Manuskripte

SWR3 Worte

Wer die Abfindungen und Gehälter für Vorstandsmitglieder von Großkonzernen
mit …. dem Arbeitslosengeld II vergleicht
muss fragen welche Unterschiede unsere Gesellschaft akzeptieren will.
Die Einschnitte durch Hartz IV
treffen mit steuerpolitischen Maßnahmen zusammen,
die Wohlhabende ungleich günstiger stellen.
Welche Gerechtigkeitslücken aber
können wir ertragen und wie können wir sie schließen?

Ulrich Fischer, Bischof der evangelischen Kirche von Baden
https://www.kirche-im-swr.de/?m=622
Jesus kam mit seinen Freunden in die Stadt
wie immer hatten sie nichts
wo sie schlafen konnten.
Sie übernachteten im Park
am nächsten Tag trafen sie andere
die räumten ihnen einen Platz
in ihrer Unterkunft ein
eine verlassene Baustelle
bei dem kalten Wetter schon ganz gut.
Die nahmen sie mit in die Kirche
da saßen an den Tischen all die anderen
die Kranken und Arbeitslosen
die vielen Verwirrten, die aus dem Knast
die Süchtigen und die Alleingebliebenen
die Geschlagenen und die Schläger.
Und die meisten sahen zufrieden aus und manche strahlten.
Da waren freundliche Jugendliche,
die bedienten sie an den Tischen,
Frauen, die Brote schmierten und Kuchen aufschnitten,
andere kochten Kaffee, Männer an der Spüle...
Viele viele halfen da zusammen,
damit alle freundlich bedient werden konnten.
Manchmal gab es etwas Unruhe
einer wollte nicht so lange warten
ein anderer eine zweite Portion Kuchen
und einer fand er bekäme immer zu wenig
und einer regte sich über einen anderen auf
warum auch immer -
Alles wurde irgendwie geklärt.
Da gab es gute Worte und herzliche Gesten
da wurde gelacht und geweint und geteilt.

Jesus lehnte sich zurück
und streckte sich wohlig aus
in der Wärme des Raumes
und sah das Dach der Kirche schweben
und die Engel fröhlich miteinander tanzen
und Gott loben https://www.kirche-im-swr.de/?m=621
Vier Wochen jeden Tag gibt es ein warmes Mittagessen
Bedürftige werden an Tischen bedient wo sonst Kirchenbänke stehen.
Jeden Tag zwischen 300 und 400 Menschen essen für 1 €.
Wissen sie ich bin chronisch krank
jetzt im Januar muss ich die Medikamente selbst bezahlen.
Ich bekomme zwar eine Befreiung
aber erst wenn ich selbst 40 € vorgestreckt habe
Aber woher soll ich die nehmen.
Und ohne die Medikamente
wie soll das gehen?

https://www.kirche-im-swr.de/?m=620
Ich bin eine alte Frau.
Als Deutschland erwacht war,
wurden die Unterstützungen gekürzt.
Meine Kinder gaben mir ab und zu eine Groschen.
Ich konnte aber fast nichts mehr kaufen.
Die erste Zeit ging ich also seltener in die Läden,
wo ich früher täglich gekauft hatte.
Aber eines Tages dachte ich nach,
und dann ging ich doch wieder täglich zum Bäcker, zur Grünkramhändlerin
als alte Käuferin.
Sorgfältig wählte ich unter den Esswaren.
Griff nicht mehr heraus als früher, doch auch nicht weniger.
Legte die Brötchen zum Brot
und den Lauch zum Kohl
und erst wenn zusammengerechnet wurde,
seufzte ich.
Wühlte mit meinen steifen Fingern in meinem Lederbeutelchen
und gestand kopfschüttelnd, dass mein Geld nicht ausreiche,
das Wenige zu bezahlen
und ich verließ kopfschüttelnd den Laden,
von allen Kunden gesehen.

Ich sagte mir:
Wenn wir alle, die nichts haben nicht mehr erscheinen,
wo das Essen ausliegt,
könnte man meinen, wir brauchten nichts.
Aber wenn wir kommen
und nichts kaufen können
weiß man Bescheid.

Bertold Brecht, Werke. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, Band 14, Suhrkamp Verlag Frankfurt/M, 1993
https://www.kirche-im-swr.de/?m=619
Vier Wochen gibt es jeden Tag ein warmes Mittagessen
Bedürftige werden an Tischen bedient wo sonst Kirchenbänke stehen.

Ich frage einen Gast:
Wie geht es Ihnen?
Das Jahr war schwierig
wieder keine Arbeit.

Wo wohnen sie denn jetzt?
Mal links mal rechts
Der daneben unterbricht
Das heißt: im Park

Wie geht das?
Plane über die Parkbank
und eng zusammenliegen
das wärmt
und wenn man dann irgendwo drinnen ist
verschlägt es einem den Atem.
Wie hier
aber jetzt haben wir uns dran gewöhnt
und sind schön durchgewärmt

Kommen sie morgen wieder?
Na klar
und jetzt bleiben wir auch noch https://www.kirche-im-swr.de/?m=618
Keine Kirchenbänke, sondern Tische, an denen Bedürftige bedient werden .
300 bis 400 Menschen jeden Tag.
Jeder bekommt ein Essen für einen Euro- vier Wochen lang .

Ein Gast erzählt:

Wissen Sie in der Zeit
spare ich mir zuhause die Heizung.
Und das Essen für einen €
so was könnte ich mir sonst nie leisten.
Und am Ende habe ich so viel gespart
da kann ich mir dann richtig eine neue Jacke kaufen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=617
Wie lange noch dürfen Gewalttätige, Gott,
wie lange noch dürfen Gewalttätige auftrumpfen?
Wie lange noch sollen sie hämisch lachen,
wie lange noch schadenfroh spotten?
Einer versucht den anderen zu überbieten,
sie schwingen große Reden und prahlen
mit ihren Verbrechen.
Sie unterdrücken dein Volk
Alle die zu dir gehören, leiden unter ihrer Gewalt.

„Der Herr sieht es ja doch nicht!“ höhnen sie
„der Gott unserer Vorfahren merkt nichts!“
Wer steht mir bei gegen diese Verbrecher?
Wer beschützt mich vor diesen bösen Menschen?
Herr wenn du mir nicht geholfen hättest
dann wäre ich jetzt tot
verstummt für immer.
Sooft ich dachte: „Jetzt ist alles aus!„
halfst du mir in Liebe wieder auf.

Die Bibel in gerechter Sprache, S. 1927, Gütersloh, München 2006
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