Manuskripte

SWR3 Worte

Unglaublich schön!
Unser Taxi schaffte in jener Vorweihnachtszeit
in fünfzehn Minuten etwa zwei Häuserblocks.
„Dieser Verkehr ist eine Katastrophe“
schimpfte mein Begleiter.
„er nimmt mir das ganze bisschen Weihnachtsstimmung, das ich habe.“
Mein anderer Begleiter war philosophischer.
„Es ist unglaublich“,
sinnierte er,
„ganz und gar unglaublich“.
Denkt doch bloß – ein Kind,
das vor über zweitausend Jahren
mehr als achttausend Kilometer von hier geboren wurde
verursacht ein Verkehrschaos auf der Fifth Avenue in New York!“
Tja, das ist tatsächlich unglaublich!

Norman Vincent Peale
ach S. 30, Andere Zeiten e.V. Hamburg 2007

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Wir bitten Gott den Allmächtigen
er möge uns behilflich sein;
dass wir Weihnachten nicht
wie Karneval feiern,
dass wir das Wunder von Bethlehem
nicht mit einem Musical plus Domführung plus Reeperbahn
plus Hafenrundfahrt und Rhein in Flammen verwechseln,
sondern dass wir die Stille
und das Heilige, nicht nur in der Nacht neu entdecken-
unser kleines und endliches Sein spüren
aber mit Jesus Christus gleichsam
neu auf die Welt kommen,
auch wenn wir schon betagt sind
Große Freude, ist uns verkündigt worden, soll in uns leben.
Erbarmen und Zuversicht werden uns begleiten,
Christus ist unter uns,
urjung und uralt,
Freiheit und Erlösung als Geschenk

Hanns Dieter Hüsch
Das kleine Weihnachtsbuch, Hanns Dieter Hüsch S. 44 tvd 9. Auflage 2005

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Das Holzpferd lebte länger in dem Kinderzimmer
als irgendjemand sonst.
„Was ist wirklich? fragte eines Tages der Stoffhase...
„Bedeutet es, Dinge in sich zu haben,
die summen und mit einem Griff ausgestattet zu sein?“
„Wirklich“ antwortete das Holzpferd,
„ist nicht wie man gemacht ist.
Es ist etwas, was an einem geschieht.
Wenn ein Kind dich liebt für eine lange Zeit,
nicht nur, um mit dir zu spielen,
sondern dich wirklich liebt, dann wirst du wirklich,“
„Tut es weh?“ fragte der Hase.
„Manchmal“, antwortete das Holzpferd,
denn es sagte immer die Wahrheit.
„Geschieht es auf einmal oder nach und nach?“
„Du wirst“, sagte das Holzpferd.
„Es dauert lange.
wenn du wirklich sein wirst,
sind die meisten Haare verschwunden;
du bist wackelig in den Gelenken und sehr hässlich.
Aber das ist überhaupt nicht wichtig;
denn wenn du wirklich bist, kannst du nicht hässlich sein.
„Ich glaube du bist wirklich“ meinte der Stoffhase.
Das Holzpferd lächelte.

M. Williams
der andere adventskalender 2009/2010, 29.12. Andere Zeiten e.V. Hamburg 2009

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Es war einmal ein frommer Mann,
der wollte schon in diesem Leben
in den Himmel kommen.
Darum bemühte er sich ständig
in den Werken der Frömmigkeit und der Selbstverleugnung.
So stieg er auf der Stufenleiter der Vollkommenheit
immer höher empor,
bis er eines Tages mit seinem Haupte in den Himmel ragte.
Aber er war sehr enttäuscht:
Der Himmel war dunkel, leer und kalt.
Denn Gott lag auf Erden in einer Krippe.

Martin Luther
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An dem Ort, an dem wir recht haben,
werden niemals Blumen wachsen
im Frühjahr.

Der Ort, an dem wir recht haben
ist zertrampelt und hart
wie ein Hof.

Zweifel und Liebe aber
lockern die Welt auf
wie ein Maulwurf, wie ein Pflug.
Und ein Flüstern wird hörbar
an dem Ort, wo das Haus stand
das zerstört wurde.

Jehuda Amichai
Zeit, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 1998

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Zwischen Arbeiten und Konsumieren
soll Stille sein
und Freude,
dem Gruß des Engels zu
lauschen:
Fürchte dich nicht!

Zwischen
Aufräumen und Vorbereiten
sollst du es in dir singen hören,
das alte Lied der Sehnsucht:
Maranata, komm, Gott, komm!

Zwischen
Wegschaffen und Vorplanen
sollst du dich erinnern
an den ersten Schöpfungsmorgen,
deinen und aller Anfang,
als die Sonne aufging
ohne Zweck
und du nicht berechnet wurdest
in der Zeit,
die niemandem gehört
außer dem Ewigen.

Dorothee Sölle
zitiert nach: der andere adventskalender 2009/2010, 30.11. Andere Zeiten e.V. Hamburg 2009)


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heller als alle anderen
unbeschreiblich hell leuchtete er
ein fremder, neuer Stern
Alle anderen Gestirne
auch Sonne und Mond
standen ringsherum.
er aber strahlte heller als alle anderen
alle fragten verwundert
Woher kommt dieser neue unvergleichliche Stern?
Das war das Ende aller Sterndeuterei.
Alle Fesseln der Bosheit wurden gesprengt
Wer nichts über Gott wusste, wurde belehrt
das alte Reich des Bösen wurde zerstört.
Denn Gott war als Mensch erschienen
Leben für immer neu zu machen.
Gott setzte seinen Plan in die Tat um.
Weil es dem Tod an den Kragen ging
geriet alles in Bewegung.

aus dem Brief des Bischofs Ignatius von Antiochien
etwa 100 n. C. an die Epheser

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