Manuskripte

SWR3 Worte

Gib mir die Gabe der Tränen, Gott.
Gib mir die Gabe der Sprache.
[...]
Reinige mich vom Verschweigen,
gib mir die Wörter, den neben mir zu erreichen.
Erinnere mich an die Tränen der kleinen Studentin in Göttingen,
wie kann ich reden, wenn ich vergessen habe, wie man weint?
Mach mich nass, versteck mich nicht mehr.
[...]
Gib mir die Gabe der Tränen, Gott.
Gib mir die Gabe der Sprache.
Gib mir das Wasser des Lebens.

Dorothee Sölle
Fliegen lernen. Gedichte. Berlin (Wolfgang Fietkau Verlag) 1979, S. 35

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Der Benediktinermönch, Pater Anselm Grün, über Morgenrituale:

Die Morgenrituale entscheiden, ob wir den Tag selber leben oder ob wir gelebt werden, ob wir gerne in den Tag gehen oder uns von unserer Unlust treiben lassen, ob wir uns von den Terminen bestimmen lassen oder ob wir alles, was wir tun, unter Gottes Segen stellen. Eine Frau erzählte mir von ihrer Tendenz, allen schwierigen Situationen auszuweichen und sich immer wieder in die Krankheit zu flüchten. Wenn etwas Unangenehmes bevorsteht, dann kommt sie nicht aus dem Bett heraus. Gerade für sie war es wichtig, ein gesundes Morgenritual zu entwickeln. Ich riet ihr, sie solle sich jeden Morgen, wenn der Wecker schellt, vorsagen: „Ich entscheide mich für das Leben.“

Anselm Grün
Geborgenheit finden. Rituale feiern. Wege zu mehr Lebensfreude.
Stuttgart (Kreuz Verlag) 1997, S. 49f

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Philip Gröning, der Regisseur des Films „Die große Stille“, reflektiert die sechs Monate, die er im Schweigekloster gelebt hat:

„Im immer gleichen Ablauf der Tage verlor die Zeit ihr Gewicht, ich fragte nicht mehr: Und morgen? Ich glaube, wenn man sich von allem leer macht, entsteht ein Raum, in dem es gar nicht ausbleiben kann, dass das erscheint, was hinter der Welt liegt. Eine Art göttliche Energie. Man akzeptiert dann leichter, dass es Fragen gibt, die wir nicht beantworten können. Zugleich kommt das schöne Gefühl einer umfassenden Richtigkeit dessen, was geschieht. Das vertreibt alle Ängste, die sonst belasten.

Interview mit Philip Gröning: „Stille vertreibt die Angst“
Zeitschrift: Brigitte woman. Das Magazin für Frauen über 40. 1/2007, S. 52

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Viele finden daheim morgens keine Zeit und keinen Raum, für sich zu sein, weil ihre Kinder sie schon in aller Frühe in Beschlag nehmen. [...]
Besonders wenn die Kinder noch klein sind, sind sie es oft, die den Schaf der Eltern beenden, und sie verlangen sofort nach Zuwendung. Dann bleibt meist keine Zeit, sich bewusst auf den Tag einzustimmen. Aber die Art, wie ich mich den Kindern zuwende, kann zu einem heilsamen Ritual werden, das mich bewusst auf die Kinder einstimmt. Ich kann innerlich stöhnen über die Plagegeister, die mir den Schlaf rauben, oder ich kann bewusst Ja sagen zu den Kindern, die Gott mir geschenkt hat und für die ich Mutter oder Vater sein darf, denen ich Geborgenheit und Liebe schenken darf.

Pater Anselm Grün, Benediktinermönch
Geborgenheit finden. Rituale feiern. Wege zu mehr Lebensfreude.
Stuttgart (Kreuz Verlag) 1997, S. 50f

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Besonders schöne Baby-Bilder verspricht die Ärztin als sie in der 20. Woche rät, einen Fein-Ultraschall zu machen. [...] Als es soweit ist, schweigt sie bei der Untersuchung minutenlang und starrt gebannt auf die Bilder. Die Schwangere bekommt Angst: „Ist etwas nicht in Ordnung?“ Das Kind hat einen schweren Herzfehler, der häufig mit dem Down-Syndrom einhergeht. Eine Fruchtwasseruntersuchung bestätigt alle Befürchtungen. [...] Die werdende Mutter und ihr Mann finden es grauenhaft, ein geistig behindertes Kind zu bekommen: „Hätte ein Bein gefehlt, wäre das nicht halb so schlimm gewesen. Wir waren tief verzweifelt und sicher, dass das immer so bleibt.“ [...]
Heute ist Hans sechs Jahre alt. Ein lustiger Junge, der Zuwendung braucht und viel Liebe zurückgibt. Seine Eltern sind sich einig: Das Leben mit Hans ist schön.

Antje Berg
Zeitung: Schwäbisches Tagblatt, Dienstag, 12. Dezember 2006, Seite 4

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Mehr als 300.000 Kinder und Jugendliche nehmen als Kindersoldaten weltweit an Kampfhandlungen teil. Reza Behrouzi erinnert sich, was er als 12-jähriger erlebt hat:

„Bei den Schulungsveranstaltungen hatte man uns erzählt, unsere Feinde seien kleinwüchsige, häßliche, schwarzgesichtige Menschen. [...] Wochenlang hatte man uns diese Sätze eingetrichtert; Und für uns bestand nicht der geringste Zweifel daran, daß die Leute jenseits der Grenze schlimme Übeltäter waren. [...] Ich konnte nicht anders, als alles zu glauben, was man uns beibrachte. Offiziere, Unteroffiziere [...] alle sagten das gleiche. Hin und wieder führte man uns feindliche Gefangene vor. Und diese Leute waren wirklich klein und dunkelhäutig, häßlich und schlecht gekleidet. Den theoretische Unterricht, wie sie ihn nannten, bezeichne ich heute als Gehirnwäsche.“

Der heutige 12. Februar ist internationaler Protesttag gegen den Einsatz von Kindersoldaten.

Freidoune Sahebjam
„Ich habe keine Träne mehr“. Iran: Die Geschichte des Kindersoldaten Reza Behrouzi. Aus dem Französischen von Renate Heimbucher-Bengs. Reinbek bei Hamburg (rororo) 1988, S. 120f

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Nelson Mandela, der sein Leben lang gegen das rassistische System der Apartheid kämpfte, saß 28 Jahre lang im Gefängnis. Heute vor genau 17 Jahren wurde er freigelassen.

In seiner Autobiographie schreibt er:
„Ich bin nicht mit dem Hunger nach Freiheit geboren worden. [...]
Erst als ich zu begreifen begann, daß meine jugendliche Freiheit eine Illusion war, und ich entdeckte, daß meine Freiheit mir längst genommen war, begann ich nach ihr zu hungern. [...]
Während der langen, einsamen Jahre in Haft wurde aus meinem Hunger nach Freiheit für mein eigenes Volk der Hunger nach Freiheit aller Völker, ob weiß oder schwarz. Ich wußte so gut, wie ich nur irgendetwas wußte, dass der Unterdrücker genauso befreit werden musste wie der Unterdrückte. Ein Mensch, der einem anderen die Freiheit raubt, ist ein Gefangener des Hasses, er ist eingesperrt hinter den Gittern von Vorurteil und Engstirnigkeit.

Nelson Mandela
Der lange Weg zur Freiheit. Autobiographie. Deutsch von Günter Panske. Frankfurt a.M. (S. Fischer Verlag GmbH) 1994, S. 834f

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