Manuskripte

SWR3 Worte

Albert Einstein hat einmal den Rat erteilt, wir sollten unser Leben nicht nach Jahren, sondern nach Minuten zählen. Vielleicht würde dann das törichte Gerede verstummen, wir hätten keine Zeit.
Doch! Wir haben Zeit! Jeder Mensch. Ausnahmslos. Täglich 24 Stunden. Man kann es leicht im Kopf ausrechnen: das sind 1440 Minuten. 1440 Minuten jeden Tag. So viel Zeit haben wir!

Helmut Claß, ehemaliger Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche von Deutschland
In: Geschenk der Stille. Hrsg. v. Hedwig-Maria Winkler und Erwin Brandes. Metzingen (Brunnquell-Verlag)1977, S.15.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=1709
Der achtjährige Robert liegt noch im Bett. Vor fünf Minuten ist er aufgewacht und seitdem hat er schlechte Laune. Draußen regnet es und er wollte doch heute ins Schwimmbad gehen. … Robert steht auf und schaut hinaus in die graue Regenwelt. Er denkt: „Ihr dummen Wolken, könnt ihr nicht woanders regnen?“
Er schaut auf die Straße, auf der sich eine riesige Pfütze gebildet hat. Jeder Regentropfen, der in die Pfütze fällt, malt einen Kreis ins Wasser, der immer größer wird, bis er sich auflöst. …
Dann wird der Regen noch heftiger. Die Regentropfen platschen in die Pfütze und das Wasser springt richtig hoch. Robert ist begeistert.
Er steht noch eine ganze Weile am Fenster und hat vor lauter Beobachten vergessen, dass er eigentlich gar keinen Regen mag.

Barbara Berger, Leiterin einer großen Kindertagesstätte
Albert Biesinger, Barbara Berger, Marlies Mittler-Holzem: Abend-Oasen. Geschichten. Rituale. Gebete. Spiele. Ein Gute-Nacht-Buch für junge Familien. München (Kösel) 2006, S. 92f.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=1708
Ich habe mir eine kleine Schatzkiste angelegt, in der ich einige auserwählte Dinge aufbewahre, die mir viel bedeuten.
Ein gerahmtes Foto,
eine besonders schöne Muschel, die ich im letzten Urlaub gefunden habe,
die Uhr meines Großvaters.
Hin und wieder öffne ich die Kiste und freue mich über ihren Inhalt.

Tania Konnerth, Kommunikationswirtin
In: Ich freue mich an jedem Tag. 365 Ideen für das kleine Glück. Freiburg, Basel, Wien (Herder) 2002, S. 135.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=1707
Friedrich Schorlemmer, einer der Pfarrer, die die Wende in der DDR vorangebracht haben, meint:

Jeder Mensch, der nach sich selbst fragt, kommt zu Fragen, die er letztendlich nicht beantworten kann:
Wo war ich vor meiner Geburt? Hat es mich da überhaupt schon gegeben? Wo werde ich nach meinem Tod sein? Werde ich dann noch in irgendeiner Form existieren? …
Wer den Dingen auf den Grund zu kommen sucht, wird das als glückhaft erfahren. Große Kunst ist einer der vielen Versuche, den Dingen auf den Grund zu kommen, der unergründlichen Wahrheit eine Form zu geben.
Wir aber schlittern immer wieder in eine Amüsement-Kultur, die die Menschen systematisch davon abhält, sich selbst zum Gegenstand zu werden. Mit der „Entgötterung ins Seichte“, wo nichts mehr erhaben, ehrfurchtsvoll, stauenswert ist, geht auch eine Entmenschlichung einher, weil Menschsein immer auch heißt, nach seinem Menschsein zu fragen.

Friedrich Schorlemmer. In: Friedrich Schorlemmer/ Meinhard Schmidt-Degenhard: Selig sind die Verlierer. Zürich (Pendo-Verlag) 1996, S. 83.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=1706
Margarete Mitscherlich, Psycholanalytikerin und Feministin, feiert heute ihren 90. Geburtstag.
Kathrin Tsainis und Monika Held nach einer Begegnung mit ihr:

„Wer mit Margarete Mitscherlich spricht, ihr zuhört, sie anschaut, der beginnt, anders ans Alter zu denken:
Nicht mehr angstvoll an Verlust, als würden die Jahre das Leben wie Sandpapier flacher und flacher schleifen, sondern an Fülle, … ungebrochene Neugier und Begeisterungsfähigkeit. …
Sie lacht viel, … und wenn sie erzählt, sprudeln so viel Wissen und Weisheit, so viele Erfahrungen und Erlebnisse aus ihr heraus, dass man fast ein wenig demütig werden könnte. …
Sie ist davon überzeugt:
Freiheit und Glück findet nur, wer bereit ist zu hinterfragen und dazu zu lernen, wer den Mut hat, sich dem eigenen Ich zu stellen.
Margarete Mitscherlich hat bis heute nie damit aufgehört, und vielleicht ist das das Geheimnis eines erfüllten Lebens.

Kathrin Tsainis und Monika Held: Klug, Leidenschaftlich, unbeugsam.
Zeitschrift: Brigitte woman. Das Magazin für Frauen über 40. 4/2007, S. 69.
Verlag Gruner + Jahr AG & CO KG, Hamburg.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=1705
Die berühmte Kinder- und Jugendbuchautorin Cornelia Funke, deren Mann im letzten März verstorben ist, über ihre Erfahrung mit Freundschaften:

„Mit 20 war ich wesentlich unsozialer als heute und dachte immer: Das kannst Du auch allein. In den letzten Jahren aber habe ich intensive Beziehungen aufgebaut, schon vor dem Tod meines Mannes.
Es ist gefährlich, wenn man aus einer Notsituation heraus etwas Neues entwickeln muss. Jetzt war es für mich großartig, meine Freunde zu haben. Jeder Blumenstrauß, jede Karte, jeder Anruf hilft! Ich hätte nicht gedacht, dass selbst großer Schmerz durch kleine Gesten so sehr gelindert werden kann.“

Cornelia Funke im Interview mit Franziska Wolffheim: „Die Götter haben mich an den Richtigen Ort geschubst“
Zeitschrift: Brigitte woman. Das Magazin für Frauen über 40. 7/2007, S. 66-71, 68.
Verlag Gruner + Jahr AG & CO KG, Hamburg.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=1704
Gedanken zum Sonntag, von der Theologin Christa Spilling-Nöker:

„Einen Tag freihalten von Arbeit und Pflicht,
um das Geschenk des Lebens zu feiern voller Freude und Glück.

Einen Tag in der Woche nicht unter dem Zwang von Aufgaben stehen,
sondern sich hingeben dürfen in Liebe und Lebenslust. …

Einen Tag in der Woche der tickenden Uhr einen Streich spielen,
sich der Tyrannei ihrer Zeiger entziehen
und sich Zeit schenken für das Gespräch und das Schweigen,
für den Spaß und das Spiel.

Einen Tag in der Woche nicht des Morgens früh aufstehen müssen,
sondern auferstehen dürfen,
schon hier, heute und jetzt,
in eine Gegenwart voller Hoffnung und Licht.“

Christa Spilling-Nöker
In: Sonntäglich leben. Von der Muße und anderen Künsten des Lebens. Eschbach (Verlag am Eschbach) 2001, S.4.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=1703