Manuskripte

SWR3 Worte

Die Kunst des stilvollen Verarmens beschreibt Alexander von Schönburg so:

Wer rechtzeitig lernt, mit weniger Geld umzugehen, gehört bald einer beneidenswerten Elite an, denn wirklich unbequem wird die kommende Epoche allenfalls für die Besitzenden. Sie werden ihre Tage hauptsächlich damit verbringen, um ihren Besitz zu bangen. Doch wer wenig hat, hat auch weniger zu verlieren. ….
Der soziale Abstieg ist eine Kunst. Ganze Völker haben ihn mit Bravour gemeistert. Und manchmal kommt sogar im Abstieg erst der wahre Glanz zum Vorschein.

Alexander von Schönburg: Die Kunst des stilvollen Verarmens
rororo 2007 (8.Aufl.), S. 28

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Was das Leben lebenswert macht, wird nicht weniger,
bloß weil man weniger Geld hat. Innere Unabhängigkeit zum Beispiel war noch nie eine Frage des Einkommens….Oder Höflichkeit.
Ein Onkel von mir…fing als Kellner an, irgendwann wurde er Hoteldirektor. Das einzig Konstante in seinem Leben war eine für mich verblüffende Höflichkeit.
Einmal gab er in seiner Wohnung ein Abendessen, bei dem er Spargel servierte.
Einer der Gäste kam aus Australien und war mit den Sitten und Gebräuchen Europas nicht vertraut.
Neben den Tellern standen kleine Schalen mit Wasser und jeweils einer Zitronenscheibe. Sie waren dazu bestimmt, sich nach dem Spargelgenuss die Finger säubern zu können.
Sein Gast wusste das nicht und trank aus dieser Schale, was bei den Gästen für verständnisloses Kopfschütteln sorgte.
Mein Onkel reagierte prompt und führte sein Wasserschälchen ebenfalls zum Mund, um dem Mann nicht das Gefühl zu geben, dass er einen Fauxpas begangen hatte.

Alexander von Schönburg: Die Kunst des stilvollen Verarmens
rororo 2007 (8.Aufl.), S. 224

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Gelpantoletten, Activity Rucksäche, Reisezwiebelschneider, elektrisches Massagegerät, Chipstüten Thermoversiegler-
Warum schafft es die Werbung immer wieder, einem Dinge als absolut notwenig einzureden, obwohl sie in Wahrheit nur lästig sind?
Octave Parango, Hauptfigur im Roman „Neununddreißigneunzig“ sagt:
„Wenn Sie genug gespart haben , um sich den Traumwagen leisten zu können, den ich in meiner letzten Kampagne lanciert habe,
ist der durch die nächste Kampagne längst überholt.
Ich bin Ihnen immer drei Wellen voraus und enttäusche Sie zuverlässig.
Glamour ist das Land, in dem man nie landet…in meinem Metier will keiner Ihr Glück, denn glückliche Menschen konsumieren nicht.“

Alexander von Schönburg: Die Kunst des stilvollen Verarmens
rororo 2007 (8.Aufl.), S. 173

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Die Schönheit einer Wohnung ergibt sich … nicht durch das Geld,
das man für sie ausgibt, oder durch das Stadtviertel, in dem sie liegt,
sondern durch die Selbstverständlichkeit, in der dort Gäste aufgenommen werden.
Reich ist, wer eine Wohnung hat, die zum Anziehungspunkt seiner Freunde wird.
Und reich ist auch, wer Freunde hat, bei denen er regnerische Tage verbringen kann, wenn ihm seine eigene Decke auf den Kopf zu fallen droht.
Keine HiFi Anlage von Bose, kein Großformat- Fernseher mit Aktiv- Matrix- Bildschirm, keine Designermöbel können aber aus einer Wohnung einen Ort machen, an dem man gerne ist.

Alexander von Schönburg: Die Kunst des stilvollen Verarmens
rororo 2007 (8.Aufl.), S. 92

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Auch, wer noch nicht gekündigt ist, tut gut daran,
Arbeit nicht als einzige Möglichkeit zu sehen, Sinn in sein Leben zu bringen.
Arbeit war ursprünglich als Strafe gedacht, für Evas Vermessenheit im Paradies. „Im Schweiße eures Angesichtes sollt ihr….“ Und so weiter.
Dann wurde sie zur Notwendigkeit durch Luther und Calvin zum sittlichen Gebot. Doch zum Lebensinhalt taugt sie am allerwenigsten,
denn meist ist sie gleichbedeutend mit der Flucht vor dem eigentlichen Leben, vor dem man dann mit einem „horror vacui“ steht, sollte die Arbeit mit all der Anerkennung, der Achtung und dem Status, die mit ihr einhergehen, einmal nicht mehr da sein..

Alexander von Schönburg: Die Kunst des stilvollen Verarmens
rororo 2007 (8.Aufl.), S. 68

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Die erste Regel stilvollen Verarmens verlangt: Prioritäten setzen!

Zwei Wochen im Jahr für teueres Geld zähe Spareribs in irgendeiner Bettenburg in Alicante in sich reinstopfen- oder nicht doch lieber Ferien in der Heimatstadt, mit Spatziergängen im Stadtpart und Ausflügen zu den nahen Seen?
Zeitungsabos und monatliche Zahlungen an Anbieter … abstumpfender Fernsehprogramme- oder nicht doch lieber ein gutes Buch?
Wirklicher Luxus besteht… in der Selbstbehauptung gegen überflüssige Verlockungen, die unser Leben nicht verschönern, sondern lediglich vermüllen.

Alexander von Schönburg: Die Kunst des stilvollen Verarmens
rororo 2007 (8.Aufl.), S. 65


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Ohne Geld reich werden kann man nur, wenn man alle seine Bedürfnisse darauf überprüft, ob man nicht ohne sie reicher ist.
Braucht man, um eines von tausend Beispiel zu nennen, ein Handy?
Oder ist Unerreichbarkeit ein Privileg geworden, das sich allenfalls Leute wie Osama Bin Laden leisten können?....
Im alten Griechenland bezeichnete das Wort „Idiot“ einen Menschen, der sich nicht am öffentlichen Leben beteiligt. Vielleicht hat sich das durch die totale Vernetzung in sein Gegenteil verkehrt. Vielleicht ist heute der ein Idiot, der nicht fähig ist, sich der Vernetztheit zu entziehen.

Alexander von Schönburg: Die Kunst des stilvollen Verarmen;
rororo 2007 (8.Aufl.), S. 26

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