Manuskripte

SWR3 Worte

Wir müssen beide nur einen Schritt tun,
dann würden wir uns berühren.
Einer von uns beiden könnte auch zwei Schritte tun,
mit dem gleichen Ergebnis.
Aber es wäre nicht dasselbe.

Schritte von Manfred Mai

Quelle: „Glaubwürdig – Gedanken, Geschichten, Gebete.“ Hrsg. Von
Waldemar Wolf. Katholisches Bibelwerk, Stuttgart, 2006, S.130

https://www.kirche-im-swr.de/?m=915
Folgendes Gebet eines Straßenkindes hängt als großes Plakat im Büro eines Hilfsprojekts in Adis Abeba:

„Hallo, Herr, ich bin es, das Straßenkind. Erinnerst du dich an mich? Ich bin mir da nicht so sicher. Ich suche nach dir, jeden Tag, aber du verbirgst dein Gesicht vor mir.
Herr du sagtest, ich bin kostbarer als die Raben, denen du Nahrung gibst. Aber hier bin ich, hungrig. Du sagtest, du würdest mich kleiden wie die Lilien auf dem Felde, aber hier sitze ich und mir ist kalt und ich bin nackt. (Du sagtest, bittet und euch wird gegeben, klopft an und es wird euch geöffnet. Ich bitte die Menschen, aber sie drehen sich weg. Ich klopfe an, aber die Tür öffnet sich nicht.)
Wenn irgendeine meiner Sünden mein Elend verursacht hat, dann bitte ich dich hier und jetzt um Vergebung. Vergib mir, dass ich nicht gebe, denn ich habe nichts. Vergib mir, dass ich nicht liebe, denn ich kenne keine Liebe. Vergib mir meinen Zweifel daran, dass du mein Leben willst.
Herr gib mir Geduld, aber bitte beeile dich!“

Quelle: Unveröffentlichter, handgeschriebener englischer Text auf Plakat. Abfotografiert und übersetzt von Peter Kottlorz https://www.kirche-im-swr.de/?m=914
Ikkyu, der Zen-Meister, war schon als Junge sehr klug. Sein Lehrer besaß eine wertvolle Teeschale, eine seltene Antiquität. Es geschah, dass Ikkyu diese Schale zerbrach, und er war sehr bestürzt darüber. Als er die Schritte seines Meisters hörte, hielt er die Stück der Schale hinter sich. Der Meister erschien und Ikkyu fragte: „Warum müssen die Menschen sterben?“ “Das ist natürlich“, erklärte der alte Mann. „Alles muss sterben und lebt so lange bis seine Zeit gekommen ist“. Ikkyu zeigte die zerbrochene Schale und sagte: „Meister, es war Zeit für Eure Schale zu sterben.“

Quelle: „Glaubwürdig – Gedanken, Geschichten, Gebete.“ Hrsg. Von
Waldemar Wolf. Katholisches Bibelwerk, Stuttgart, 2006, S. 148. https://www.kirche-im-swr.de/?m=913
Obwohl zum Innehalten die Zeit nicht ist, wird einmal keine Zeit mehr sein, wenn man jetzt nicht innehält.
Lebst Du jetzt, wirklich? In diesem Augenblick, ganz und gar?
Wann, wenn nicht jetzt?

Lebst Du jetzt? Von Christa Wolf

Quelle: „Glaubwürdig – Gedanken, Geschichten, Gebete.“ Hrsg. Von
Waldemar Wolf. Katholisches Bibelwerk, Stuttgart, 2006, S.118 https://www.kirche-im-swr.de/?m=912
Wir durchkämmten jede Hütte, jeden Weiler, jedes Dorf auf unserem Weg nach Essbarem und nach Wasser. Die Bewohner, meist selbst ausgehungerte Habenichtse, flohen wehklagend vor uns, ohne Gegenwehr zu leisten – wie auch: Sie besaßen nichts außer ihren Hütten, einem Kochgeschirr und den paar halbverhungerten Ziegen, die wir ihnen wegnahmen. Etliche Familien dürften wir damit in den sicheren Tod geschickt haben, denn wenn erst die Tiere weg waren, gab es für sie keine Hoffnung mehr: keine Milch für die Kinder, kein Fleisch für die Eltern.
(Das bisschen, das die Menschen angebaut hatten, stand fast völlig verdorrt auf den Feldern, nachdem die Regenfälle im Frühsommer wieder so gut wie ausgefallen waren. Sie konnten nur noch auf Hilfskonvois internationaler Organisationen hoffen, doch die verirrten sich nur selten in diese abgelegene Gegend, wo es Banden gab wie uns, Minen und Banditen, die nichts zu verlieren hatten als ihren beißenden Hunger.)


Quelle: Senait G. Mehari, « Feuerherz », München, 2005, S.168 https://www.kirche-im-swr.de/?m=911
Wenn ich nichts anderes fand und das Bohren des Hungers bis hinauf in meinen Kopf gestiegen war, kletterte ich ins Flussbett und aß Erde.
Ich schabte die oberste sandige Schicht weg, wo es ein wenig feucht war, bis ich auf den getrockneten Schlamm stieß, und aß diesen Schlamm.
Handvoll auf Handvoll steckte ich mir davon in den Mund, kaute und kaute und würgte, bis ich ein wenig hinunterschlucken konnte. Ich steckte mir noch mehr in den Mund und kaute weiter, bis mir schlecht war.
Das Problem dabei war nicht der Geschmack – die Erde, besonders, wenn sie moosig-feucht schmeckte, war gar nicht so schlecht, aber ich bekam jedes Mal starke Bauchschmerzen. Ich hatte Krämpfe, als würde mir jemand in den Magen greifen und darin herumrühren. Anschließend erbrach ich mich oft oder bekam Durchfall. Das war schlimm, aber immer noch besser, als die ganze Zeit über dieses leere Gefühl zu ertragen.


Quelle: Senait G. Mehari, « Feuerherz », München, 2005, S. 128 https://www.kirche-im-swr.de/?m=910
Ich habe mich immer geweigert zu töten. Und ich habe verdammtes Glück gehabt, weil Gott an meiner Seite ist. Seit ich das weiß, halte ich mein Schicksal für erträglich. Ich möchte nichts ändern an meiner Vergangenheit. Ich weiß, dass jeder sein Leben selbst in die Hand nehmen kann.
Ich habe keine Angst vor dem Tod, denn ich habe meinen Glauben. Ich glaube an das Leben danach, wo auch immer. Sterben wollte ich trotzdem noch nie und will es bis heute nicht. Ich möchte erst mal leben, mein Leben vor dem Tod genießen.


Quelle: Senait G. Mehari, « Feuerherz », München, 2005, S.348 https://www.kirche-im-swr.de/?m=909