Manuskripte

SWR3 Worte

Etwas ist mit meinen Gedanken los, unterbrach (Ebba) sich… Irgendetwas stimmt nicht. Sie nahm eine zurückgelassene Anzeigenzeitung als Gegengift hoch, begann in ihr zu blättern, las aber nicht eine Zeile. Blieb stattdessen in ihrem erschrockenen Inneren verhaftet und wandte sich an den Gott, an den sie nicht glaubte.
Hilf mir, bitte, betete sie. Lass mich nicht wahnsinnig werden. Lass zumindest das Gespräch mit meiner Schwester einen kleinen Schritt in die richtige Richtung sein.
Håkan Nesser, Ungläubiges Gebet


(aus: Håkan Nesser, Mensch ohne Hund, Büchergilde Frankfurt 2007, S. 329-330)

https://www.kirche-im-swr.de/?m=4902
Nein
ich bin meiner Sache nicht sicher
was das Ende betrifft
das Sterben das Grab das Vergehn
und den unaufhaltsamen Tod
der mich aufzehren wird
und austilgt für immer
daran ist kein Zweifel

Und doch bin ich manchmal nicht sicher
und zweifle am Augenschein
und denke nach
ob nicht doch etwas bleibt
von dem was ich war ob nicht doch
im grauen Geröll in dem Staub
in dem Tod eine Spur sich
unvergessen erhält
ob nicht doch einer ist
der mich ruft mit Namen vielleicht
der mir sagt dass ich bin
dass ich sein soll für immer
und leben werde mit ihm

Nein
ich bin meiner Sache nicht sicher
was das Ende betrifft und den Tod
gegen den Augenschein
hoffe ich auf Ihn


Lothar Zenetti: Hoffnung

[aus: Auf Seiner Spur. Texte gläubiger Zuversicht, Schwabenverlag Ostfildern, 2006, S. 187]



https://www.kirche-im-swr.de/?m=4901
O nein, o nein,
ich hab’ mein Leben
nicht im Griff,
überhaupt nicht.
Eher umgekehrt:
ES hat MICH.

ES:
das Leben jetzt,
das Sterben einst,
doch darin, hoff’ ich,
DU.


Kurt Marti: Nicht wirklich im Griff

[Kurt Marti, Ungrund Liebe. Klagen – Wünsche – Lieder, Radius-Verlag, Stuttgart, 2004]

https://www.kirche-im-swr.de/?m=4900
Wir alle sind hier in diesem Land des Exils nur vorübergehende Gäste. Eine Zeit lang können wir unter einem Dach wohnen. Bald aber heißt es, wieder umzuziehen. Seien wir auf der Hut! Wenn wir hart oder nachlässig in der Aufnahme von Fremden waren, dann könnten, wenn der Lauf dieses Lebens abgelaufen ist, auch die Heiligen ihrerseits es zurückweisen, uns aufzunehmen...
Denn weißt du wirklich, ob es nicht Gott ist, den du empfängst, während du glaubst, es nur mit Menschen zu tun zu haben?

Ambrosius von Mailand im vierten Jahrhundert: Über die Gastfreundschaft

[in: Über Abraham, I, 5, 32-35]



https://www.kirche-im-swr.de/?m=4899
Da sind diese vier weißen Tauben,
die sich in das Blau des Himmels schrauben.
Sie leuchten sehr auf beim Steigen,
um sich kurz drauf dunkel zu zeigen.
Das machen sie immer gemeinsam,
nie flog auch nur eine je einsam.
Warum die das tun? Keine Ahnung.
Möglicherweise als Mahnung:
Es ist schön, sich im Aufwind zu wiegen
Es ist gut, nicht alleine zu fliegen
Es ist klar, daß Steigen schon viel ist
Es ist wahr, daß der Weg das Ziel ist.

Robert Gernhardt, Schön und gut und klar und wahr

[Gernhardt, Gesammelte Gedichte 1954-2004, Frankfurt (Fischer) 2005]
https://www.kirche-im-swr.de/?m=4898
(Schicksalsschläge hat) … sie, in den Jahrzehnten, wo sie zu den verbotenen Komponisten gehörte in der Sowjetunion, irgendwie bewältigt. Ich hab sie gefragt: ‚Wie haben Sie in dieser Zeit gelebt?’ Und sie sagte: ‚Ich hab immer nach oben geblickt’. Und damit meinte sie offensichtlich nicht die Zimmerdecke.

Die Geigerin Anne Sofie Mutter über die Komponistin Sofia Gubaidulina
und ihren Blick nach oben - zum Himmel!?


[O-Ton-Beitrag in DLF Die Neue Platte – Sendung 5. 10. 2008 - Ludwig Rink]

https://www.kirche-im-swr.de/?m=4897
Benita Ormson brachte … zwei Geschenke mit, und als sie allein im Zimmer waren, packte sie sie aus. Das eine war eine Tüte Mariannenkaramellen, das andere war eine Bibel.
„Ich bin nicht gläubig“, erklärte Ebba.
„Ich auch nicht“, nickte Benita Ormson. „Würde nie auf die Idee kommen. Aber mit der Bibel ist es etwas anderes, weißt du. … In diesem Buch sind zehntausend Jahre menschlicher Erfahrung gesammelt. Es ist keine Propagandaschrift, es ist Weisheit. Und was du brauchst, das ist Trost. Trost, Liebe und eine reiche Dosis Gnade, es gibt nichts anderes, was dir helfen könnte.“…
„Danke, Benita, … dass du gekommen bist…“
„Aber natürlich, Ebba… Ich lass dir die Bibel und die Mariannen-Bonbons hier, und dann werde ich ein andermal wiederkommen.“

Håkan Nesser, Ein Quantum Trost, sozusagen

(aus: Håkan Nesser, Mensch ohne Hund, Büchergilde Frankfurt 2007, S. 503-505)


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