Manuskripte

SWR3 Worte

„Warte auf das Wunder – wie der Gärtner auf das Frühjahr.“ Dieser Satz des Dichters Antoine de Saint-Exupery steckt voller Weisheit für unser alltägliches Leben. Wunder kann man nicht machen. Wunder geschehen vor allem dort nicht, wo Menschen hektisch hin- und herlaufen, wo sie etwas erzwingen wollen. Wunder geschehen dort, wo jemand warten kann. Das Wunder der Blüte kann nur derjenige beobachten der darauf wartet wie der Gärtner. Der Gärtner bereitet mit seiner Arbeit dem Frühling den Weg, aber er kann ihn keinen Augenblick früher herbeiführen. Der Frühling kommt wann er will. Der Gärtner kann nur dabeistehen und warten.

Wachsen lassen – von Anselm Grün
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Als der Meister gefragt wurde ob es ihn denn nicht entmutige dass all seine Mühe anscheinend kaum Früchte trage, erzählte er die Geschichte von einer Schnecke, die an einem kalten, stürmischen Tag im späten Frühjahr aufbrach um den Stamm eines Kirschbaums hoch zu klettern. Die Spatzen auf dem Nachbarbaum lachten über ihr Unterfangen. Einer von ihnen flog auf die Schecke zu und piepste sie an: „He, Du Dummkopf, siehst Du nicht, dass auf dem Baum keine Kirschen sind?“ Der Winzling ließ sich nicht aufhalten und sagte: „Macht nichts, bis ich oben bin, sind welche dran.“

Schneckenweisheit – von Anthony de Mello
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Ich erinnere mich an einen Spaziergang mit meinen Eltern. Wir hörten in einiger Entfernung ein Geräusch und sahen hin: Ein dreijähriger Bub war mit seinem Kinderfahrrad umgekippt und lag auf dem Boden. Wir gingen gleich in Startposition um beim ersten Weinen hinzueilen. Das war nicht nötig. Der Kleine stellte sein Dreirad auf, strampelte wieder los und rief uns über die Schulter aus 50 Meter Entfernung zu: „ Ich muss noch viel üben!“
Imponierend! Keine Beschuldigung des „blöden Dreirads“ oder eines Steines auf der Straße, sondern die schlichte Einsicht: Das ist so, das kann vorkommen, und ich muss noch viel üben, wenn ich weiterkommen will. Was hier kindlich einfach gesagt wird, kann auch so ausgedrückt werden: „Üben ist ein Akt der Hoffnung!“ Wer übt, der hofft. Wer übt, weiß dass der Mensch ein Zeitwesen ist, Zeit hat und Zeit brauchen darf. Der Mensch ist auch ein „Übewesen“.

Hoffen üben – von Willi Lambert
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Wenn ich die Füße ausstrecke – geht meine Seele ihren Weg. Wenn ich die Computertastatur für einen Moment loslasse – habe ich die Hände frei. Wenn ich den nächsten Termin ein kleines Stück von mir wegschiebe – werde ich frei für das was jetzt wichtig ist. Wenn ich ein bisschen weniger „Ich-muss-mich-um-alles-kümmern“ wage - kommt ein bisschen mehr „Ich-darf-ich-selber-sein“ ans Licht.

Pausenlos ist atemlos – von Schwester Aurelia Spendel
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Einfach leben heißt nicht unbedingt etwas zu opfern, sich in Schönem zu beschränken, sich nichts zu gönnen. Einfach leben hat als Ziel besser zu leben, einfach zu sein statt zu kompliziert. Das heißt auch nicht „leben light“. Einfach leben kann zu einem intensiveren Leben führen. Weniger Pläne führe ich genauer, intensiver, vollständiger aus. Weniger Kontakte pflege ich intensiver, aufmerksamer, neugieriger und mit Freude. Weniger Dinge die ich besitze, behandle ich sorgfältiger, bewusster, schonender.

Einfach leben – von Claudia Nitsch-Ochs
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Achte gut auf diesen Tag, denn er ist das Leben – das Leben allen Lebens. In seinem kurzen Ablauf liegt alle Wirklichkeit und Wahrheit des Daseins. Die Wonne des Wachens, die Größe der Tat, die Herrlichkeit der Kraft. Denn das Gestern ist nichts als ein Traum und das Morgen erst eine Vision. Das Heute jedoch - recht gelebt – macht jedes Gestern zu einem Traum voller Glück und jedes Morgen zu einer Vision voller Hoffnung. Darum achte gut auf diesen Tag.

Dieser Tag - von Maulana Dchelaladdin Rumihttps://www.kirche-im-swr.de/?m=7781
Für den Rundfunk sollte ich vor Jahren einen Brief an meine Kinder formulieren. Darin erinnerte ich an eine Szene die sich auf einer der vielen Reisen zugetragen hatte. Wir besuchten eine Kirche, eine ziemlich hässliche, und eines meiner Kinder sagte spontan: „Ist kein Gott drin.“
Meinen Kindern schrieb ich: „Genau das soll in Eurem Leben nicht so sein, es soll ‚Gott drin sein‘, am Meer und in den Wolken, in der Kerze, in der Musik und, natürlich, in der Liebe. In den Wolken, der Kerze, der Musik und in der Liebe.

"Gott drin sein" von Dorothee Sölle
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