Manuskripte

SWR2 Wort zum Sonntag

Liebe Hörerinnen und Hörer, herzlich begrüße ich Sie an diesem ersten Morgen des neuen Jahres und wünsche Ihnen ein gutes und gesegnetes Jahr 2012.
Wie ein unbeschriebenes Blatt liegt das neue Jahr vor uns. Manchmal frage ich mich, was wohl bei „Menschen 2012 - der Rückblick" in 365 Tagen besprochen werden wird. Einem neuen Jahr haftet immer etwas Verheißungsvolles an, es lädt ein zu Neuanfang. Auch wir Christen wissen nicht, wohin es gehen wird - aber wir brechen auf in der festen Hoffnung, dass Gott selbst mit uns ins Neuland geht. Hätte ein Jahresanfang keinen Zauber, würden wir ihn nicht so groß begehen. Wie eine unberührte Schneefläche liegt vor uns, was wir gestalten können. Wenn die Müdigkeit der Silvesternacht abgeschüttelt ist, stehen bei den meisten Menschen die Zeichen auf Aufbruch; wir wollen das neue Jahr gestalten. Ich wünsche uns allen, dass wir diesen frohen Mut bewahren! „Einen neuen Aufbruch wagen", das könnte über diesem ersten Morgen des Jahres 2012 stehen. Das Leitmotiv des diesjährigen Katholikentages führt uns - am letzten Tag der „Deutschlandreise" von SWR2 - in die größte Stadt der Erzdiözese Freiburg: nach Mannheim. Für mich persönlich ist Mannheim mit einem neuen Aufbruch verbunden - es ist die Stadt meiner Jugend, die Stadt, in der unsere Familie nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs ein Haus baute und die mir zur Heimat wurde. So steht Mannheim für mich persönlich dafür, einen neuen Aufbruch zu wagen. Christen erleben, dass Gott selbst zum Aufbruch ruft. Ein Aufbruch, wie auch der Beginn eines neuen Jahres, muss ja nicht unbedingt laut und augenfällig sein. Manchmal - nicht selten! - bricht man innerlich auf; fängt man neu an, ohne dass es gleich sichtbar ist. Manch einer überlegt sich, wie er mit einem Problem in Zukunft umgehen will - und so klärt es sich. Ein anderer überdenkt seine Einstellung zu einem Kollegen - und etwas Neues kann entstehen. 
Wir alle wissen, wie lange Entscheidungen reifen, bis man sich in Bewegung setzt. Aufbrüche beginnen meist nicht laut und mit Getöse, denn es gilt, still zu werden und in uns zu hören. Nicht selten hören Menschen, die sich ein Herz fassen und aufbrechen, den Ruf Gottes. Seien es die heiligen drei Könige, die Herodes links liegen lassen und auf einem anderen Weg heimziehen. Sei es Abraham, den Gott herausruft aus allem, was ihm vertraut ist. Wir Christen sind überzeugt, dass Gott uns sagen will und sagen wird, was der richtige Weg für uns ist. Nicht immer mit leicht verständlichen Worten oder gut sichtbaren Hinweistafeln, sondern oft auch verborgen, durch andere Menschen, durch Hinweise. Wir müssen ruhig werden, um mit dem Herzen hören zu können. Dort hören wir, was Gott uns sagen will. Ruhig werden an einem Ort, der Geborgenheit vermittelt. Das kann in Mannheim ein Gang entlang der Neckarwiesen sein, oder eine Einkehr in einer der vielen Mannheimer Kirchen. Es ist eine Großstadt, in die viele Menschen aus den verschiedensten Ländern aufgebrochen sind. Eine Stadt, die ständig in Bewegung zu sein schein. Und doch gibt es auch hier, für jeden Menschen notwendig, Orte der Stille. Momente, in denen ich in mich hören kann und gemeinsam mit Gott Mut für den nächsten Schritt fasse. „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne", dichtete Hermann Hesse. Der Zauber, etwas bisher Unbekanntes zu wagen; der Reiz, die eingefahrenen Bahnen zu verlassen; der Mut, das Leben zu wagen - mit Gottes Beistand. 
Die Lesung aus dem Buch Numeri, die wir heute in katholischen Gottesdiensten hören, bittet um Gottes Segen. Ein Segensspruch, den ich uns allen über das neue Jahr stellen möchte: „Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht über dich leuchten und sei dir gnädig. Der Herr wende dein Angesicht dir zu und schenke dir Heil." (Num 6,24-26)
Ihnen allen wünsche ich ein gutes und gesegnetes Jahr 2012!

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