Manuskripte

SWR2 Wort zum Sonntag

Zweimal in einem Monat hat die hl. Hildegard von Bingen Schlagzeilen gemacht. Am 10. Mai 2012 hat der Vatikan eine Erklärung veröffentlicht, dass die hl. Hildegard von Bingen in den Gesamtkalender der Heiligen aufgenommen und damit in der ganzen Weltkirche verehrt werden kann. Es gab bald nach ihrem Tod im Jahr 1179 verschiedene Formen ihrer Verehrung, zuerst mehr im lokalen und regionalen Umkreis, schließlich in allen deutschen Diözesen. Aber ein förmliches Verfahren zur Heiligsprechung, wie es sich im Mittelalter immer stärker herausbildete, und erst recht einen rechtlich strukturierten Prozess mit Abschluss in Rom, dies vor allem ab dem 16. Jahrhundert, gab es für Hildegard aus sehr verschiedenen Gründen nicht. Die Erklärung vom 10. Mai 2012, ihre Verehrung gelte in der ganzen Weltkirche, hat nun endgültig Klarheit geschaffen. Der Papst selbst hat ihre Heiligkeit erklärt, ohne dass ein eigener Prozess dafür aufgerollt werden musste.
Der ganze Hintergrund dieser Erklärung weltweiter Verehrung vom 10. Mai 2012 ist aber nun erst an Pfingsten, also am 27. Mai 2012, deutlich geworden, als Papst Benedikt XVI. die hl. Hildegard von Bingen zur Kirchenlehrerin erhoben hat. Denn die Erhebung eines Heiligen in den Rang eines Kirchenlehrers hat nach der gegenwärtigen Regelung in der Kirche eine förmliche Heiligsprechung zur Voraussetzung, die ja nur durch den Papst selbst und heute in der Regel durch einen förmlichen Prozess erfolgen kann. So ist durch die an Pfingsten erfolgte Mitteilung des Papstes selbst erst vollends klar geworden, warum am 10. Mai die Verehrungswürdigkeit der hl. Hildegard für die Weltkirche eigens festgestellt worden war. Eine eigene Auszeichnung besonders von Theologen gibt es in der Kirche des Westens und des Ostens schon in früher Zeit. Große Heilige, die auch eine hohe theologische Autorität darstellen, waren besonders die Heiligen Augustinus, Ambrosius, Gregor der Große und Hieronymus im Westen, Basilius der Große, Gregor von Nazianz, Johannes Chrysostomus und Athanasius im Osten. Aber der Begriff des Kirchenlehrers ging allmählich über die Grenzen des Altertums und damit der „Kirchenväter" hinaus, vor allem durch das Ansehen der großen Theologen des Mittelalters: Anselm von Canterbury, besonders Thomas von Aquin, Bonaventura u. a. So zählte man bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil gut dreißig Kirchenlehrer.
Im Jahr 1970 kam es jedoch zu einem großen Einschnitt, als nämlich Ende des Jahres zuerst die hl. Katharina von Siena und dann die „große" Teresa (von Avila) durch Papst Paul VI. als erste Frauen zu Kirchenlehrerinnen erhoben worden sind. Das Eis war gebrochen. Im Jahr 1998 fügte Papst Johannes Paul II. die sogenannte „kleine" Theresia vom Kinde Jesu (von Lisieux) als dritte Frauengestalt unter den Kirchenlehrern hinzu. Die hl. Hildegard von Bingen ist nun die vierte Frau unter den Kirchenlehrern, eine wahre Kirchenlehrerin, die als einzige aus dem mitteleuropäischen, ja germanischen Sprach- und Kulturraum stammt.
Im Übrigen wird Benedikt XVI. am 7. Oktober 2012, wenn er die Erhebung feierlich in Rom vornimmt, auch einen spanischen Theologen als Kirchenlehrer verkünden, nämlich den „Apostel Andalusiens", Juan d'Ávila, Johannes von Avila, der ganz anders als Hildegard zu Beginn der Neuzeit (1499-1569) lebte. Der Papst sieht in beiden Heiligen besondere Lichtgestalten für eine „Neuevangelisierung" durch das Zeugnis eines lebendigen Glaubens. Der 7. Oktober ist gewählt, weil an diesem Tag die Weltbischofssynode zum Thema dieser Neuevangelisierung in Rom beginnt und wenige Tage später, am 11. Oktober, das vom Papst ausgerufene „Jahr des Glaubens" seinen Anfang nimmt.
Nach dieser seit Monaten durch viele Gerüchte zu vermutenden, jetzt aber geklärten Entscheidung wird es in nächster Zeit besonders darauf ankommen zu zeigen, warum vor allem die hl. Hildegard, die bald auch Prophetin aus Deutschland oder vom Rhein genannt wurde, auch für uns heute eine „Kirchenlehrerin" ist.

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