Manuskripte

SWR3 Worte

Als Kind wusste ich:
Jeder Schmetterling den ich rette
jede Schnecke
und jede Spinne
und jede Mücke
jeder Ohrwurm
und jeder Regenwurm
wird kommen und weinen
wenn ich begraben werde

Einmal von mir gerettet
Muss keines mehr sterben
Alle werden sie kommen
zu meinem Begräbnis

Als ich dann groß wurde erkannte ich:
Das ist Unsinn
Keines wird kommen
Und ich überlebe sie alle

Jetzt im Alter frage ich: Wenn ich sie aber
Rette bis ganz zuletzt
Kommen doch vielleicht zwei oder drei?

Erich Fried

(Es ist was es ist. Liebesgedichte, Angstgedichte, Zorngedicht, Wagenbach Berlin, 10. Aufl, 2003)
3
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Einmal in einer Nacht voller Blütenduft und Sternengeflimmer,
ging der kleine Nachtwächter mit seiner Laterne am Rande der Wiesen entlang.
Da sah er plötzlich, genau vor seinem rechten Fuß,
ein vierblättriges Kleeblatt.
„Oh“, sagte er erfreut.
Und pflückte es ab.
Weil ein vierblättriges Kleeblatt Glück bringt, beschloss er,
die Leute zu wecken.
Denn das Glück ist schöner, wenn man es mit anderen teilt.
„Steht auf!“ rief er. „Ich habe ein vierblättriges Kleeblatt gefunden!“
Da kamen die Leute zu ihm heraus.
Die Blumenfrau, der Dichter, der Drehorgelmann,
das Luftballonmädchen und der Bauer.
Sie setzten sich vor ihre Häuser und hielten Ausschau nach dem Glück.
Sie ließen die Blicke wandern und lauschten in die Nacht.
Ganz in der Nähe geigte eine Grille, und der sanfte Nachtwind pflückte Blütenflocken von den Bäumen und ließ sie über die Dächer rieseln...
Die Leute waren ganz still...
„Wann kommt endlich das Glück?“ fragte da plötzlich das Ballonmädchen.
„Pst“, antwortete der Nachtwächter und legte den Finger auf den Mund.
„Es ist längst da. Die ganze Nacht ist angefüllt mit Glück.
Spürt ihr es denn nicht?“

Gina Ruck Pauquet

(Wenn der Mond auf dem Dach sitzt, Gina Rauck-Pauquet, Recklinghausen 1968)
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Ernesto Cardenal, ein Priester der Armen in Nicaragua übersetzte 1967 die Psalmen. Einer davon klingt so

Verlier nicht die Geduld,
wenn du siehst, wie sie Millionen machen.
Ihre Aktien sind wie das Heu auf den Wiesen.
Beneide nicht die Millionäre und die Kinostars,
denen die Zeitungen acht Spalten widmen,
die in Luxushotels wohnen
und in Luxusrestaurants essen;
bald wird man ihre Namen in keiner Zeitung mehr lesen,
selbst die Gelehrten werden ihre Namen nicht mehr kennen,
denn sie werden abgemäht wie das Heu auf den Wiesen.

Lass dich nicht beunruhigen von ihren Erfindungen
noch von ihrem technischen Fortschritt.
Den Führer den du heute siehst, wirst du bald nicht mehr sehen,
du wirst ihn suchen in seinem Palast -
und nicht finden.
Die neuen Führer werden Pazifisten sein
und Frieden machen.

(Psalmen, Ernesto Cardenal, Wuppertal 2008)
https://www.kirche-im-swr.de/?m=3998
Ein kleiner Junge wollte Gott treffen.
Er packte einige Coladosen und Schokoladenriegel
in seinen Rucksack und machte sich auf den Weg.
In einem Park sah er eine alte Frau,
die auf einer Bank saß
und den Tauben zuschaute.
Der Junge setzte sich zu ihr
und öffnete seinen Rucksack.
Als er seine Cola herausholen wollte,
sah er den hungrigen Blick seiner Nachbarin.
Er nahm einen Schokoriegel heraus
und gab ihn der Frau.
Dankbar lächelte sie ihn an – ein wundervolles Lächeln.
Um dieses Lächeln noch mal zu sehen,
bot ihr der Junge auch eine Cola an.
Sie nahm sie und lächelte wieder
noch strahlender als zuvor.
So saßen sie beide den ganzen Nachmittag im Park
aßen Schokoriegel und tranken Cola.
Sie sprachen kein Wort.
Als es dunkel wurde, wollte der Junge nach hause gehen.
Nach einigen Schritten hielt er inne,
ging zurück und umarmte die Frau.
Die schenkte ihm dafür ihr allerschönstes Lächeln.
Zu Hause fragte ihn seine Mutter:
„Was hast du heute denn schönes gemacht,
dass du so fröhlich aussiehst?“
Der Junge antwortete:
„Ich habe mit Gott Mittag gegessen –
und sie hat ein wundervolles Lächeln.“
Auch die alte Frau war nach Hause gegangen,
wo ihr Sohn sie fragte, warum sie so fröhlich aussehe.
Sie antwortete:
„Ich habe mit Gott Mittag gegessen –
und er ist viel jünger als ich dachte.

Anonym
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Die Nacht, nicht nur laue Sommernächte, stehen im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit von Elisabeth Bronfen in ihre Buch
„Tiefer als der Tag gedacht“
darin schreibt sie:


Mal ist die Nacht Schauplatz für Träume,
Halluzinationen und das Erschaffen künstlicher Welten,
dann Bühne für den moralischen Wettstreit zwischen Gut und Böse,
für den Kampf gegen äußere und innere Dämonen,
dann wieder Ausgangspunkt für eine Expedition an die Grenzen
der Gewissheit.
Reisen ans Ende der Nacht
Laufen oft auf ein Ringen mit den Mächten des Schicksals hinaus,
auf eine Entscheidung zwischen Leben und Tod.
Dabei entpuppt sich die Nacht
Häufig als Zeitraum und zustand,
in dem die Möglichkeit angelegt wird,
in einen neuen Tag einzutreten,
der weder vom Licht einer nächtlichen Sonne ausgeleuchtet
noch von geistiger Umnachtung getrübt ist.
Aus dem Erwachen in der Nacht wird ein Erwachen in und für den Tag.

(PUBLIK-Forum Extra, Die Nacht, Zeit der Geheimnisse, Oberursel, Juli/ August 2008, S. 5)
https://www.kirche-im-swr.de/?m=3996
Gott ich staune,
lauter Wunder
hast du für uns ausgedacht.

Sag wie hast du das gemacht,
dass es Nacht wird jeden Abend –
woher weiß denn das die Nacht?

Woher wissen die Narzissen,
dass sie Ostern blühen müssen?
Und die Gräser auf den Wiesen
dass sie plötzlich wieder sprießen?

Und die Petersiliensamen,
drinnen in der dunklen Erden,
sag’, wie können sie denn wissen,
dass sie Petersilie werden?

Stimmt es dass die Erde rund ist?
Papa sagt, dass sie sich dreht!
Warum rutscht man dann nicht runter
wenn man grade unten steht?

Warum fließen Wasserfälle
unaufhörlich Tag und Nacht?
Großer Gott, ich kann’s nicht fassen,
wie du das hast werden lassen,
wie du alles hast gemacht.

Renate Schupp

(Gerhard Vicktor, Renate Schupp, Gemeinsam Feiern. Ernst Kaufmann Verlag 1984)
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Schläfrig singt der Küster vor
Schläfrig singt auch die Gemeinde
Auf der Kanzel der Pastor
Betet still für seine Feinde

Dann die Predigt, wunderbar
Eine Predigt ohnegleichen
Die Baronin weint sogar
Im Gestühl, dem wappenreichen

Amen. Segen. Türen weit.
Orgelton und letzter Psalter
Durch die Sommerherrlichkeit
Schwirren Schwalben, flattern Falter

Detlev von Liliencron


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