Manuskripte

SWR3 Worte

frisch gestrichen
weiß und unberührt
kommt unverblümt
das jahr

geh setz dich
zu mir

wohin denn
sonst

blendend fließt und
strömt dem du
dich überlassen magst
nicht doch

hast keine wahl

Michael Lipps

ichael Lipps, Das Schöne zuerst. Mannheim 2008
https://www.kirche-im-swr.de/?m=5178
Es war überhaupt wunderbar.
In diesen Wintertagen auf Saltkrokan Pelle zu sein.
Malin sah, wie er umherging und vor Glück strahlte.
Als sie eines Abends allein in der Küche waren, fragte sie ihn,
was ihm denn so viel Freude machte.
Pelle kauerte sich auf dem Küchensofa zusammen
und überlegte ein Weilchen.
Dann erzählte er Malin, was ihm so viel Freude mache:
„Zum Beispiel...“ begann er.
Morgens hinauszugehen wenn frischer Schnee gefallen ist,
und den Weg zum Brunnen ... freischaufeln helfen.
Die verschiedenen Spuren der Vögel im Schnee zu beobachten.
Weihnachtsgarben für alle Sperlinge und Kohlmeisen
in die Apfelbäume hängen.
Einen Tannenbaum zu haben,
den man im Wald zusammen mit den anderen hat holen dürfen.
In der Dämmerung zum Schreinerhaus zurückkommen,
wenn man Ski gelaufen war, und sich im Flur den Schnee abzuschütteln
und hineinzukommen und das Feuer im Küchenherd zu sehen.
Abends über den Hausboden gehen
und sich ein bisschen im Dunkeln zu fürchten.
In der Küche sitzen und sich mit Malin zu unterhalten...
und Zimtwecken zu essen und Milch zu trinken
und überhaupt keine Furcht zu haben.

Astrid Lindgren

Ferien auf Saltkrokan. Astrid Lindgren, Oetinger, Hamburg 1992https://www.kirche-im-swr.de/?m=5177
Unsere tiefste Angst ist nicht die vor der Unzulänglichkeit.
Unsere tiefste Angst ist die vor unserer unermesslichen Kraft.
Es ist das Licht in uns, nicht die Dunkelheit,
die uns am meisten ängstigt.
Wir fragen uns: Wer bin ich, dass ich von mir sage,
ich bin brillant, ich bin begabt und einzigartig.
Ja, im Grunde genommen: Warum solltest du das nicht sein?
Du bist ein Kind Gottes.
Wenn du dich klein machst, hilft das der Welt nicht.
Es hat nichts mit Erleuchtung zu tun, wenn du glaubst,
zusammenschrumpfen zu müssen,
damit sich die Leute um dich herum weniger unsicher fühlen.
Wir sind geboren, um den Glanz Gottes zu offenbaren, der in uns ist.
Gottes Glanz ist nicht nur in wenigen von uns,
Gottes Glanz ist in jedem Menschen.
Wenn wir unser eigenes Licht scheinen lassen,
geben wir anderen ebenfalls die Erlaubnis, ihr Licht scheinen zu lassen.
Wenn wir uns von unserer eigenen Angst befreien
befreien wir mit unserer Gegenwart auch andere.

Nelson Mandela in seiner Antrittsrede als Präsident Südafrikas 1994
https://www.kirche-im-swr.de/?m=5176
Als Jiri Izrael
einer der Stillen im Getümmel der Welt
vor Ostern im Jahre fünfzehnhunderteinundfünfzig
bei Torun über die gefrorene Weichsel ging
begann vor seinen Füßen plötzlich das Eis zu brechen
Und Jiri Izrael sprang
von Scholle zu Scholle
und sang dabei den Psalm
Lobet im Himmel den Herrn lobet ihn in der Höhe
lobet ihn all seine Heer
Von Scholle zu Scholle
Lobet ihn Sonne und Mond lobet ihn alle leuchtenden Sterne
Von Scholle zu Scholle
Lobet ihn ihr Himmel aller Himmel
und ihr Wasser über dem Himmel
Von Scholle zu Scholle
Lobet den Namen des Herrn alle Dinge
denn er gebot da wurden sie geschaffen
Von Scholle zu Scholle
Lobet den Herrn auf Erden
ihr großen Fische und alle Tiefen des Meeres
Von Scholle zu Scholle
Lobet den Namen des Herrn
denn sein Name allein ist hoch
seine Herrlichkeit reicht so weit Himmel und Erde ist
Und so gelangte Jiri Izrael aus der Strömung des Flusses
glücklich ans Ufer
https://www.kirche-im-swr.de/?m=5175
Auch ungelebtes Leben
geht zu Ende
zwar vielleicht langsamer
wie eine Batterie in einer Taschenlampe
die keiner benutzt.
Aber das hilft nicht viel:
Wenn man (sagen wir einmal) diese Taschenlampe
nach so- und so vielen Jahren anknipsen will
kommt kein Atemzug Licht mehr heraus
und wenn du sie aufmachst
findest du nur deine Knochen
und falls du Pech hast
auch diese schon ganz zerfressen

Da hättest du
genau so gut
leuchten können!

Erich Fried
https://www.kirche-im-swr.de/?m=5174
dank sei dir gott
für die wege des lebens

für den weg
den du mich leitest
für die wege
die ich gegangen bin

für den weg
den ich erkunde
für die wege
die ich noch nicht kenne

dank sei dir gott
für die zeiten der ruhe
die zeit der rast

dank sei dir gott
für weggefährtinnen
wegefährten hier und da

für menschen
die kundig sind in ihrem rat

dank sei dir für den engel
den du sendest vor mir her

dass du uns verbindest
uns heilst

du weg und ziel

Michael Lipps

Michael Lipps, Das Schöne zuerst. Mannheim 20087
https://www.kirche-im-swr.de/?m=5173
Dass ich den Schöpfer preisen möge,
der alle Dinge lenkt,
den Himmel mit seinen Engeln,
die Luft die See, ja schlichtweg alles.

Dass ich gerne mit Hilfe eines meiner Bücher
nachsinne über das, was meiner Seele gut tut,
eine Weile zum Lobpreis des geliebten Himmels nutze,
mich einen Zeitraum den Psalmen zuwende.

Dass ich Zeit haben möge,
Seetang von den Felsen zu ernten,
oder Gelegenheiten zu fischen,
eine Spanne Zeit, die Armen zu speisen,
auch um in meiner Zelle zu sein.

Zeit zum Beten für das Königreich des Himmels, für unsere Erlösung wünsche ich mir, dazu eine Arbeit, nicht zu schwer –
das könnte mir gefallen.

St Columcille, 12. Jahrhundert

der andere advent 2003/2004. Andere Zeiten e.V. Hamburg 2003
https://www.kirche-im-swr.de/?m=5172