Manuskripte

SWR3 Worte

20OKT2007
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Der Sannyasi, ein indischer Weiser, hatte den Dorfrand erreicht und ließ sich unter einem Baum nieder, […] als ein Dorfbewohner angerannt kam und sagte: „ Der Stein! Der Stein! Gib mir den kostbaren Stein!“
„Welchen Stein?“ fragte der Sannyasi.
„Letzte Nacht erschien mir Gott Shiva im Traum“, sagte der Dörfler, „und sagte mir, ich würde […] einen Sannyasi finden, der mir einen kostbaren Stein geben würde, so dass ich für immer reich wäre.“
Der Sannyasi durchwühlte seinen Sack und zog einen Stein heraus.
„Wahrscheinlich meinte er diesen hier“, sagte er, als er dem Dörfler den Stein gab. „Ich fand ihn vor einigen Tagen auf einem Waldweg. Du kannst ihn natürlich haben.“
Staunend betrachtete der Mann den Stein. Es war ein Diamant. Wahrscheinlich der größte Diamant der Welt, denn er war so groß wie ein menschlicher Kopf.
Er nahm den Diamanten und ging weg. Die ganze Nacht wälzte er sich im Bett und konnte nicht schlafen. Am nächsten Tag weckte er den Sannyasi bei Anbruch der Dämmerung und sagte: „Gib mir den Reichtum, der es dir ermöglicht, diesen Diamanten so leichten Herzens wegzugeben.“

Der Diamant, von Anthony de Mello

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19OKT2007
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von

Ich stehe manchmal neben mir
und sage leise Du zu mir.
Du
Du bist ein Exemplar
wie niemals eines vor dir war.
Du bist der Stern der Sterne.
Das hör ich nämlich gerne.

Jürgen Spohn
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Der Ort an dem wir recht haben – von Jehuda Amichai, einem israelischen Dichter

An dem Ort, an dem wir recht haben,
werden niemals Blumen wachsen
im Frühjahr.

Der Ort, an dem wir recht haben,
ist zertrampelt und hart
wie ein Hof.

Zweifel und Liebe aber
lockern die Welt auf
wie ein Maulwurf, wie ein Pflug.
Und ein Flüstern wird hörbar
an dem Ort, wo das Haus stand,
Das zerstört wurde.


Heute vor 30 Jahren wurde Hanns Martin Schleyer von RAF-Leuten ermordet. Von Menschen, die so sicher waren, dass sie recht haben, dass sie dafür auch töteten.
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Ein etwas anderes Glaubensbekenntnis von Dorothee Sölle

Ich glaube an Gott
der die Welt nicht fertig geschaffen hat
wie ein Ding das immer so bleiben muss
der nicht nach ewigen Gesetzen regiert
die unabänderlich gelten
nicht nach natürlichen Ordnungen
von Armen und Reichen
Sachverständigen und Uniformierten
Herrschenden und Ausgelieferten
ich glaube an Gott
der den Widerspruch des Lebendigen will
und die Veränderung aller Zustände
durch unsere Arbeit
durch unsere Politik


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„Glaubst du, dass wir Satten irgendwann mal alles tun, um den Hunger zu beseitigen? Glaubst du, dass Solidarität einmal so weit reichen wird? Das wäre echt ein Sprung.“
Karim sagt das zu seinem Vater Jean Ziegler, dem Sonderberichterstatter der UNO für das Recht auf Nahrung.
Und der antwortet:

„Die Geschichte kennt solche … Sprünge. Ein Beispiel dafür ist die Entstehung des Staates. In einer fernen Epoche trafen die Menschen eine weitreichende Entscheidung. Bis dahin beschränkte sich die Solidarität … mit dem anderen auf die Familie, auf den Clan, auf das Dorf, also auf vertraute Menschen…
Mit der Entstehung des Staates solidarisierte sich der Mensch zum ersten Mal mit anderen Menschen, die er nicht kannte und wahrscheinlich nie kennen lernen würde. Und dennoch entstanden daraus ein Gefühl nationaler Identität, … und ein für alle verbindliches Gesetz.
Es würde genügen, heute noch einen Schritt weiter zu gehen, damit ein Leben in Würde für alle erreichbar und die Erde menschlich wird.“

Jean Ziegler: Wie kommt der Hunger in die Welt. Ein Gespräch mit meinem Sohn
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Es interessiert mich nicht, womit du dein Geld verdienst.
Ich möchte wissen, wonach du dich sehnst.
Und ob du dich traust, davon zu träumen, dass du dir deinen tiefsten Wunsch erfüllen kannst.

Es interessiert mich nicht, wie alt du bist.
Ich möchte wissen, ob du es riskiert, wie ein Depp dazustehen -
Auf der Suche nach Liebe,
danach, wirklich lebendig zu sein.

Es interessiert mich nicht, welche Planeten die Umlaufbahn deines Mondes kreuzen.
Ich möchte wissen, ob du deinen tiefsten Schmerz kennen gelernt hast.
Ob die Hinterhalte des Lebens dich offen gemacht haben
Oder dich haben welken lassen. Weil du zumachst, aus Angst vor weiterem Schmerz.

Es interessiert mich nicht, ob die Geschichte, die du mir erzählst, wahr ist.
Ich möchte wissen,
ob du jemand enttäuschen kannst, um dir selbst treu zu bleiben.
Ob du es aushältst, Betrügerin genannt zu werden, um deine eigene Seele nicht zu betrügen.

Es interessiert mich nicht, wo, was oder mit wem du studiert hast.
Ich möchte wissen, was dich von innen her aufrecht hält,
wenn alles andere wegfällt.

The Invitation - Die Einladung, von Oriah Mountain Dreamer, kanadische Autorin und Sozialarbeiterin https://www.kirche-im-swr.de/?m=2356
14OKT2007
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Heute ist deutscher Hospiztag. Die Hospizbewegung setzt sich für menschenwürdiges Sterben ein. Eines ihrer Anliegen ist es, Pflege, Sterben, Tod und Trauer aus der Tabuzone herauszuholen.
Der deutsche Dichter Robert Gernhardt hat das auf seine Weise getan: Er hat ein Gedicht über seine sterbende Mutter geschrieben:

Unserer Mutter
am 1.August 2004

Ein immer fremderer Mensch,
unsere Mutter,
auf immer engerem Weg,
unsere Mutter,
aus immer fernerer Welt,
unsere Mutter,
zu immer hellerem Stern:
Unsere Mutter.


Robert Gernhardt
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