Manuskripte

SWR3 Worte

Petra Kopf, Tänzerin und Choreografin hat in Namibia Frauen kennen gelernt, von denen Sie das Tanzen lernte. Besonders ein Mädchen hat ihr gezeigt, was Tanzen ist. Nämlich:

Mit Leichtigkeit in die Tiefe gehen,
das Fremde in sich einlassen
und es zum Eigenen machen.
Getragen werden von allem,
was uns lebendig hält
und uns mit Liebe erfüllt.
Es gibt keine alten Menschen.
Die Seele bleibt immer gleich jung.
Sie kann weitertanzen,
auch wenn der Körper nicht mehr alle Möglichkeiten hat.
Es ist die Leichtigkeit in uns,
die uns jung bleiben lässt
und sich der Schwerkraft des Körpers entgegensetzt.

TANZEN. Im Takt des Lebens, Publik Forum EXTRA, Publik-Forum Verlagsgesellschaft mbH, Oberursel 2008

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Ein kleines Mädchen tanzt in der Wüste Namibias mit einer deutschen Tänzerin:

Da gibt es plötzlich eine Wolke über uns.
Dicke Tropfen fallen.
Das Gesicht des Mädchens leuchtet auf:
“Regen“ juchzt es
Es hüpft und wirbelt unter den Regentropfen
streckt seine Zunge heraus
und tanzt wild und ungestüm.
Kleine gelbe Blüten
die ich vorher nicht bemerkt hatte
öffnen sich im roten Sand.
Als über uns ein Regenbogen strahlt,
kann ich nicht mehr anders:
Ich tanze mit ihm,
und wir lachen und lachen.
Nie ist mir bewusster geworden
auf welche Weise der Tanz uns verbinden kann,
ungeachtet aller kulturellen und sprachlichen Grenzen.
Der Körper kann nicht lügen
er weiß wohin unsere Seele will,
und möchte dem Ausdruck verleihen.

Petra Kopf

TANZEN. Im Takt des Lebens, Publik Forum EXTRA, Publik-Forum Verlagsgesellschaft mbH, Oberursel 2008
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Das kleine Mädchen streckt seine braune Hand nach mir aus.
Es fasst meine Finger,
ich fühle seine trockene, etwas raue Haut.

Es spricht mit mir.
Seine Stimme ist tiefer, als ich vermutet hätte.
Die Sprache die ich nicht verstehen kann
klingt fremder als alle Sprachen die ich je gehört habe.
Klicklaute und Zungenschnalzen
geben einen Rhythmus an,
glucksende Töne rollen über ihre Lippen.
und plötzlich wird aus dem freundlichen Geplapper ein Lied,
eine Melodie.
Das Mädchen lächelt mich an.
Seine Hände lösen sich von meinen, nicht jedoch sein Blick.
Die Arme heben sich zum Himmel
während seine Füße energisch in den Sand stampfen.
Es spricht, es singt, seine Bewegungen sind voller Grazie.
Nicht einen Moment lässt es mich aus den Augen.
Ich habe keine andere Antwort als meine eigenen Bewegungen,
meine Sprache die es nicht versteht, das Lied das es nie gehört hat.
Weit klingen unsere Stimmen durch die Wüstenlandschaft.
Unsere Hände tanzen und klatschen, erfinden eine eigene Sprache.

Petra Kopf

TANZEN. Im Takt des Lebens, Publik Forum EXTRA, Publik-Forum Verlagsgesellschaft mbH, Oberursel 2008

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Helena Waldmann, Choreographin und Tänzerin meint:

(Im Tanz) regt sich ein Schrei nach Freiheit.
Da rührt sich eine herumirrende Seele, die wild tanzt und wirbelt.
Tanzen bedeutet immer auch feiern.
Und auch feiern ist etwas, das wir hierzulande wieder entdecken müssen.
Die Menschen in Deutschland sind total auf Arbeit fixiert –
und wissen mit ihrem Feier – Abend nichts mehr anzufangen.
Diesem Thema gilt meine neueste Choreografie
Sie handelt vom Feiern als Gegengewicht zur Arbeit.
Zu einer guten Feier gehört immer der Tanz.
Weil der Tanz ein Mittel ist, das es erlaubt,
einfach mal den Kopf abzuschalten.

TANZEN. Im Takt des Lebens, Publik Forum EXTRA, Publik-Forum Verlagsgesellschaft mbH, Oberursel 2008
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Helena Waldmann, Choreographin und Tänzerin meint:

Ich bin davon überzeugt
dass der Tanz ein Medium ist,
in dem Kulturen und Religionen miteinander kommunizieren können –
eine Sprache in der sich Muslime und Christen, Juden und Buddhisten verständigen können.
Die Menschen müssen lernen,
Verantwortung zu übernehmen und aktiv zu werden:
nicht vorm Fernseher oder im Zuschauerraum sitzen
und tanzen lassen, spielen lassen, kochen lassen.
Was wäre das für eine Alternative zu sagen
Wir machen das jetzt selbst.

Entscheidend ist, dass sie beim Tanz das Interesse haben,
mit einem anderen ins Gespräch zu kommen.
Und das fehlt mir in diesem Land.
Die Menschen schauen sich kaum in die Augen,
sie machen immer mehr zu.
Wie soll man da erwarten,
dass sie miteinander tanzen

TANZEN. Im Takt des Lebens, Publik Forum EXTRA, Publik-Forum VerlagsgesellschaftmbH, Oberursel 2008
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Herr und Gott
du hast mehr Geduld als ich.
Du hast mehr Zeit.
Wenn ich mich dir überlasse,
habe auch ich Zeit.
Du forderst nicht alles auf einmal.
Während ich nicht mehr will,
nicht mehr kann oder nicht mehr weiterweiß,
wirfst du den Samen aufs Land,
bis er in mir Wurzel schlägt und wächst
und aus meinem Leben Frucht reift.
Deine Frucht.

Jörg Zink

Neues Evangelisches Pastorale. Texte Gebete und kleine liturgische Formen für die Seelsorge, Güterloher Verlagshaus 2005
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Vor lauter Lauschen und Staunen sei still,
du mein tieftiefes Leben;
dass du weißt, was der Wind dir will,
ehe noch die Birken beben.

und wenn dir einmal das Schweigen sprach,
laß deine Sinne besiegen.
Jedem Hauche gieb dich, gieb nach,
er wird dich lieben und wiegen.

Und dann meine Seele sei weit, sei weit,
dass dir das Leben gelinge,
breite dich wie ein Feierkleid
über die sinnenden Dinge.

Rainer Maria Rilke
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