Manuskripte

SWR3 Worte


»In einer Stadt lebte ein Richter, der nicht nach Gott fragte und alle Menschen verachtete. In der gleichen Stadt lebte auch eine Witwe. Sie kam immer wieder zu ihm gelaufen und bat ihn: Verhilf mir zu meinem Recht!Lange Zeit wollte der Richter nicht, doch schließlich sagte er sich: Es ist mir zwar völlig gleichgültig, was Gott und Menschen von mir halten; aber weil die Frau mir lästig wird, will ich dafür sorgen, dass sie ihr Recht bekommt. Sonst kratzt sie mir noch die Augen aus.«
Und Jesus fuhr fort: »Habt ihr gehört, was dieser korrupte Richter sagt? Wird dann nicht Gott erst recht seinen Erwählten zu ihrem Recht verhelfen, wenn sie Tag und Nacht zu ihm schreien? Wird er sie etwa lange warten lassen? Ich sage euch: Er wird ihnen sehr schnell ihr Recht verschaffen.«

Jesus im Lukas-Evangelium

(Lk 18,2-8 – Gute Nachricht-Bibel)

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"Sie werden lachen, die Bibel!" hat Bert Brecht gesagt, als er gefragt wurde, welches Buch für ihn das wichtigste Buch überhaupt ist.
Eva Zeller hat daraus ein Gedicht gemacht:

Sie werden lachen:
Die Bibel, dies
Sammelsurium der
Schlitzohren und
Opferwütigen, der
Ehebrecherinnen und
Gebenedeiten, der
Judasse und derer,
die mit ihren Tränen prangen dürfen.
Sie werden lachen:
Die Bibel, die
Lautschrift, um aus-
sprechen zu können,
wonach der Kranke sich müde seufzt,
der Empörer in
unterkellerten
Städten.
Sie werden lachen:
die Bibel, ein Buch
zum Verschlingen,
Himmelherrgottnochmal,
und ich bin
höllisch froh,
dass es dermaßen
dick ist.
(Eva Zeller, Stellprobe, Gedichte, Stuttgart 1989)

https://www.kirche-im-swr.de/?m=184

Da kommt einer und klagt: Ich suche nun so viele Jahre nach GOtt und kann ihn nicht finden… Der Weise erzählt ihm eine Geschichte:
Nasruddin ging immer hin und her über die Grenze, an verschiedenen Zollstellen, einmal mit einem Esel, dann auch mal mit zweien oder dreien. Auf den Eseln: Große Lasten Stroh.
Die Zöllner wussten: Der ist ein Schmuggler; und so durchsuchten sie ihn immer wieder, stachen mit Stöcken in die Strohballen, verbrannten das Stroh sogar und suchten in der Asche nach dem Schmuggelgut. Vergeblich. Und Nasruddin wurde immer reicher.
Als er alt war und in Rente, begegnet er einem der früheren Zöllner. Nasruddin, jetzt sag mir: Was hast du geschmuggelt? Und mit einem breiten Lächeln antwortet der: Esel!
Siehst du, sagt der Weise, so sucht mancher nach GOtt – und GOtt ist vor seinen Augen.

(gefunden in „Andere Zeiten – Magazin zum Kirchenjahr 3/2005, S. 16)
https://www.kirche-im-swr.de/?m=183
Typisch Ausländer
Die alte Dame in der Raststätte hat ihre Suppe auf den Stehtisch gestellt; muss aber noch mal zurück, einen Löffel holen. Die Handtasche hängt sie unter den Tisch. Als sie zurückkehrt, steht da ein dunkelhaariger Mensch an ihrem Tisch und löffelt ihre Suppe. Typisch Ausländer, denkt sie wütend. Drängelt sich neben ihn, schaut ihm böse ins Gesicht und taucht ihren Löffel auch in die Suppe. Sie sprechen kein Wort – aber nach dem Essen holt der Mann für beide Kaffee und verabschiedet sich höflich. Als sie ebenfalls gehen will, findet sie ihre Handtasche nicht. Also doch ein Betrüger, ein hinterhältiger! Suchend schaut sie sich um – aber natürlich ist er verschwunden. Nur am Nachbartisch: da hängt ihre Handtasche. Und auf dem Tisch steht ein Teller Suppe; leider inzwischen kalt geworden.
Unbekannter Autor: Typisch!
(in: Andere Zeiten – Magazin zum Kirchenjahr 1/2005 – S. 16)

https://www.kirche-im-swr.de/?m=182
Mindestens die Hälfte aller Helfer sagt (nach Notfällen): „Was ich erlebt habe, kann ich zu Hause gar nicht erzählen. Mein Frau soll nicht belastet werden von den Dingen, die ich sehe.“ Doch wo niemand über solche Erfahrungen sprechen kann und wo wir einen Ring des Schweigens darum legen, werden die eigenen Belastungen zu groß…
In unsere Richtung heißt das manchmal: „Ihr redet immer von Tod und Auferstehung. Wir wissen nicht genau, was ihr da macht, aber offensichtlich habt ihr eine Art von Medizin, die uns helfen könnte. Dann kommt jetzt mal rüber damit.“
So fing es an (mit der Notfall-Seelsorge)…

Erneli Martens, Erste Hilfe für die Seele

(in: Andere Zeiten – Magazin zum Kirchenjahr 3/2006, S. 13)
https://www.kirche-im-swr.de/?m=181
Ich mach ein Lied aus Stille
Und aus Septemberlicht.
Das Schweigen einer Grille
Geht ein in mein Gedicht.

Der See und die Libelle.
Das Vogelbeerenrot.
Die Arbeit einer Quelle.
Der Herbstgeruch von Brot.
Der Bäume Tod und Träne.
Der schwarze Rabenschrei.
Der Orgelflug der Schwäne.
Was es auch immer sein,
Das über uns die Räume
Aufreißt und riesig macht
Und fällt in unsre Träume
In einer finstren Nacht.
Ich mach ein Lied aus Stille.
Ich mach ein Lied aus Licht.
So geh ich in den Winter.
Und so vergeh ich nicht.
Eva Strittmatter, Vor einem Winter

(zitiert nach / gefunden in „Andere Zeiten – Magazin zum Kirchenjahr – 3/2006 – S. 6 –
Original: Eva Strittmatter, Hundert Gedichte © Aufbau-Verlag Berlin 2001)
https://www.kirche-im-swr.de/?m=180
Schenke groß oder klein,
Aber immer gediegen,
Wenn die Bedachten
Die Gaben wiegen,
Sei dein Gewissen rein.
Schenke herzlich und frei.
Schenke dabei,
Was in dir wohnt.
An Meinung, Geschmack und Humor,
So dass die eigene Freude zuvor
Dich reichlich belohnt.
Schenke mit Geist ohne List.
Sei eingedenk,
Dass dein Geschenk
Du selber bist.

Joachim Ringelnatz, Schenken
(gefunden in einem Versandhaus-Katalog -
Maas – natürlich spielen – natürlich schenken – Winter 2006/2007, S. 43)
Original: Joachim RINGELNATZ [d.i. Hans BÖTTICHER]: Schenken. In: Ringelnatz in kleiner Auswahl als Taschenbuch. - 14. Aufl. - Berlin 1975, S. 58.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=179