Manuskripte

SWR3 Worte

Gott, ich freue mich zu leben.
In dieser frühen Stunde regt sich die ganze Natur, um dem neuen Tag zu begegnen. […]
Ich bin fasziniert von der Fruchtbarkeit der Erde und der Schönheit des Himmels. […]
Ich mag die Laute der Natur und die Gespräche meiner Familie und Freunde; Ich mag das Schwatzen kleiner Kinder […] und das Gelächter junger Menschen.
Ich mag die Art, wie Frauen und Männer Heime gebaut haben, um zusammen zu sein, sich gegenseitig zu helfen und zu unterstützen.
Gib mir den Mut, Gott, an diesem ruhigen Ort den Dingen ins Auge zu schauen, denen ich ins Auge schauen sollte.
Gib mir Mut, Gott, bevor ich dann hinausgehe, meinen Mitmenschen ins Auge zu schauen.

Rita Snowden, methodistische Theologin aus Neuseeland
Oh, Gott, ich freue mich zu leben. Gebet am Morgen. In: Sybille Fritsch / Bärbel Wartenberg von Potter (Hg.), Die tägliche Erfahrung der Zärtlichkeit. Gebete und Poesie von Frauen aus aller Welt, Gütersloh, 1986

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Die siebenundneunzigjährige Schriftstellerin, Luise Rinser, über Leben und Tod:

Natürlich weiß ich, dass ich sterben muss. Aber was heißt das?

Wer wie ich auf dem Land aufgewachsen ist, […] der kann nicht übersehen, dass alles was lebt zum Sterben hin lebt […]:
die Blüte stirbt, der Samen überlebt;
Abgestorbenes verfault, wird zur Erde und steigt in der von ihm genährten Pflanze wieder ans Licht;
Nichts geht ins Nichts, Sterben bedeutet nirgends das absolute Ende. […]

Dass auch ich selber – in was auch immer für einer Form – unsterblich bin wie das Leben selbst, das ist mir Gewissheit und das genügt mir, um das Sterben nicht zu fürchten.

Luise Rinser
Ich sehen überall Leben, In: Horst Nitschke (Hg.), wir wissen, dass wir sterben müssen, Gütersloh (Gütersloher Verlagshaus Gerd Mohn) 1975

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Brief eines Studenten,

Bitte höre, was ich nicht sage! Lass dich nicht … durch das Gesicht täuschen, das ich mache. Denn ich trage tausend Masken, Masken, die ich fürchte abzulegen.

Ich mache den Eindruck, als sei ich umgänglich, als sei alles sonnig und heiter in mir….als könnte ich über alles bestimmen, so als brauchte ich niemanden.
Aber …bitte, glaube mir nicht! Mein Äußeres mag sicher erscheinen, aber es ist meine Maske….Darunter bin ich wie ich wirklich bin: verwirrt, in Furcht und alleine.
…. Ich verabscheue dieses Versteckspiel, ehrlich. Es ist ein unechtes Spiel. Ich möchte wirklich echt und spontan sein können, einfach ich selbst.

Aber du musst mir helfen. Du musst deine Hand ausstrecken, selbst wenn es gerade das letzte zu sein scheint, was ich mir wünsche….Jedes mal, wenn du freundlich und sanft bist und mir Mut machst, jedes Mal, wenn du zu verstehen suchst…bekommt mein Herz Flügel, sehr kleine Flügel, sehr brüchige Schwingen, aber Flügel. Dein Gespür, dein Mitgefühl und die Kraft deines Verstehens hauchen mir Leben ein. Ich möchte, dass du das weißt.

Dorothee Sölle
Die Hinreise Stuttgart 1976, S.121f
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Der Undercover-Journalist und Schriftsteller Günther Wallraff über die Schöpfung:

Es gibt heute kein Land, kein Gebiet, das von der Gefährdung der Schöpfung nicht betroffen ist. Boden, Wasser und Luft sind von zum Teil hochgiftigen Stoffen verseucht, […] Millionen Menschen dem Hungertod ausgeliefert. […]

Seien wir Realisten: Fordern wir das Unmögliche!
Das heißt: Gewöhnen wir uns nicht an das zur Gewohnheit gewordene Unrecht und an das tägliche Verbrechen an der Schöpfung!
Unsere Utopien und Träume von heute müssen die Realitäten von morgen sein!

Günther Wallraff
Und macht euch die Erde untertan … Eine Widerrede. In: Wer hat Dich so geschlagen? Widerborstige Meditationen, hg. v. Fernsehen DRS, Zürich (Schweizer Verlagshaus) 1989
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Ich sitze im Zug. Das Abteil ist überheizt. In Osnabrück Verspätung.
Auf dem Bahnsteig ein Junge und ein Mädchen, sich küssend, lachend.
Mir gegenüber sitzt ein Mann, Anfang Sechzig: „Die haben alle nicht gelernt zu arbeiten“, presst er aus sich heraus.
Ein junger Mann, seit Bremen schweigend aus dem Fenster schauend, fragt verwundert: „Finden Sie das nicht schön? Ein bisschen mehr Zärtlichkeit unter den Leuten kann ja nicht schaden.“ Der Mann, der keine Antwort erwartet hatte, guckt überrascht auf. Schließlich höre ich ihn sagen: „Ja, da mögen Sie recht haben.“

Hans-Eckehard Bahr, Theologe
In: Hoffen. Geschichten vom gelingenden Leben. Stuttgart (Kreuz Verlag) 1988

https://www.kirche-im-swr.de/?m=5576
Der Rechtsanwalt und Verfasser von Tatortdrehbüchern Dieter de Lazzer über das Vertrauen:

Vertrauen lernt man durch Lust und Dank. Lust habe ich auf die Lieben, auf bewährte und auf neue Freunde, auf neue Interessen und Erfahrungen. Mein Dank für mein Leben weiß kein Ende. […]
Das Gegenteil von Vertrauen ist der Sicherheitswahn. Aber die Mauern Roms wurden nie getestet, der Feind war immer schon drin! […]
Und wer als Politiker nur noch Terroristen sieht, macht sich meines Erachtens zum Komplizen des schlimmeren Übels, der Mafien.
Wir sollten mehr aufs Vertrauen vertrauen. Wie sagt der Prediger (11,1): Schicke Dein Brot übers Wasser, dann wird es zu Dir zurückkommen!

Dieter de Lazzer
Worauf können Sie noch vertrauen? In: Schwäbisches Tagblatt, Tübingen, Mittwoch, 31. Dezember 2008

https://www.kirche-im-swr.de/?m=5575
Heute ist der internationale Frauentag. Dazu Worte der philippinischen Theologin

Elizabeth Tapia:

Ich bin eine Frau,
ich bin Philippinin,
ich bin lebendig, ich kämpfe und ich hoffe.

Ich bin zum Bilde Gottes geschaffen
genau wie alle anderen Menschen auf der Welt;
Ich bin ein Mensch mit Wert und Würde. […]

Ich bin zornig auf Strukturen und Mächte, die Unterdrückung, Ausbeutung und Entwürdigung in Asien und in der ganzen Welt schaffen.

Ich bin Zeugin des Stöhnens, der Tränen und der geballten Fäuste meines Volkes. […] Ich höre ihre Befreiungslieder und ihre Gebete voller Hoffnung.

Ich glaube, dass wir alle - Frauen und Männer, jung und alt, Christen und Nicht-Christen, aufgerufen sind, verantwortlich zu handeln, betroffen zu sein, und uns einzusetzen. JETZT!

Elizabeth Tapia
Wer bin ich? In: Sybille Fritsch / Bärbel Wartenberg von Potter, Die tägliche Erfahrung der Zärtlichkeit. Gebete und Poesie von Frauen aus aller Welt, Gütersloh 1986


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