Manuskripte

SWR3 Worte

Arno Geiger, ein österreichischer Autor erzählt von den Begegnungen mit seinem an Demenz erkrankten Vater:

Da mein Vater nicht mehr über die Brücke in mein Leben gelangen kann, muss ich hinüber zu ihm.
Dort drüben, innerhalb der Grenzen seiner geistigen Verfassung,
jenseits unserer auf Sachlichkeit und Zielstrebigkeit
ausgelegten Gesellschaft, ist er noch immer ein beachtlicher Mensch,
und wenn auch nach allgemeinen Maßstäben nicht immer ganz vernünftig, so doch irgendwie brillant...
Eine Katze streift durch den Garten.
Der Vater sagt:

„Früher hatte ich auch Katzen, nicht gerade für mich allein, aber als Teilhaber."
Einmal als ich ihn frage, wie es ihm geht, antwortet er:
„Es geschehen keine Wunder, aber Zeichen."
Und dann ansatzlos Sätze, so unwahrscheinlich und schwebend, wie sie einem manchmal in Träumen kommen:
„Das Leben ist ohne Probleme auch nicht leichter."

Der alte König in seinem Exil. Arno Geiger

https://www.kirche-im-swr.de/?m=10954

Geld ist nicht nur wichtig, wenn man es hat;
es ist noch viel wichtiger, wenn es fehlt.
Dieser Aspekt findet sogar ins Vaterunser Eingang,
wo das Verhältnis zu Gott wie zu den Mitmenschen
in der Sprache von Schuldnern und Gläubigern beschrieben wird...
Schuld, Vergebung und Erlösung sind Begriffe aus der Ökonomie.
Sie kreisen um die materielle Abhängigkeit,
in die Menschen dadurch geraten,
dass ihnen das Notwendigste zum Leben fehlt.
„Vergebung" ist ursprünglich der Schuldenerlass,
„Erlösung" ist der Freikauf aus Schuldknechtschaft.
Überschuldung ist zu einem zentralen Thema von
Beratung, Seelsorge und Sozialarbeit geworden.
Weil das Geld auch auf diese Weise die Herrschaft
über die Seelen antritt, brauchen wir eine armutsorientierte Diakonie - im eigenen Land wie weltweit.
Im Blick auf den Umgang mit dem Geld ist die Kirche
ein Anwalt der Armen.
Und sie ist ein Anwalt kommender Generationen.
Denen, die nach uns kommen, hinterlassen wir durch Staatsausgaben Schulden in Billionenhöhe. Nachhaltigkeit sieht anders aus.
Christen müssen weiterdenken.

Wolfgang Huber, Bischof in Ruhe auf dem Kirchentag in Dresden

https://www.kirche-im-swr.de/?m=10953

Etty Hillesum, eine niederländisch-jüdische Lehrerin, starb 1943 im KZ Auschwitz-Birkenau. Drei Jahre war sie dort in Haft, sie schreibt:

Das Elend ist wirklich groß,
und dennoch laufe ich oft am Abend,
mit federnden Schritten am Stacheldraht entlang,
und dann quillt es mir immer wieder aus dem Herz heraus -  ich kann nichts dafür, es ist nun einmal so,
es ist von elementarer Gewalt -:
Das Leben ist etwas Herrliches und Großes,
wir müssen später eine ganz neue Welt aufbauen -
und jedem weiteren Verbrechen,
jeder weiteren Grausamkeit müssen wir ein weiteres Stückchen Liebe und Güte gegenüberstellen,
das wir in uns selbst erobern müssen.
Wir dürfen zwar leiden,
aber wir dürfen nicht darunter zerbrechen.
Und wenn wir diese Zeit unversehrt überleben,
ohne Verbitterung, ohne Hass,
dann haben wir auch das Recht,
nach dem Krieg ein Wort mitzureden.
Vielleicht bin ich eine ehrgeizige Frau:
Ich möchte ein sehr kleines Wörtchen mitreden...

Das denkende Herz. Die Tagebücher von Etty Hillesum 1941-1943

https://www.kirche-im-swr.de/?m=10952

Der ehemalige Bischof Wolfgang Huber auf dem Kirchentag in Dresden:

Obwohl das Durchschnittseinkommen der Weltbevölkerung wächst, profitiert davon nur deren oberstes Zwanzigstel.
Neunzehn Zwanzigstel kämpfen damit,
dass ihnen immer weniger Geld zur Verfügung steht. ....
Fast 40 Prozent der Menschheit
müssen täglich mit weniger als zwei Dollar auskommen.
Um ihre Gewinne zu maximieren,
„halten die nationalen und globalen Eliten
Milliarden von Menschen in Armut
und setzen sie Hunger und Infektionskrankheiten, Kinderarbeit und Prostitution, Menschenhandel und Tod aus."
Diese Lage der Menschheit ist ein Skandal - jedenfalls wenn wir sie an dem Maßstab messen, dass jeder Mensch die gleiche Würde hat
und dass deshalb die Bedürfnisse jedes Menschen gleich wichtig sind, an welchem Ort der Welt er auch lebt.
Wechselseitig haben wir die Pflicht,
Schaden von unseren Mitmenschen abzuwenden
und ihnen zum Lebensnotwendigen zu helfen.
Dafür brauchen wir eine Entmythologisierung des Gelds.
Es ist kein Weg zum Heil. Es macht auch nicht glücklich -
erst recht dann nicht, wenn man es zum Gott macht.

Wolfgang Huber, Bischof in Ruhe auf dem Kirchentag in Dresden

https://www.kirche-im-swr.de/?m=10951

Etty Hillesum, eine niederländisch-jüdische Lehrerin, starb 1943 im KZ Auschwitz-Birkenau. Drei Jahre war sie dort in Haft, sie schreibt:
Der Jasmin hinter dem Haus ist jetzt ganz zerzaust
vom Regen und den Stürmen der letzten Tage,
die weißen Blüten treiben verstreut in den schmutzigen Pfützen auf dem niedrigen Garagendach.
Aber irgendwo in mir blüht der Jasmin unaufhörlich weiter,
genauso überschwänglich und zart wie er immer geblüht hat.
Und sein Duft verbreitet sich um deinen Wohnsitz in meinem Inneren, mein Gott.
Du siehst ich sorge gut für dich.
Ich bringe dir nicht nur meine Tränen und ängstlichen Vermutungen dar, ich bringe dir an diesem stürmischen, grauen Sonntagmorgen sogar duftenden Jasmin.
Ich werde dir alle Blumen bringen, die ich auf meinem Weg finde,
und das sind immerhin eine ganze Menge.
Du sollst es so gut wie möglich bei mir haben.
Um nur irgendein beliebiges Beispiel zu nennen:
Wenn ich in einer engen Zelle eingeschlossen wäre
Und eine Wolke zöge am vergitterten Fenster vorbei,
dann würde ich dir die Wolke darbringen, mein Gott.

Das denkende Herz. Die Tagebücher von Etty Hillesum 1941-1943

https://www.kirche-im-swr.de/?m=10950

soll man zu schweigen beginnen
bei den letzten Grashalmen
soll man den Faden verlieren

und den Salzschaum
und das scharfe Zischen des Windes einatmen
und ausatmen
und wieder einatmen

Wenn man den Wind sägen hört
Und das Schlurfen der kleinen Steine
In langen Wellen
soll man aufhören zu sollen
und nichts mehr wollen
nur Meer

Nur Meer

Erich Fried
MEER. Vom Suchen und Sehnen. Publik-Forum EXTRA 3/2011
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https://www.kirche-im-swr.de/?m=10949

Er ist mein Hirt
Und mir fehlt nichts.
Er gibt mir Licht und Leben
Es ist wie am Wasser.
Er stillt meinen Durst.
Er sagt mir wie's weitergeht.
Er ist der Gott, auf den ich hoffte.
Auch dann wenn ich durch eine Nacht
Muss (meine Nacht)
Gerade dann hab ich keine Angst.
Vor nichts.
Denn es ist einer bei mir:
Und das bist DU.
Du gehst mir voraus
Das ist meine Hoffnung.
Du deckst mir den Tisch.
Meine Feinde sehen es
Und können nichts machen.
Du machst mich schön.
Es ist ein Fest!
Und so wird es weitergehen,
solange ich am Leben bin
und sein darf bei IHM

Arnold Stadler
Die Menschen lügen. Alle. Und andere Psalmen

https://www.kirche-im-swr.de/?m=10948