Manuskripte

SWR3 Worte

Wie fühlst du dich
du ausländischer Inländer?
Du Bürger von Hannover oder Berlin, München oder Köln
mit nicht deutschem Pass und fremdländischem Aussehen?
Eigentlich hast du direkte Gefahren für deinen Leib und Dein Leben
nicht zu befürchten,
obwohl auch schon Deinesgleichen auf offener Straße
niedergeschlagen worden sind.
Dennoch muss es ein Zufall sein, dass es gerade dich trifft.
Und du willst den Zufall, das Unglück nicht herausfordern.
Pessimistisch bist du nicht,
doch gewisse Vorsichtsmaßnahmen musst du schon treffen,
denn Angst hast du schon, das kannst du nicht mehr leugnen.
Ob du es wahrhaben willst oder nicht,
als Ausländer bist du hier wie ein Fremdkörper
jedenfalls fühlst du dich nicht selten wie jemand,
der eine ansteckende Krankheit hat...
Wenn Du Dein Kind ohne Begleitung aus dem Haus lässt
bist du unruhig...
Abends wenn es dunkel wird bleibst du lieber zuhaus.
... Zurück in Deine Heimat kannst Du nicht,
und wenn Du es kannst, wirst Du auch dort ein Fremder sein.
Hier hast Du Deine Arbeit, eine wichtigen Teil Deiner Geschichte,
ein Stück Deiner selbst,
ein Stück Heimat, eine Heimat auf Abruf, eine Heimat, die Dich nicht will.

Bahman Nirumand(Themenheft 2001, ...denn er ist wie Du... Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, Deutscher Kooordienierungsrat e.V., S.72)
https://www.kirche-im-swr.de/?m=2119
Feindbilder entstehen,
weil Menschen nicht miteinander reden,
sondern übereinander...
Sie werden nicht aus der eigenen Erfahrung gebildet
sondern lange vor dem Kontakt
durch Freundinnen, Eltern und Lehrer gelernt.
Der Kontakt zu den Leuten,
über die ein Vorurteil besteht und die als Feind bezeichnet werden
ist gering...
Der Feind muss abgewehrt oder verdrängt werden.
Seine Ängste und Bedürfnisse werden nicht mehr wahrgenommen.
Der „Asylant“ (zum Beispiel) bleibt die Person,
die mit vielen anderen um Sozialleistungen konkurriert.
Ist der Asylant verschwunden,
so ist ein Konkurrent beseitigt.
Der Flüchtling, der vor Krieg und Hunger geflohen ist,
seine Heimat aufgegeben und Haus und Familie aufgegeben hat,
wird nicht gesehen.
...
Themenheft 2001, ...denn er ist wie Du... Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, Deutscher Kooordienierungsrat e.V., S.122
https://www.kirche-im-swr.de/?m=2118
Es gibt viele Arten zu töten.
Man kann einem ein Messer in den Bauch stecken,
einem das Brot entziehen,
einen von einer Krankheit nicht heilen,
einen in eine schlechte Wohnung stecken,
einen zum Selbstmord treiben,
durch Arbeit zu Tode schinden,
einen in einen Krieg führen usw.
Nur weniges davon ist in unserem Staat verboten.

Bertolt Brecht
https://www.kirche-im-swr.de/?m=2117
Gott unter den Völkern
Du bist der Gott der Versöhnung;
Denn in dir und deinem Geist
Fügt die Welt sich wieder zusammen.

Ich danke dir von ganzem Herzen,
und erzähle alle deine Wunder.

Deine Liebe versöhnt uns mit dir
und sie versöhnt uns mit uns Menschen.
So feiern wir deine Herrlichkeit.

Ich freue mich und bin fröhlich mit dir,
und lobe deinen Namen, Gott unter uns,
dass du die Feindschaft zwischen uns vertrieben
und allen Streit begraben hast.

Darum hoffen wir auf dich;
Denn du verläßt die nicht, die dich suchen.
Dich erkennen wir in deiner Schöpfung,
einmalig und unerschöpflich bist du.

Wir wollen eins sein mit dir,
eines Sinnes mit deinem göttlichen Willen;
denn du bist die Urkraft,
Anfang und Ziel allen Seins.

Hanns Dieter Hüsch nach Psalm 9
(Ich stehe unter Gottes Schutz, Psalmen für Alletage, tvd Düsseldorf 1999

https://www.kirche-im-swr.de/?m=2116
Gott muss wissen, dass ich auf ihn zähle,
dass ich ihn brauche,
dass ich ihm vertraue
und dass er auf mich zählen kann,
dass er mich braucht
und dass er mir vertrauen kann.

Gott muss wissen
dass damit zu rechnen ist,
dass das Gute nicht nur aus dem Guten entsteht,
er soll weder perfekt sein wollen,
noch wollen dass die Welt perfekt ist,
dass ich damit rechne
dass das Gute nicht nur aus dem Guten entsteht,
und ich will weder perfekt sein
noch, dass die Welt perfekt ist.

Gott muss wissen
dass es dennoch Grenzen gibt
dass er nicht glauben soll
ich ließe ihm Dinge durchgehen
die nicht wiedergutzumachen sind
dass es aber Grenzen gibt
dass ich nicht glaube, er ließe mir die Dinge durchgehen
die nicht wieder gut zu machen sind.

anonymus
https://www.kirche-im-swr.de/?m=2115
Wenn der Sommer vorbei ist
und die Ernte in die Scheunen gebracht ist
wenn sich die Natur niederlegt
wie ein ganz altes Pferd
das sich im Stall hinlegt
wenn der späte Nachsommer im Verklingen ist
und der frühe Herbst noch nicht angefangen hat
dann ist die fünfte Jahreszeit.
Nun ruht alles

Die Natur hält den Atem an
an anderen Tagen atmet sie unmerklich aus leise wogender Brust
Nun ist alles vorüber.
Nun sind da noch die Blätter und die Gräser und die Sträucher,
aber im Augenblick dient das zu gar nichts;
wenn überhaupt in der Natur ein Zweck verborgen ist:
im Augenblick steht das Räderwerk still
Es ruht

Kurt Tucholsky
https://www.kirche-im-swr.de/?m=2114