Manuskripte

SWR3 Worte


Ein älterer Mann ruft seinen erwachsenen Sohn in Hamburg an: "Ich hasse es, dir deinen Tag zu verderben, aber ich muss dir mitteilen: deine Mutter und ich lassen uns scheiden. Neunundvierzig Jahre Elend sind einfach genug!" "Vater, was redest du denn da", schreit der Sohn entsetzt in den Hörer.

Der Sohn ruft seine Schwester in Berlin an, die bei der Nachricht explodiert: "Was um alles in der Welt, glauben die denn? Warte, ich regle das!"

Augenblicklich ruft sie den Vater in München an: "Vater, ihr lasst euch NICHT scheiden, hörst du? Ich rufe gleich meinen Bruder zurück und wir werden beide morgen bei euch eintreffen. Bis dahin unternehmt ihr nichts, hast du mich verstanden?"

Der alte Mann legt den Hörer auf, dreht sich zu seiner Frau um und
sagt: "Liebling, stell dir vor, Sie kommen beide zu unserem Sommerfest. Und ihren Flug zahlen sie auch selber."
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Es war in einer Zeit, da alle nach härterer Zucht riefen.
In dieser Zeit war sie eine junge Mutter. Ihr kleiner Sohn hatte etwas getan,
wofür er ihrer Meinung nach eine Tracht Prügel verdient hatte. Sie trug ihm auf, in den Garten zu gehen und selber nach einem Stock zu suchen.

Der kleine Junge ging und blieb lange fort. Schließlich kam er weinend zurück und sagte:
Ich habe keinen Stock finden können, aber hier hast du einen Stein, den kannst du ja nach mir werfen.

Da aber fing auch die Mutter an zu weinen, denn plötzlich sah sie alles mit den Augen des Kindes. Das Kind musste gedacht haben:
Meine Mutter will mir wirklich wehtun, und das kann sie ja auch mit einem Stein.
Sie nahm ihren kleinen Sohn in die Arme. Dann legte sie den Stein auf ein Bord in der Küche. Und dort blieb er liegen als ständige Mahnung an das Versprechen, das sie sich in dieser Stunde selber gegeben hatte: Niemals Gewalt!

Astrid Lindgren
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„Eben darin besteht ja die Liebe, das Wunderbare an der Liebe, dass sie uns in der Schwebe des Lebendigen hält, in der Bereitschaft, einem Menschen zu folgen in allen seinen möglichen Entfaltungen...

Das ist das Erregende, das Abenteuerliche, das eigentlich Spannende, dass wir mit den Menschen, die wir lieben, nicht fertig werden:
weil wir sie lieben; solange wir sie lieben...“

Max Frisch
„Du sollst dir kein Bildnis machen“, in: Max Frisch, Tagebuch 1946-1949, Frankfurt/M 1958

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Ein alter Steinmetz wurde nach dem Geheimnis seines erfüllten Lebens gefragt.

Der Alte lehnte sich zurück in seinem Sessel … und antwortete:
“Wissen Sie, jeden Morgen wirft Gott mir mit aller Macht einen Brocken aus Granit oder Buntsandstein in meinen Garten. Dann nennt er mich bei meinem Namen: Lusio, sagt er- Lusio ich bitte dich, forme ihn.

Spät abends, wenn ich nach einem anstrengenden Tag zu Bett gehe. Nehme ich alle Last von meinen Schultern, alles, was schwer auf mir und meiner Seele liegt, alles, was mich bedrückt.

Ich nehme all das zusammen und werfe die ganzen Brocken mit aller Macht in den Garten Gottes und bitte ihn: Herr, forme sie!

Willi Hoffsümmer, Geschichtenkalender 2010, Grünewald 2009, 37. Woche
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Dem hohen Besucher eines Dorfes in der afrikanischen Sahel- Zone wird vom Ältesten das wertvollste Geschenk überreicht, das die Dorfgemeinschaft zu vergeben hat:

Er erhält eine Konservendose, randgefüllt mit Wasser.

Alle haben dazu aus ihren Vorratskrügen beigetragen. Wenn dann der Gast das Getränk an die Lippen setzt, verfolgen ringsum große Augen das seltene Erlebnis:

So viel Wasser für einen einzelnen Menschen!

Willi Hoffsümmer, Geschichtenkalender 2010, Grünewald 2009, 35. Woche
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Ein Schüler fragte den Meister: Bitte sage mir, woran erkenne ich einen guten Menschen?

Einen guten Menschen erkennst du nicht an dem, was er sagt, antwortete der Meister. Er ist auch nicht an dem zu erkennen, was er zu sein scheint. Du kannst ihn aber erkennen an der Atmosphäre, die durch seine Gegenwart erzeugt wird. Denn niemand ist fähig, eine Atmosphäre zu erschaffen, die seinem Geist nicht entspricht.

Willi Hoffsümmer, Geschichtenkalender 2010, Grünewald 2009, 34. Woche

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In China hatte eine alte Frau zwei große Schüsseln. Die hingen von den Enden einer Stange, die sie über ihren Schultern trug. Die eine Schüssel war makellos, die andere hatte einen Sprung.

Mit diesen Schüsseln machte sie sich jeden Tag auf einen langen Weg zum Fluss, schöpfte dort Wasser und ging damit nach Hause. Die makellose Schüssel war immer voll, als sie zu Hause ankam. Die Schüssel mit dem Sprung verlor unterwegs immer die Hälfte Wasser.

Nach zwei Jahren sagte die eine Schüssel: "Ich schäme mich so wegen meines Sprungs, aus dem immer Wasser läuft."
Die alte Frau lächelte. "Ist dir schon aufgefallen, dass auf deiner Seite des Weges Blumen blühen?"
"Ich habe auf deiner Seite des Pfades Blumensamen gesät, weil ich mir deines Fehlers bewusst war. Nun gießt du sie jeden Tag, wenn wir nach Hause laufen. Zwei Jahre lang konnte ich diese wunderschönen Blumen pflücken. "
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