Wie soll sich da einer auskennen? Als ich noch ein kleines Kind war und meine Großmutter mir Märchen erzählte, hielt ich alles für Unsinn. Und doch zitterte ich und lachte und weinte, als ob ich es glaubte.
Als ich dann erwachsen wurde, warf ich all diese Märchen zum alten Eisen und machte mich sogar lustig darüber.
Aber jetzt, auf meine alten Tage, bin ich wie ein Kind geworden und glaube wieder daran. Was für ein komisches Geschöpf ist doch der Mensch!"

Nikos Kazantzakis
Alexis Sorbas

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Die anderen waren längst zu Bett gegangen und auch für mich war es eigentlich Zeit. Aber nach all den schönen, trubeligen, manchmal auch nervenden Tagen und Stunden konnte ich die weihnachtliche Stille ganz für mich allein genießen.
Im Halbdunkel erkannte ich den Geschenktisch, im Hintergrund den dunklen Baum. Eine Kerze war nicht ganz abgebrannt. Ich zündete sie an. Ruhig stand die Flamme, spiegelte sich in den roten Kugeln und warf weiche zitternde Schatten auf Wände und Möbel.
Ich habe den Kindern erzählt, dass Weihnachten längst nicht zu Ende ist, sondern bis zum 6. Januar geht. Dass die Tage und Nächte zwischen den Jahren ihre besonderen Geheimnisse und Chancen haben. Die will auch ich nutzen als nachdenkliche und erfüllte Zeit. Wann sonst kann man innehalten und den Reiz zwischen Altem und Neuem spüren, zwischen Erinnerung und Vorschau, wenn nicht in diesen Tagen?

Christian Collin
Geheimnis und Chancen.

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Wir fragen uns oft: Wer bin ich, dass ich von mir sagen könnte, ich bin brillant, ich bin begabt und einzigartig.
Ja, im Grund genommen: Warum solltest Du das nicht sein? Du bist ein Kind Gottes. Wenn Du Dich klein machst, hilft das der Welt nicht.
Es hat nichts mit Erleuchtung zu tun, wenn Du glaubst, zusammenschrumpfen zu müssen, damit sich die Leute um Dich herum weniger unsicher fühlen.
Wir sind geboren, um den Glanz Gottes zu offenbaren, der in uns ist. Gottes Glanz ist nicht nur in wenigen von uns, Gottes Glanz ist in jedem Menschen.
Wenn wir unser eigenes Licht scheinen lassen, geben wir anderen ebenfalls die Erlaubnis, ihr Licht scheinen zu lassen.
Wenn wir uns von unserer eigenen Angst befreien, befreien wir mit unserer Gegenwart auch andere.

Marianne Williamson, amerikanische Autorin
In: Return of Love, New York 1993

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Es war einmal ein frommer Mann, der wollte schon in diesem Leben in den Himmel kommen. Darum bemühte er sich ständig in den Werken der Frömmigkeit und Selbstverleugnung.
So stieg er auf der Stufenleiter der Vollkommenheit immer höher empor, bis er eines Tages mit seinem Haupte in den Himmel ragte.
Aber er war sehr enttäuscht: Der Himmel war dunkel, leer und kalt.
Denn Gott lag auf Erden in einer Krippe.

Martin Luther
Zitiert nach: Der Andere Advent 2009/10. Meditationen und Anregungen

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