Manuskripte

SWR3 Worte

Ihr Leben schien vorbestimmt: Im dritten Jahrhundert
Als Tochter eines reichen Kaufmanns geboren,
sollte Barbara einen Mann aus angesehenem Haus heiraten.
Damit sich zuvor niemand in ihre Schönheit verliebte,
schloss sie ihr Vater wenn er auf Reisen ging in einen Turm.
Auch wird berichtet, dass er Barbara vom Christentum fernhalten wollte.

Das jedoch gelang ihm nicht: Sie tauschte Briefe
Mit einem Schüler des christlichen Lehrers Origenes,
der sie schließlich als Arzt verkleidet taufte.
Ihr Vater tobte als er davon erfuhr,
ließ sie verprügeln und foltern, aber Barbara blieb fest:
Sie wollte Christin sein.
Schließlich wurde sie zum Tode verurteilt.
Auf dem Weg ins Gefängnis verfing sich ein trockener Zweig in ihrem Kleid.
Sie stellte ihn in ihr Trinkgefäß.

Am Tag ihrer Hinrichtung, dem 4. Dezember blühte er.

ach. Das kleine Buch vom großen Staunen, S. 13 ANDERE ZEITEN Hamburg 2007

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Es ist sehr gut denkbar,
dass die Herrlichkeit des Lebens
um jeden und immer
in ihrer ganzen Fülle bereit liegt,
aber verhängt,
in der Tiefe,
unsichtbar,
sehr weit.
Aber sie liegt dort,
nicht feindselig,
nicht widerwillig,
nicht taub.
Ruft man sie mit dem richtigen Wort,
beim richtigen Namen,
dann kommt sie.

Franz Kafka
Der andere Adventskalender 1.1.07,  Verlag andere zeiten e.V., Hamburg 2006

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Das wäre schön auf etwas hoffen zu können
Was das Leben lichter macht und leichter das Herz
Das gebrochene ängstliche
Und dann den Mut haben die Türen weit aufzumachen
Und die Ohren und die Augen und auch den Mund
Nicht länger verschließen
Das wäre schön
Wenn am Horizont Schiffe auftauchten
Eins nach dem anderen
Beladen mit Hoffnungsbrot bis an den Rand
Das mehr wird immer mehr
Durch Teilen
Das wäre schön
Wenn Gott nicht aufhörte zu träumen in uns
vom vollen Leben einer Zukunft für alle
und wenn dann der Himmel aufreißen würde ganz plötzlich
neue Wege sich auftun hinter dem Horizont
das wäre schön

Carola Moosbach
Lobet die eine. Schweige und Schreigebete, S. 15, Mainz 2000

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Herr der Töpfe und Pfannen,
ich habe keine Zeit, eine Heilige zu sein
und dir zum Wohlgefallen
in der Nacht zu wachen,
auch kann ich nicht meditieren in der Morgendämmerung
und im stürmischen Horizont.
Mache mich zu einer Heiligen,
indem ich Mahlzeiten zubereite
und Teller wasche.
Nimm an meine rauen Hände
Weil sie für dich rau geworden sind.
Kannst du meine Spüllappen
Als einen Geigenbogen gelten lassen,
der himmlische Harmonie
hervorbringt auf einer Pfanne?
Herr der Töpfe und Pfannen,
bitte darf ich dir
anstatt gewonnener Seelen
die Ermüdung anbieten,
die mich ankommt
beim Anblick von angebrannten Gemüsetöpfen?
Erinnere mich an alles, was ich leicht vergesse,
nicht nur um Treppen zu sparen,
sondern dass mein vollendet gedeckter Tisch ein Gebet werde

Teresa von Avila
2.2. 2010 der andere advent 2010/2011 andere zeiten e.v. 2010

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Lass dich fallen.
Lerne Schlangen zu beobachten.
Pflanze unmögliche Gärten.
Lade jemanden gefährlichen zum Tee ein.
Mache kleine Zeichen die „ja sagen" und verteile sie überall im Haus.

Werde ein Freund von Freiheit und Unsicherheit.
Freue dich auf Träume
Weine bei Kinofilmen,
schaukle so hoch du kannst
mit deiner Schaukel bei Mondlicht.

Pflege verschiedene Stimmungen,
verweigere „verantwortlich zu sein",
tu es aus Liebe.
Glaube an Zauberei, lache eine Menge.
Bade im Mondschein.

Träume wilde, phantasievolle Träume.
Zeichne auf die Wände
Lies jeden Tag.
Kichere mit Kindern. Höre alten Leute zu.

Spiele mit allem.
Unterhalte das Kind in dir, Du bist unschuldig
Baue eine Burg aus Decken, werde nass, umarme Bäume,
schreibe Liebesbriefe

Joseph Beuys
1. Januar
der andere advent 2010/2011 andere zeiten e.v. 2010

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Noch eingehüllt in die wohlige Wärme der Decke,
einen großen Schluck leuchtende Morgensonne gegen das Dunkel der Nacht.
Eine kräftige Prise Fröhlichkeit, ein lächeln versuchen.
Eine Handvoll Geduld mit den eigenen Plänen

Dazu ein Hauch Milde und Achtsamkeit als Balsam für die Seele,
ein großer Happen Mut und alles einen Moment wirken lassen -
innehalten vor diesem Tag voll noch unentdeckter Schönheit.

Und dann mit einem tiefen Atemzug und einem ersten Schritt
Den Tag öffnen
Neuer Tag, neue Stunde - mir geschenkt.
Einzunehmen täglich, morgens auf nüchternen Magen.
Dosierung: unbegrenzt.
Nebenwirkungen: keine.

Sabine Schaefer-Kehnert
2. Januar, der andere advent 2010/2011 andere zeiten e.v. 2010

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An diesem Morgen, an einem Tag wie jedem anderen
Steht jemand in ihrer Tür, den sie noch nie gesehen hat.
Und bevor sie nachdenken, fragen rufen kann, hört sie:
Maria. Gott braucht dich. Du wirst schwanger.
Das Kind soll Jesus heißen.
Es wird die Welt verändern, und man wird es Gottes Sohn nennen.

Sie hört den Wind draußen, die Schritte auf der Straße,
alles geht weiter, aber: Ihre Zeit steht still.

Schwanger, hallt es in ihrem Kopf.
Wieso schwanger, das geht nicht,
das geht doch gar nicht.
Wieso ich, will sie einwenden, Sohn Gottes,
was heißt das denn, das kann ich nicht.
Alles gerät durcheinander, nein, will sie rufen, nein.
Aber sie tut es nicht, sie sieht das Licht
Dieses warme Licht,
und auf einmal hat sie keine Angst mehr.
Die Kraft deines Gottes wird in dir sein, sagt der andere.
Und sie antwortet:
Ja. Nichts anderes.
Nur ja.

Nach Lukas 1, 26-38
Das kleine Buch vom großen Staunen, S. 10 ANDERE ZEITEN Hamburg 2007

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