Manuskripte

SWR3 Worte

Susanne Breit-Kessler, Evangelische Regionalbischöfin in München,
zum Thema Eros:


Die "schönste Nebensache der Welt" findet gleich auf den ersten Seiten der Bibel statt. In paradiesischer Unbefangenheit begegnen sich Mann und Frau so, wie Gott sie geschaffen hat: "Sie waren beide nackt, der Mensch und sein Weib, und schämten sich nicht". ….
An der Naturgewalt der gegenseitigen Attraktion ist nicht zu rütteln. In der Bibel steht einfach da, welch unaufhaltsame Wucht die Leidenschaft von Mann und Frau in sich trägt. Nicht einmal das Elternhaus hat so viel Anziehungskraft wie der oder die Geliebte, denn "darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seinem Weibe anhangen, und sie werden sein ein Fleisch".…
Zum Einswerden gehört das Neugierige und Behutsame ebenso hinzu wie wilde Leidenschaft und Ekstase … - alles im Vertrauen darauf, sich im Partner … deshalb wieder zu finden, weil man sich an ihn … in einem Augenblick der Unendlichkeit verloren hat.


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Für uns Kinder war Großmutter eine gewaltige Persönlichkeit. Dabei war sie der Statur nach ein zierliches Persönchen. Sie war für uns da, mit dem passenden Wort und der helfenden Tat. Manches habe ich vergessen - eins aber wird mir ewig in Erinnerung bleiben: bevor Großmutter einen Laib Brot anschnitt, zeichnete sie immer das Kreuzzeichen darauf. Andächtig und feierlich.
Diese Geste bedeutet mir viel. Sie erzählt von der Kostbarkeit des Brotes. Und sie gibt einen eindringlichen Hinweis auf Segen und Dank, mehr als wortreiche Vorträge oder kluge Abhandlungen in dicken Büchern.
Großmutter ist lange tot. Ihre Geste aber lebt weiter.

Peter Friebe, zeitgenössischer Lyriker
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„Armut heißt nicht, wenig zu haben. Armut heißt, weniger zu haben als die meisten Anderen.
Ich selber bin arbeitslos. Nach allen Abzügen bleiben mir ungefähr fünf Euro pro Tag zum Leben. Davon kann man Überleben. Aber man kann nicht mehr Mitleben mit den Anderen. Wir sind abgehängt. Viele schämen sich dafür, obwohl die meisten nichts für ihre Arbeitslosigkeit können.
Nein, wir Arbeitslosen hungern nicht, nicht körperlich. Wir hungern nach Gerechtigkeit.“

Maria Salzmann vom Tübinger Arbeitslosentreff
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„Obwohl Armut in Deutschland, einem der reichsten Länder der Erde, inzwischen Tatsache ist, ist sie immer noch ein Tabuthema. Theoretische Abhandlungen […] gibt es viele, aber es reicht nicht zu der Vorstellung, dass Menschen mit einem Dach über den Kopf […] arm sein könnten. Aber in unserem Land sind immer mehr Menschen auf Tafeln und Suppenküchen angewiesen, denn der Hartz IV-Anteil für Ernährung z.B. reicht dafür nicht aus. Wer jeden Monat zittern muß, ob er die Miete und den Strom bezahlen kann, wer sich keine Kleidung und Schuhe mehr anschaffen und kaputte Haushaltsgeräte und Möbel nicht ersetzen kann, wer möglicherweise nicht mal eine Krankenversicherung hat, wer nicht ins Kino oder Theater gehen kann, wer am gesellschaftlichen Leben nicht mehr teilhaben kann, der ist gemessen an den Standards unserer Gesellschaft arm.“

Gabriele Wülfers vom Tübinger Arbeitslosentreff
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Ich glaube nicht an einen alten Mann mit Bart, wie ihn Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle gemalt hat.
Mit dem Apostel Paulus glaube ich an Gott, die Schöpferkraft,
Gott, aus dem und der alles Leben … hervor geht,
die das Leben erhält und alles tut, um es zu schützen,
auch durch meine Hände und mein Denken.
Ich glaube … daran, dass alle Menschen Gottes Geschöpfe sind, von Gott geschaffen, aus Gott geboren. In jedem Menschen tritt mir ein Abbild Gottes entgegen, das ich nicht demütigen, … und beleidigen darf.
Gott hat auch die Menschen, die auf andere Weise an Gott glauben, geschaffen. Ich glaube, dass Gott die Vielfalt der Welt geschaffen hat, möglicherweise auch die Vielfalt der Religionen, für Einheit in Vielfalt.

Bärbel Wartenberg-Potter, Bischöfin der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche
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„Durch eine neue Mobilität … werden Menschen über die Kontinente gebracht. … Alle bringen sie auch ihre Religionen mit. Was man früher nur aus Büchern kannte: jetzt ruft es der Muezzin aus mancher Nachbarschaft. Kopftücher und Turbane werden getragen, … Klöster buddhistischer Stille … kommen zu uns. …
Ich sehe die Geburtswehen einer neuen Zeit, einer tief greifenden Transformation. …
Als Christin habe ich den starken Wunsch, eine neue innere Haltung für mich und die Kirchen für die Begegnung mit den Religionen zu finden. Ich kenne diese Haltung noch nicht. Aber so viel weiß ich: Es gilt, das Heilige der anderen zu sehen und sich auf Augenhöhe zu begegnen. Anderes erträgt die Wahrheit nicht.“

Bärbel Wartenberg-Potter, Bischöfin der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche
https://www.kirche-im-swr.de/?m=2367
Sonntage sind für mich irgendwie aus der Zeit gefallen. Sie haben einen anderen Grundrhythmus als die Wochentage. … Als Kind bin ich in eine Sonntagskultur hineingewachsen, die andere als unfrei empfinden mögen. … Es gab drei klare Regeln:
Die erste: Gottesdienst muss sein. Ganz gleich, wie spät es am Samstag geworden war. …
Die zweite Regel: am Sonntag wird nicht gearbeitet. Keine Stippvisite im Büro, keine Hausaufgaben, keine Bügelwäsche. …
Die dritte Regel hat meine Mutter … eingeführt: für die Mahlzeiten sorgen alle gemeinsam. Am Sonntag soll niemand alleine in der Küche stehen. So halte ich es auch heute noch.
Alle drei Regeln zusammen, strikt befolgt, verschaffen mir ein Höchstmaß an Freiheit. … Sie helfen mir aus dem Viervierteltakt der Woche, diesem Marschrhythmus des Getriebenseins heraus und in ein schwebend-tänzerisches Zeitgefühl hinein.

Petra Bahr, Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland
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