Manuskripte

SWR3 Worte

Der du dies hörst sei bereit
Der du hier beginnst, an was willst du dich erinnern?
Wie Sonnenlicht über den glänzenden Boden kriecht?
Welcher Geruch nach altem Holz in der Luft liegt,
welch gedämpfter Klang, der von draußen kommt?

Wirst du der Welt je ein besseres Geschenk machen
als den atmenden Respekt, den du hast,
wo immer du gerade jetzt gehst. Wartest du,
dass die Zeit dir ein paar bessere Gedanken zeigt?

Wenn du dich umdrehst, der du hier beginnst, hebe diesen
neuen Blick, den du fandst; trage alles was du von diesem Tag
verlangst, in den Abend. Diese Spanne, die du verbrachtest,
um dies zu hören, behalte sie fürs Leben –

Was kann dir jemand Größeres geben als jetzt,
der du hier beginnst, genau in diesem Raum, wenn du dich umdrehst?

William Stafford
Wenn ohne Grund die Nacht schön ist. Berliner Anthologie, S.171, Verlag Vorwerk 8

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Am Hofe gab es starke Leute und gescheite Leute,
der König war ein König,
die Mädchen waren schön und die Männer mutig,
der Pfarrer fromm und die Küchenmagd fleißig
- nur Columbin, Columbin war nichts.
Wenn jemand sagte:
„Komm Columbin, kämpf mit mir“,
sagte Columbin: „Ich bin schwächer als du.“
Wenn jemand sagte: „Wieviel gibt zwei mal sieben?“
sagte Columbin: „Ich bin dümmer als du.“
Wenn jemand sagte: „Getraust du dich über den Bach zu springen?“
sagte Columbin: „Nein, ich getrau mich nicht.“
Und wenn der König fragte:
„Columbin, was willst du werden?“
antwortete Columbin
„Ich will nichts werden, ich bin schon etwas.
Ich bin Columbin.“

Peter Bichsel
der andere adventskalender 2009, 1.12., andere zeiten e.V. Hamburg 2009
https://www.kirche-im-swr.de/?m=7070
Es interessiert mich nicht, womit du dein Geld verdienst.
Ich möchte wissen, wonach du innerlich rufst
und ob du zu träumen wagst,
der Sehnsucht deines Herzens zu begegnen.
Es interessiert mich nicht, wie alt du bist.
Ich will wissen, ob du es riskierst,
wie ein Narr auszusehen, um deiner Liebe willen.
Ich will wissen ob du mit deinem Schmerz dasitzen kannst,
ohne zu versuchen, ihn zu verbergen oder zu mindern.
Ich will wissen, ob du mit der Freude da sein kannst,
ohne uns zur Vorsicht zu mahnen.
Es interessiert mich nicht, ob die Geschichte, die du erzählst,
wahr ist.
Ich will wissen ob du jemanden enttäuschen kannst,
um dir selber treu zu sein.
Ich will wissen ob du Schönheit sehen kannst,
auch wenn es nicht jeden Tag schön ist,
und ob du dein Leben aus Gottes Gegenwart speisen kannst.
Es interessiert mich nicht, wo du lebst.
Ich will wissen ob du aufstehn’ kannst, nach einer Nacht der Trauer
und der Verzweiflung und tust, was getan werden muss.
Ich will wissen was dich von innen hält,
wenn alles andere wegfällt.

Oriah Mountain Dreamer, amerikanische Schriftstellerin

https://www.kirche-im-swr.de/?m=7069
„Wenn sie so dasitzen“, fragte ich Bin,
„was machen sie eigentlich?“
Bin sagte: „Sie sitzen so da –
zum Beispiel wenn die Sonne untergeht
über den violetten Hügeln der Wüste,
und schauen die Sonne, nichts weiter.
Sie schauen.
Sie denken nichts anderes als eben die Sonne,
so sehr, so innig, so ganz und gar,
dass sie die Sonne noch immer und immer sehen,
wenn jene, die wir die wirkliche nennen,
lange schon untergegangen ist.
Sie sitzen so da:
sie können sie jederzeit wieder aufgehen lassen.“

Max Frisch
Bin oder die Reise nach Peking, aus: Gesammelte Werke in zeitlicher Folge, Bd 1, Suhrkamp Verlag

https://www.kirche-im-swr.de/?m=7068

Die Überflüssigen haben die Warteschlangen verlassen,
in die sie sich eingereiht haben in den Suppenküchen.
Aus den Behördengängen kommen die Ausgeschlossenen
und werfen Anträge als Papierflieger.
Überforderte hören auf mit ihrer Raserei.
Jetzt stehen sie draußen in der kühlen Nacht
und frieren ein wenig.
Klangfetzen wehen zu ihnen herüber,
Stimmengewirr, Lieder, Musik.
Irgendwo in der Nähe feiern sie ein Fest.
Noch ahnt keiner,
dass in dieser Nacht viele aufgestanden sind.
Mitten im Satz haben sie den Wirtschaftsweisen das Wort genommen
und das Gerede abgeschaltet.
Dann sind sie der Einladung gefolgt.
Kommt her, es wird einer geboren, der sagt:
Diesmal reicht es für alle!
Dann sind sie gelaufen.
Nun tanzen sie auf dem Platz,
Überflüssige, Überforderte, wie auch immer,
und verschwenden ihre Zeit miteinander in Liebe und Freundschaft,
und keiner will mehr haben als das Leben.
Und das Leben ist erschienen mitten unter ihnen.

nach Karl-Heinrich Bieritz
https://www.kirche-im-swr.de/?m=7067

Der erste Blick aus dem Fenster am Morgen
Das wieder gefundene alte Buch
Begeisterte Gesichter
Schnee, der Wechsel der Jahreszeiten
Die Zeitung
Der Hund
Die Dialektik
Duschen, Schwimmen
Alte Musik
Bequeme Schuhe
Begreifen
Neue Musik
Schreiben, Pflanzen
Reisen
Singen
Freundlich sein

Bertolt Brecht
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Die Liebe ist stärker als der Tod von Hanns-Dieter Hüsch

Die Liebe eines Menschen
kannst du nicht begraben,
sie mit Erde zuschaufeln,
wie Urnenasche in den Wind zerstreuen.
Die Liebe eines Menschen
vervielfältigt sich mit seinem Tod
unter den Lebenden tausendfach,
die Liebe kannst du nicht begraben.
Du siehst es bei Jesus aus Nazareth:
Die Liebe eines Menschen
weckt die Schlafenden,
tröstet die Traurigen
ermutigt die Hoffnungslosen.
Die Liebe dieses Jesus
lehrt die Stummen eine neue Sprache,
ist für die Blinden neues Licht,
bringt den Lahmen das gehen bei.
Viele von uns
haben es am eigenen Leib erfahren
und bewahren es im Herzen.

Ich stehe unter Gottes Schutz.
Psalmen für Alletage, S.122, tvd, Düsseldorf 1996

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