Manuskripte

SWR3 Worte

Man denkt sich das Leben gern als einen Strom, der aus der Quelle entspringt und dann, immerfort wachsend, weiterfließt, bis er im Meer endet. Das Bild ist gut, es sagt aber nur die Hälfte der Wahrheit. ... Mit jedem Erwachen beginnt etwas Neues; ein Tag, der noch nie war. Wir vergessen das leicht. Wir sagen: Drei Tage, zwanzig Tage, hundert Tage, als ob es gleichmäßige Zeitmünzen wären, die man beliebig zählen kann; in Wahrheit gibt es jeden Tag nur einmal. In Wahrheit geht das Zählen nur auf der Oberfläche; den Kern zählen wir nicht. Denn es ist ja ein Lebenstag, mein Lebenstag, deiner, und eines jeden von uns. Der war noch nie und wird nie wiederkommen; ist anders als alle anderen und durch keinen zu ersetzen.

Romano Guardini, Nähe des Herrn. Betrachtungen über Advent, Weihnachten, Jahreswende und Epiphanie, Werkbund-Verlag: Würzburg 31964, 65f
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Amerika und Europa haben innerhalb weniger Wochen ein Rettungspaket für die Banken in Höhe von 2000 Milliarden Dollar bereitgestellt. Jedoch haben die Industriestaaten es bis heute nicht geschafft, die schon zur Jahrtausendwende angezielten 50 Milliarden Dollar zusammenzubekommen, um die Millenniumsziele, darunter die Halbierung des Hungers, bis 2015 zu erreichen.

Aus: CiG 48 (2008), 530
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Wer nach Glück fragt, kommt an kein Ende. Unser Leben ist darum auch ein einziger Roman von der Schwierigkeit, glücklich zu sein. Entscheidend ist, dass wir dieser Schwierigkeiten eingedenk bleiben und sie immer wieder durchbuchstabieren. Nicht zuletzt dann haben wir die Chance, dass nicht die Enttäuschung, sondern das Glück das letzte Wort behält.

Karl Kardinal Lehmann, zit. nach: Zerreiß doch die Wolken. Texte zum Nachdenken, Hg. von M. Schlagheck/S. Schmidt/Th. Sternberg, Herder: Freiburg 2007, 95
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Die Erkenntnis, dass man keine Macht über einen Menschen mehr hat, kann einen glücklich machen. Je intensiver man ihn beherrscht hat, umso größer wird dieses Glücksgefühl. Freiheit, so kommt es mir immer mehr vor, ist eine Freiheit loszulassen, ein Aufgeben von Macht.

Elias Canetti, zit. nach: Zerreiß doch die Wolken. Texte zum Nachdenken, Hg. von M. Schlagheck/S. Schmidt/Th. Sternberg, Herder: Freiburg 2007, 102
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Geht in euren Tag hinaus ohne vorgefasste Ideen,
ohne die Erwartung von Müdigkeit,
ohne Plan von Gott, ohne Bescheidwissen über ihn,
ohne Enthusiasmus, ohne Bibliothek –
geht so auf die Begegnung mit ihm zu.
Brecht auf ohne Landkarte –
und wisst, dass Gott unterwegs zu finden ist,
und nicht erst am Ziel.
Versucht nicht, ihn nach Originalrezepten zu finden,
sondern lasst euch von ihm finden
in der Armut eines banalen Lebens.

Madeleine Delbrêl, zit. nach: Zerreiß doch die Wolken. Texte zum Nachdenken, Hg. von M. Schlagheck/S. Schmidt/Th. Sternberg, Herder: Freiburg 2007, 146
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Zwanzig Minuten einer beharrlichen Aufmerksamkeit ohne Ermüdung sind von unendlich größerem Wert als drei Stunden jenes verbissenen Fleißes mit gerunzelten Brauen, der uns hinterher mit dem befriedigten Gefühl der Pflichterfüllung sagen lässt: „Ich habe tüchtig gearbeitet.“

ASimon Weil, zit. nach: Zerreiß doch die Wolken. Texte zum Nachdenken, Hg. von M. Schlagheck/S. Schmidt/Th. Sternberg, Herder: Freiburg 2007, 78
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Es gibt eine Reihe von Themen, die spätestens ab dem ersten Adventssonntag ebenso unvermeidlich zu sein scheinen wie Spekulatius, Lebkuchen und Glühwein im Vorweihnachtsgeschäft ... Dabei ist „Warten“ vielleicht das existenziellste Thema überhaupt. ... Wer wartet, beobachtet. ... Es wird alle Jahre wieder Zeit, sich die eigene Lebenszeit als Wartezeit bewusst zu machen. Als Zeit der Beobachtung und Einordnung der wilden Mächte in und ums uns, aber auch all des Guten, auf dessen langsames Wachsen wir warten.

Thomas Meurer, Wir erwarten alle etwas, in: CiG 48 (2008), 535

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