Manuskripte

SWR3 Worte

Dem Glauben ergeht es schlecht, wenn man nicht mehr aus ihm, sondern nur über ihn spricht, wenn man ihm also von außen zusieht, ihn beobachtet und analysiert. Das kennen wir aus der Liebe. Auch ihr bekommt es nicht sonderlich gut, wenn sie allzu zudringlich analysiert und zerlegt wird. Es kann einem dann passieren, dass man die Erfahrung der Liebe mit ihrer Analyse verwechselt und schließlich der Analyse mehr traut als der Erfahrung.

Rüdiger Safranski, Heiße und kalte Religionen, in: Der Spiegel Nr. 03/2010 vom 18.01.2010, 120https://www.kirche-im-swr.de/?m=7726
Letztlich hat die Kunst der Muße nichts mit der Zahl der freien Stunden zu tun, sondern mit einer Haltung. »Muße«, so drückt es die österreichische Wissenschaftsforscherin Helga Nowotny aus, »ist die Intensität des Augenblicks, der sich zeitlich zu Stunden oder Tagen ausdehnen kann, um sich auf ein Einziges zu konzentrieren: Eigenzeit.« Diese »Eigenzeit« kann vieles sein – ein intensives Gespräch ebenso wie Musikgenuss oder ein spannendes Arbeitsprojekt, sie kann spielerisch oder ernsthaft sein, zielorientiert oder suchend, aber sie wird immer charakterisiert durch eine Eigenschaft, sagt Nowotny. »Muße ist die Übereinstimmung zwischen mir und dem, worauf es in meinem Leben ankommt.«

Ulrich Schnabel, Die Wiederentdeckung der Muße, in: DIE ZEIT Nr. 01 vom 30.12.2009, 34
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Wer sich gestresst fühlt, bucht den Entspannungskurs, wer die Hausmusik vermisst, gönnt sich neue CDs, wer unter Zeitdruck leidet, kauft den Ratgeber zum Zeitmanagement – so, als ob man sich mit dem Buch oder der CD die Zeit zum entspannten Lesen oder Hören gleich mitkaufen könnte.
Die wahre Kunst des Müßiggangs steht [also] nicht in entsprechenden Muße-Angeboten. Vielmehr gilt es, mit der fatalen Logik des Immer-mehr zu brechen und das trügerische Freiheitsversprechen der Multioptionsgesellschaft zu durchschauen. Wem es gelingt, sich diese Form der Selbstbestimmung zu bewahren, der dürfte am ehesten auch jene innere Ruhe finden, nach der wir uns alle so sehnen.

Ulrich Schnabel, Die Wiederentdeckung der Muße, in: DIE ZEIT Nr. 01 vom 30.12.2009, 34
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Vater unser im Himmel – bist du wirklich da? Und – ist er? Ihr müsst werden wie die Kinder, heißt es dazu in der Bibel. Es ist die Forderung, nicht solange am Gebäude seiner Gewissheiten zu zimmern, bis auch das letzte Schlupfloch zur eigenen Erschütterbarkeit verbaut ist. Beten braucht einen Rest an Kindlichkeit, ein Zutrauen, dass sich die Lücke zwischen dem, was gewiss, und dem, was nur erhofft ist, schließen kann ohne unser eigenes Zutun.

Patrick Schwarz, Auch ein Wunder, in: DIE ZEIT Nr. 53 vom 22.12.2009, 1
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Allenthalben werden wir bombardiert mit Aufrufen, uns zu ändern: Die Buchregale quellen über mit Ratgeber-Literatur, die Wirtschaft verlangt lebenslanges Lernen, die Lage der Welt fordert sofortige Umkehr. Aber wenn es so einfach wäre, wären wir dann nicht schon alle neue Menschen? ... Es hängt nicht alles von dir ab, sagt dem Nichtgläubigen die Lebenserfahrung und dem Gläubigen die Transzendenz-Erfahrung.
Wer betet, wird ein anderer – aber er wird es nicht restlos aus eigener Kraft. Das ist das Versprechen, das das Christentum dem Wahn der Ich-Optimierung entgegensetzt. Ohne den Funken von außen, ohne das Gegenüber, das der Gläubige Gott nennt, ist tiefe Veränderung nicht zu haben.

Patrick Schwarz, Auch ein Wunder, in: DIE ZEIT Nr. 53 vom 22.12.2009, 1
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Wer nicht vergeben will oder kann, bindet Unmengen seelischer Energie, verschwendet die eigene Kraft in Zorn, Rachegedanken, Schmollen, in Hass, Bitterkeit und Wut. Im Verzeihen dagegen liegt die Möglichkeit, die Fesseln der Vergangenheit abzustreifen. Dies setzt aber [wie die Forscher betonen,] eine gut entwickelte Selbstliebe voraus. Nur wer sich selbst mit seinen Fehlern und Schwächen annimmt, entwickelt Verständnis für andere und kann vergeben.

Karin Vorländer, Heilsame Vergebung, in: Christ in der Gegenwart Nr. 1/2010, Verlag Herder Freiburg, 20
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Ich habe in meiner Kindheit gelernt zu glauben, so wie man auch ein Instrument lernt. Als Erwachsener habe ich verlernt, dieses Instrument zu spielen. Jetzt ahne ich, dass es ein Reichtum ist, den ich nicht einfach abgeben sollte. Wenigstens nicht ganz. Früher, wenn Ostermesse war, gab es das Spiel unter uns Kindern, das Osterlicht, die brennende Kerze, aus der Kirche mit nach Hause zu tragen. Also hatten wir diese Kerze und schützten sie gegen den Wind, auf dass sie nicht erlösche. So ähnlich muss ich meinen Glauben jetzt auch schützen, denke ich.

Matthias Stolz, Ich bekenne, in: ZEITMagazin Nr. 52 vom 17.12.2009, 19

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