Manuskripte

SWR3 Worte

Eine Frau beschloss einen Garten anzulegen. Sie bereitete den Boden vor und streute die Samen wunderschöner Blumen aus. Als die Saat aufging, wuchs auch der Löwenzahn. Die Frau versuchte mit allen möglichen Methoden den Löwenzahn auszurotten, aber nichts half. Am Ende machte sie sich auf, um in der fernen Hauptstadt den Hofgärtner des Königs zu befragen.
Der weise alte Gärtner, der schon so manchen Park angelegt hatte, gab ihr viele Ratschläge wie der Löwenzahn loszuwerden sei. Aber was er auch vorschlug, die Frau hatte alles schon probiert.
So saßen die beiden ratlos da, bis am Ende der Gärtner die Frau anschaute und sagte: „Wenn denn alles was ich Dir vorgeschlagen hab nichts genützt hat, dann gibt es nur einen Ausweg: Lerne den Löwenzahn zu lieben!“


aus "Typisch! Kleine Geschichten für andere Zeiten“. Alleinvertrieb: Andere Zeiten, Hamburg, 2007. S.27
https://www.kirche-im-swr.de/?m=5540
Zu einer Einsiedlerin kamen eines Tages Wanderer. Die fragten sie:
„Welchen Sinn siehst Du in einem Leben der Stille?“
Sie war gerade mit dem Schöpfen von Wasser aus einer tiefen Zisterne beschäftigt.
„Schaut in die Zisterne, was seht Ihr?“, fragte sie.
Die Besucher: „Wir sehen nichts.“
Nach einer Weile forderte die Einsiedlerin sie wieder auf: „Schaut in die Zisterne, was seht Ihr?“
Sie bleickten hinunter und sagten: „Jetzt sehen wir uns selbst.“
Die Einsiedlerin sprach: „ Als ich vorhin Wasser schöpfte, war das Wasser unruhig, und Ihr konntet nichts sehen. Jetzt ist das Wasser ruhig, und Ihr erkennt Euch selbst. Das ist die Erfahrung der Stille.“


aus „Typisch! Kleine Geschichten für andere Zeiten“. Alleinvertrieb: Andere Zeiten, Hamburg, 2007. S.7
https://www.kirche-im-swr.de/?m=5539
Ein alter Mann sitzt in einem Bus. In seinem Arm hält er einen wundervollen Blumenstrauß. Eine junge Frau kann ihren Blick nicht von der Blumenpracht lassen. Immer wieder schaut sie zu den bunten Blüten. Kurz vor der nächsten Haltestelle erhebt sich der Mann und geht zu der Frau. Er reicht ihr die Blumen und sagt: „Er ist eigentlich für meine Frau. Aber ich denke sie hätte es gern, dass Sie ihn bekommen. Ich gehe jetzt zu ihr und erzähle ihr, dass ich die Blumen Ihnen geschenkt habe.“
Erstaunt nimmt die Frau den Strauß entgegen. Als der alte Mann aussteigt, sieht sie ihm nach. Er verschwindet durch ein Tor, das auf einen kleinen Friedhof führt.

aus „Typisch! Kleine Geschichten für andere Zeiten“. Alleinvertrieb: Andere Zeiten, Hamburg, 2007. S.15
https://www.kirche-im-swr.de/?m=5538
Der heilige Jakob war mit einem Schüler unterwegs in den Bergen. Als es dämmerte, errichteten sie ihr Zelt und fielen müde in den Schlaf. Vor dem Morgengrauen wachte Jakob auf und weckte seinen Schüler.
„Öffne Deine Augen“, sagte er, „und schau hinauf zum Himmel. Was siehst Du?“
„Ich sehe Sterne, Vater“, antwortete der schlaftrunken. „Unendlich viele Sterne.“
„Und was sagt Dir das?“, fragte Jakob. Der Schüler dachte einen Augenblick nach. „Dass Gott das große Weltall mit all seinen Sternen geschaffen hat. Ich schaue hinauf in den Himmel und fühle mich dankbar und demütig angesichts dieser unendlichen Weiten. Wie klein ist doch der Mensch und wie wunderbar sind die Werke Gottes!“
„Ach Junge“, stöhnte Jakob. „Mir sagt es, dass jemand unser Zelt gestohlen hat!“

aus „Typisch! Kleine Geschichten für andere Zeiten“. Alleinvertrieb: Andere Zeiten, Hamburg, 2007. S. 5
https://www.kirche-im-swr.de/?m=5537
Eines Tages kam Kritias zu Sokrates. Aufgeregt rief er: „Höre Sokrates, das muß ich Dir erzählen, wie ein Freund…“
„Halt ein“, unterbrach ihn der Weise, „Lass sehen ob das was Du mir erzählen willst durch die drei Siebe geht.“
„Drei Siebe?“, fragte Kritias voll Verwunderung.
„Ja mein Freund, drei Siebe! Das erste Sieb ist die Wahrheit. Ist das was Duz mir erzählen willst, wahr?“
„Nun, ich weiß nicht, ich hörte es erzählen, und…“
„Aber vielleicht hast Du es im zweiten Sieb geprüft, dem Sieb der Güte. Ist das was Du mir erzählen willst, wenn schon nicht als wahr erwiesen, wenigstens gut?“
Zögernd sagte Kritias:“Nein, das nicht, im Gegenteil…“
„Dann“, unterbrach ihn der Weise, lass uns auch das dritte Sieb noch anwenden: ist es notwendig, mir zu erzählen was Dich so erregt?“
„Notwendig nun gerade nicht…“
„Also“, lächelte Sokrates, „wenn das was Du mir erzählen willst, weder wahr noch gut noch notwendig ist, so las es begraben sein und belaste Dich und mich nicht damit!“

aus „Typisch! Kleine Geschichten für andere Zeiten“. Alleinvertrieb: Andere Zeiten, Hamburg, 2007. S. 11
https://www.kirche-im-swr.de/?m=5536
Eine fromme Frau bittet Gott den Himmel und die Hölle sehen zu dürfen.
Gott erlaubt es ihr und führt sie in einen großen Raum. In seiner Mitte steht auf dem Feuer ein Topf mit einem köstlichen Gericht. Rundherum sitzen Leute mit langen Löffeln, alle stochern in dem Topf, aber sie sehen blass aus, mager und elend. So sehr sie sich auch bemühen, die Stiele der Löffel sind zu lang. Sie können das herrliche Essen nicht in den Mund bringen.
„Was für ein seltsamer Ort“, sagt die Frau. „Das“, antwortet Gott, „ist die Hölle.“
Sie gehen in einen zweiten Raum, der genauso aussieht wie der erste. Auch hier brennt ein Feuer, und darüber kocht ein köstliches Essen. Leute sitzen rundherum, auch sie haben Löffel mit langen Stielen, aber sie sind alle gut genährt, lachen und scherzen. Einer gibt dem anderen mit seinem langen Löffel zu essen.
„Und dies“, sagt Gott, „ist der Himmel.“


aus „Typisch! Kleine Geschichten für andere Zeiten“. Alleinvertrieb: Andere Zeiten, Hamburg, 2007. S. 11
https://www.kirche-im-swr.de/?m=5535
Ein Tourist macht Station in einem Kloster. Er wird freundlich aufgenommen und man bietet ihm ein Mönchszelle als Schlafquartier an. Darin stehen nur ein Bett und ein Stuhl. In der Tür fragt der Tourist erstaunt: „Und wo sind die Möbel?“
„Und wo sind denn Ihre?“ erwidert der Mönch. Verwirrt antwortet der Tourist: „Ich bin ja nur auf der Durchreise.“ Der Bruder lächelt: „Wir auch!“


aus „Typisch! Kleine Geschichten für andere Zeiten“. Alleinvertrieb: Andere Zeiten, Hamburg, 2007. S. 47

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