Manuskripte

SWR2 Wort zum Sonntag

Meine wichtigste Adventserfahrung 
Erinnerungen an den Advent habe ich vor allem aus dem Leben in den Dörfern der Schwäbischen Alb während des Zweiten Weltkrieges und kurz danach. Wir waren gewiss nicht so bedrängt in unserer ländlichen Gegend wie die Menschen in den Ballungsgebieten und Städten. Aber man hat auch als Kind und Jugendlicher viele Sorgen und Ängste mit sich herumgetragen: Kommt endlich wieder einmal ein Lebenszeichen vom Vater? Kommen alle anderen wieder nach Hause? Immer wieder musste ich auch an die Nächte im Bunker denken, als wir aus dem Schlaf gerissen und in die Enge eines vollen Kellers gebracht wurden.
Da brachten die Gänge zum Gottesdienst am frühen Morgen in der Adventszeit - man nennt sie bis heute Rorate-Gottesdienste - eine ganz andere Stimmung. Es machte nichts aus, sehr früh aufzustehen. Wir stapften dann oft durch tiefen Neuschnee über die verschneiten Wiesen und Waldwege in die Kirche. Diese waren kaum mehr zu erkennen. Man musste sie tasten. Was half dabei? Ein Stock und eine Stall-Laterne mit Öl. Licht! Das war entscheidend. Wir sahen weiter. Wir fühlten uns sicher. Wir waren ja auch nicht allein. Von Ferne läuteten die Glocken. Es war eine kalte und dunkle Herausforderung, aber wir freuten uns auf diesen Weg durch die Nacht mit unserem Licht.
Zwei Dinge haben mich eigentlich damals schon beschäftigt und auch später nicht losgelassen, als ich Theologie studierte. Auf der einen Seite war unsere Hoffnung, der Krieg möge bald zu Ende gehen. Wir hatten wirklich Sehnsucht nach Frieden. Advent war so richtig die Zeit, um in die unbekannte Zukunft zu schauen und auch ein wenig zu träumen, wie es anders sein könnte. Aber so wie es durch Nacht und manchmal Nebel, Kälte und Schnee ging, waren wir doch zuversichtlich im Blick auf das Kommende. Wir spürten, dass zum Menschen dieses Vertrauen in die Zukunft gehört.
Aber wir hatten dennoch in unseren Herzen auch viele Ängste. Was wird nach dem nächsten Bombenangriff sein? Ich konnte auch nicht vergessen, wie schwer die Schritte des Postboten waren, als er meiner Großmutter die Nachricht vom Tod ihres ältesten Sohnes, der den Hof erben sollte, überbrachte. Wird er noch einmal kommen? So war uns bei allem Mut zur Zukunft, in die wir trotz des Krieges hineinlebten, auch überdeutlich, dass nicht wir allein die bessere Welt bauen. Da brauchte es auch nicht nur den guten Willen der Menschen, miteinander in Frieden und Sicherheit zu leben. Da gab es noch einen über uns, der wohl allein die Zukunft des Menschen in Händen hatte. Deswegen gingen wir ja auch in die Kirche, um uns von Gott her neuen Mut zu holen. Dort kamen die vielen Lichter zusammen und erhellten die Nacht. Nach einem kargen Frühstück ging es in den Alltag, in die Schule. Irgendwann einmal wird wieder die Sirene heulen und uns in den Luftschutzkeller treiben. Hoffentlich geht alles gut. Diese doppelte Stimmung der Hoffnung habe ich auch später nicht vergessen. Advent ist offenbar eine gute Zeit der Einübung in das Menschsein. Da ist auf der einen Seite die Hoffnung mit unseren Erwartungen und Plänen, aber auch den Ängsten, ob aus den Träumen etwas wird. Da steht stärker die Hoffnung als unsere Leistung und unser Können im Vordergrund. Dies wird immer zum Menschen gehören, solange er lebt, aber wir wissen auch, dass wir die wahre und bleibende Zukunft nicht von uns aus schaffen können. Die wahre Zukunft unseres Lebens kommt auf uns zu. Gott ist die Zukunft unseres Lebens. Im Advent erleben wir in besonderer Weise beides, die Zukunft, die wir entwerfen, die aber immer wieder auch scheitert, und die verlässliche Zukunft, die uns Gott schenkt, in dieser Zeit gewiss vorläufig und bruchstückhaft, am besten vielleicht zu spüren in Frieden, Freiheit und Freude.

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