Manuskripte

SWR3 Worte

Mir gefällt besonders gut am Älterwerden, dass es mich auf Normalmaß zurechtstutzt. Zwar ist Hochmut immer unangenehm und fragwürdig, aber im Alter ist er einfach nur noch lächerlich. Das Alter ist eher die Echtzeit für Snobismus. Vieles, wonach es einen früher verlangte, ist nicht mehr so wichtig. ... Selbstwertgefühle, die man bis jetzt nicht errungen hat, werden uns definitiv nicht mehr hinterher getragen. Möglicherweise zweifelt man noch genauso an sich selbst wie früher, kann sich genau so schlecht entscheiden, ist immer noch eitel, besserwisserisch, herrisch, was auch immer – aber es quält uns nicht mehr so. Wir haben uns mit uns selbst abgefunden. Im noch besseren Fall haben wir uns sogar mit uns selbst angefreundet.

Ingke Brodersen/Renée Zucker, Die Zeit der Wahrheit, in: TAZ MAG. Das Wochenendmagazin der Tageszeitung v. 3./4.11.2007, 5

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Es ist eine gewichtige Herausforderung für Gegenwart und Zukunft, die Würde eines Menschen in jeder Lebensphase zu bewahren. ... Wir werden als Gesellschaft insgesamt überlegen müssen, wie diese Herausforderungen zu meistern sind. Krankenkassen und Pflegekasse haben für eine angemessene Versorgung einzustehen. Aber wir sind auch alle miteinander gefordert. Wir brauchen mehr Achtsamkeit in der Gesellschaft aufeinander. Wenn der deutsche Durchschnittsbürger 220 Minuten Fernsehen am Tag schaut, dann wird er doch auch 20 Minuten Zeit haben, die alte Nachbarin zu besuchen oder für den Herrn nebenan eine Besorgung zu machen. Nächstenliebe kann sehr konkret und einfach sein.

Bischöfin Margot Käßmann, Auf ein Wort, in: Chrismon 10/2007, 10
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Wir verlangen, das Leben müsse einen Sinn haben – aber es hat nur genau so viel Sinn, als wir selber ihm zu geben imstande sind. Weil der Einzelne das nur unvollkommen vermag, hat man in den Religionen und Philosophien versucht, die Frage tröstend zu beantworten. Diese Antworten laufen alle auf das Gleiche hinaus: den Sinn erhält das Leben einzig durch die Liebe. Das heißt: je mehr wir zu lieben und uns hinzugeben fähig sind, desto sinnvoller wird unser Leben.

Hermann Hesse, Ausgewählte Briefe, Frankfurt 1974, 466


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Ibm Hazm, Wesir unter den Omajaden in Cordoba, einer der großen arabischen Dichter, hat einmal gesagt: „Schließe Freundschaft, mit wem du willst. Drei Arten von Menschen aber meide: Den Toren, denn er will dir nutzen und schadet nur. Den Menschen, der leicht etwas leid wird: denn gerade wenn du ihm infolge einer langen Freundschaft am meisten vertraust, lässt er dich im Stich. Und schließlich den Lügner: denn wenn du dich am sichersten fühlst, verübt er an dir in einer Weise Unrecht, die du nicht ahntest!“

Eberhard Cyran, Zeit lässt steigen dich und stürzen. Friedrich II. und die letzten Staufer, Patmos: Würzburg 2005, 202


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Ein Blinder sagt zu einem Blinden: Ein schwarzer Tag, an dem wir heute zusammengetroffen sind! Gilt das nicht auch und vor allem für die frommen Eiferer? Wieviel näher dem Leben sind die Dichter. Sie sehen die Schönheit der Welt, sie besingen die Liebe und den Abschied. Ist das nicht auch Frömmigkeit?

Eberhard Cyran, Zeit lässt steigen dich und stürzen. Friedrich II. und die letzten Staufer, Patmos: Würzburg 2005, 48
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Totalitäre Wahrheits- und institutionelle Alleinvertretungsansprüche sind schlicht vorgestrig. In unserer Welt gibt es eben nicht mehr die Wahrheit, die Partei oder die Kirche, sondern nur noch Wahrheiten, Parteien und Kirchen. Jeder hat teil an der Wahrheit, und jeder hat Teilwahrheiten, und alle bleiben auf der Suche nach der Wahrheit.

Friedrich Schorlemmer, Fatales Signal aus Rom, in: Publik Forum Nr. 15/2007, 57
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Eine Kaulquappe hatte einen Weißfisch geehelicht. Als ihr Beine wuchsen und sie ein Frosch zu werden begann, sagte sie eines Morgens zu ihm: „Martha, ich werde jetzt bald einer Berufung aufs Festland nachkommen müssen; es wird angebracht sein, dass du dich beizeiten daran gewöhnst, auf dem Lande zu leben.“ – „Aber um Himmels willen!“, rief der Weißfisch verstört, „bedenke doch, Lieber: Meine Flossen! Die Kiemen!“ Die Kaulquappe sah seufzend zur Decke empor. „Liebst du mich, oder liebst du mich nicht?“ – „Ei, aber ja“, hauchte der Weißfisch ergeben. „Na also“, sagte die Kaulquappe.

Zit. nach: Dietmar Mieth, Die Kunst zärtlich zu sein. Wege zur Sensibilität, Herder: Freiburg 1982, 57
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