Manuskripte

SWR3 Worte

"Der Fußball ist nicht alles. Aber er ist ein starkes Stück Leben". Diese Sätze zitierte Theo Zwanziger, Präsident des Deutschen Fußballbundes, bei der bewegenden Trauerfeier für Fußballtorwart Robert Enke. ... Der Fußball ist ein quasireligiöser Kosmos, der das Alltagsleben der Fans strukturiert, ihm Sinn verleiht. Der Fußball spiegelt das wahre Leben: Siege und Niederlagen, Feindschaften und Freundschaften, Hoffnung und Enttäuschung, Hass und Solidarität, Schein und Sein ... Gerade im Fußball wird greifbar, was Theologen als "kleine Transzendenz" bezeichnen: der Überstieg des eigenen Lebens in etwas Größeres als man selbst. Für viele ist Fußball eben auch ein Stück Religionsersatz.

Hartmut Meesmann, Ein "Gott" kommt jäh zu Tode, in: Publik-Forum Nr. 22 (2009). Publik-Forum Verlagsgesellschaft, Oberursel, 11https://www.kirche-im-swr.de/?m=7264
Mit etwas Zeit und Phantasie könnte man jedes Leben in einen symbolischen Ritterroman umschreiben, denn jede und jeder ist der Ritter in seinem Panzer. Dieser Panzer muss irgendwann geknackt werden oder sich abnutzen, damit das Leben und die Menschen wirklich an sie/ihn herankommen. Unsere Wunden sind die Breschen in der Burg unserer Selbstbehauptung, ohne die wir tödlich erstarren und vereinsamen würden. Sie verbinden uns mehr mit allen anderen Menschen als unsere Stärken.
Leben Sie wie ein Ritter hinter seinen Burgmauern und lassen niemanden an sich heran? Oder wie eine Schlossherrin, die sich durch ihren Wohlstand vom Los der normalen Sterblichen abzusetzen versucht? Und: welche Bresche, welche Wunde gibt es in ihrem Leben, die Sie eng mit anderen Menschen verbindet?

Berhardin Schellenberger, Advent - ein spirituelles Abenteuer, Echter: Würzburg 2002, 106https://www.kirche-im-swr.de/?m=7263
In der jüdisch-christlichen Tradition werden die intensiven spirituellen Erfahrungen fast immer als Impuls-Erfahrungen beschrieben. Wenn Sie in die Bibel hineinschauen, werden sie sehen, dass an allen Stellen, wo - mit irgendwelchen Bildern - eine Gotteserfahrung geschildert wird, sich der oder die Betreffende unverzüglich auf den Weg macht.
Der eigentliche, fruchtbare Raum der spirituellen Erfahrung ist deshalb meiner Überzeugung und Erfahrung nach nicht der Meditationsraum (der kann nur darauf vorbereiten), sondern das gelebte Leben: Nicht in der Ruhe und Abgeschiedenheit, sondern mitten in den ganz und gar nicht ausgewogenen Prozessen des Jubelns wie des Trauerns, der Lust wie des Leidens, des Genusses wie der Krise reift unsere Seele, meist ohne das wir das gleich merken.

Berhardin Schellenberger, Advent - ein spirituelles Abenteuer, Echter: Würzburg 2002, 44https://www.kirche-im-swr.de/?m=7262
Stellen sie sich vor, sie würden nachts im Auto über Land fahren und dabei im Wagen die Innenbeleuchtung eingeschaltet lassen. Sie hätten Mühe, die Straße draußen genau zu überblicken; von der Landschaft würden sie gar nichts sehen. ... Versuchen sie sich ... den Unterschied vorzustellen, wenn Sie mit dem Wagen anhalten, alle Lichter ausschalten, aussteigen und sich zehn Minuten in die Nacht hinausstellen würden. ... Sie würden den Nachtwind im Gesicht spüren, den Wald oder die Wiesen riechen, zum Sternenhimmel aufschauen, die im Mondlicht geheimnisvoll daliegende weite Landschaft und ferne Lichter erkennen (und vielleicht von weit her einen Nachtvogel schreien oder ein Reh bellen hören). So ähnlich, stelle ich mir vor, ist unsere Psyche in eine viel umfassendere Welt einbezogen, die sie gewöhnlich gar nicht wahrnimmt, weil wir kaum einmal anhalten, die Lichter ausschalten und aus dem Wagen aussteigen.

Berhardin Schellenberger, Advent - ein spirituelles Abenteuer, Echter: Würzburg 2002, 23https://www.kirche-im-swr.de/?m=7261
Es steht schlimm um eine Welt, wenn in ihr kein Platz mehr ist für die Wüste und den leeren Raum. Wenn alles erfüllt ist mit Lärm und Verbindungen und Kanälen und Verkehrsadern usw. Bestimmte Bezirke der Welt sollte der Mensch dem einsamen Menschen überlassen. Damit jedem immer die Möglichkeit erhalten bleibe, es mit der Abgeschiedenheit wenigstens zu versuchen. Das Gesetz des totalen Nutzens und der totalen Zweckmäßigkeit ist kein Gesetz des Lebens.

Alfred Delp, Mit gefesselten Händen. Aufzeichnungen aus dem Gefängnis, Knecht: Freiburg 122007, 119https://www.kirche-im-swr.de/?m=7260
zarte.weit gespannte Augenblicke
leicht flüchtig in der Eile der Zeit
Kostbare Lebenszeit
wartend auf Vollendung
warte.zeit
Zeitlebens in ungeduldiger Erwartung
von der Krippe bis zum Kreuz
aus dem Schoß der Mutter drängend ans Licht
im Wechsel von Tag und Nacht zur Ewigkeit
warte.zeit
Kostbare Momente im sich dehnenden Zeitkorridor
staunen über das, was kommen wird
innehalten in dem, was ist
erinnern an das, was war.
Advent

Barbara Biel, in: Warte.Zeit. Ein Adventsbuch für junge Erwachsene. Hg. von Dominik Blum, Verlag Haus Altenberg 2007, 56https://www.kirche-im-swr.de/?m=7259
Aufmerksam sein.
Die Augen offen halten.
Immer unter Strom stehen?
Nein.
Aufmerksam sein.
Mir selbst gegenüber.
Wie geht es mir heute?
Was kann ich mir selber Gutes tun?
In mich heineinhören.
Auf meine innere Stimme hören.
Auch das heißt aufmerksam sein.

Ulrike Tesch, in: Warte.Zeit. Ein Adventsbuch für junge Erwachsene. Hg. von Dominik Blum, Verlag Haus Altenberg 2007, 44https://www.kirche-im-swr.de/?m=7258