Manuskripte

SWR3 Worte

Die Gehälter und Einkommen können nicht gleich hoch sein. Es gibt keine Gleichmacherei. ... Gleichmacherei funktioniert nicht, auch nicht bei den Armen. Alles besteht aus Ungleichheit. Sofern sie nicht das Ergebnis skandalöser Zustände ist, die es anzuprangern gilt, bedeutet Ungleichheit eine Aufforderung: Du, der du ein kräftiger Mensch bist, achte auf den Schwächeren; du, der du bedeutende finanzielle Mittel hast, achte auf den, der keine hat. In der Schule des Lebens, von der es so oft heißt, dass sie „hart“ sei, wie sie aus Ungleichheiten besteht, hat man keine Wahl: Entweder lernt man zu lieben, oder man wird zum Ungeheuer.

Abbé Pierre, Mein Testament, Augsburg: Weltbild 1995, 168https://www.kirche-im-swr.de/?m=673
In der Stadt trifft man jeden Tag immer häufiger Männer und Frauen, die um Hilfe bitten. Und am Ende des Tages stellen wir uns die Frage, gleichgültig, ob wir gespendet haben oder nicht: Was habe ich getan? Was hätte ich tun können? Ich glaube, man muß die Demut aufbringen und erkennen, dass uns die Zeit fehlt und dass es ja auch nicht unbedingt unsere Aufgabe ist. Was man aber tun kann und muß, ist ein Verhalten – ob man nun spendet oder nicht – das diesen Männern und Frauen zeigt, dass man sie wahrgenommen hat. Freilich, wenn sie ihnen Geld geben können, ist es noch besser. Blicken sie aber die Menschen an, wenn sie geben! Einer von ihnen sagte einmal: „Das Schlimmste dieser Momente ist ihr Blick. Sie machen keinen Unterschied zwischen dem bettelnden Menschen und dem Plakat an der Wand.“

Abbé Pierre, Mein Testament, Augsburg: Weltbild 1995, 167https://www.kirche-im-swr.de/?m=672
Die Glänzende Schönheit der Freiheit besteht nicht darin, dass sie uns von etwas freimacht, sonder zu etwas befreit. Zum Lieben und zum Geliebt werden. Nein, die Hölle sind nicht die anderen! Die Hölle ist die Einsamkeit eines Menschen, der sich absurderweise selbst genügen will.

Abbé Pierre, Mein Testament, Augsburg: Weltbild 1995, 95https://www.kirche-im-swr.de/?m=671
Das Leben hat mich gelehrt, dass das Dasein eine kurze Spanne Zeit ist, die unserer Freiheit gegeben wurde, um Lieben zu lernen und die Begegnung mit der ewigen Liebe in der Ewigkeit vorzubereiten. Diese Gewissheit möchte ich als Erbe hinterlassen dürfen.

Abbé Pierre, Mein Testament, Augsburg: Weltbild 1995, 93https://www.kirche-im-swr.de/?m=670
Als mein Gebet immer andächtiger und innerlicher wurde, da hatte ich immer weniger und weniger zu sagen. Zuletzt wurde ich ganz still. Ich wurde, was womöglich ein größerer Gegensatz zum Reden ist, ich wurde ein Hörer. Ich meinte erst, Beten sei Reden. Ich lernte aber, dass Beten nicht nur Schweigen ist, sondern Hören. So ist es: Beten heißt nicht, sich selbst reden zu hören, beten heißt, still werden und still sein und warten, bis der Betende Gott hört.

Sören Kierkegaard, zit. nach: Hubertus Halbfas, Der Sprung in den Brunnen. Eine Gebetsschule, Düsseldorf: Patmos 121994, 139https://www.kirche-im-swr.de/?m=669
Sobald man seine geschlossenen Hände öffnet, wird Teilen möglich. Was wir zu geben bereit sind, verwandelt sich. Mit jeder Geste des Teilens verlassen wir die Welt des Besitzens, die uns gefangen hält und treten in die Welt der Gemeinschaft ein, die uns befreit und uns allen öffnet. Wenn wir anderen etwas von uns selbst geben, sind wir niemals Verlierer. Wir haben eine neue Lebensweise gefunden.

Jacques Gaillot, Was für mich zählt, ist der Mensch, Freiburg: Herder 1994, 69https://www.kirche-im-swr.de/?m=668
Es gibt Ereignisse, die unser Leben in Bewegung bringen, uns zum Engagement drängen. Da geht es nicht mehr um Analysen und Reflexionen, sondern um Entscheidungen, die nicht länger aufzuschieben sind. Es geht um unseren Einsatz, hier und jetzt. Wir sind gezwungen zum Wesentlichen zu kommen. Doch kann man sich diesem Ereignis auch verweigern und tun, als sei nichts gewesen. Man kann resignieren und sich in ein vermeintliches Schicksal fügen. Wenn wir jedoch zu Sklaven der Ereignisse werden, haben sie uns nichts mehr zu sagen.

Jacques Gaillot, Was für mich zählt, ist der Mensch, Freiburg: Herder 1994, 37https://www.kirche-im-swr.de/?m=667