Manuskripte

SWR2 Wort zum Sonntag

Da wundert sich Jesus. Und verwunderlich ist es wirklich, was ihm da begegnet: Der Kommandant einer Hundertschaft Soldaten kommt zu ihm und berichtet ihm von der Krankheit und den Schmerzen seines Sohnes. Das ist noch nichts Außergewöhnliches. Mit dem Elend kranker Menschen hatte Jesus ständig zu tun. Überraschend ist aber, dass der Hauptmann eine andere Religion hat und vom jüdischen Glauben wohl wenig weiß. Ein Fernstehender kommt also zu Jesus und sagt ihm, was ihn bedrückt. Er formuliert nicht einmal eine Bitte. Er schildert einfach das Leiden seines Kindes – offenbar in der festen Überzeugung, dass er verstanden wird und Hilfe möglich ist. Und Jesus reagiert auch, wie erwartet: Ich will kommen und deinen Sohn heilen. Und jetzt geschieht noch einmal Erstaunliches: Herr, ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach gehst, antwortet der Offizier – mit einer Wendung, die in der katholischen Messliturgie einen festen Platz vor der Kommunion hat und auch in evangelischen Abendmahlsfeiern vorkommen kann. In der Geschichte hängt sie wohl damit zusammen, dass der Offizier dem Juden Jesus den Besuch seines Hauses ersparen will – im Wissen um die Trennung zwischen Juden und Andersgläubigen, um die tiefe Kluft zwischen Glauben und Unglauben. Zugleich akzeptiert er aber nicht, dass damit Hilfe für seinen Sohn ausgeschlossen sein soll! Mit Beispielen aus seiner militärischen Erfahrung überwindet er die Kluft, die Menschen fern vom Glauben auszuschließen scheint: Ich bin einer, der Leute über sich hat, die mir befehlen können, und ich kann meinen Soldaten befehlen. Wenn ich einem sage: Geh hin, dann geht er. Und wenn ich den anderen auffordere: Komm her, dann kommt er. Und wenn ich einem sage: Tu das, dann tut er es. Damit überspringt der Hauptmann die Kluft, die ihn vom Glauben trennt, mit einem Zutrauen zu Jesus, das ihn sagen lässt: Sprich nur ein Wort, und mein Sohn wird gesund! – Da wundert sich Jesus und meint: Einen solchen Glauben habe ich nirgends gefunden!

Wie sind ein solcher Glaube, ein so bedingungsloses Zutrauen möglich? Wie werden Sie davon hören, wenn Sie um einen Angehörigen bangen? Oder wenn Sie selbst krank sind? Oder wenn Sie in einer Lebenskrise stecken, für die jedenfalls im Augenblick keine Wendung in Sicht ist und Sie sich von Zuversicht weit entfernt fühlen? – Ich meine: Gerade dann haben Sie den Hauptmann auf ihrer Seite. Oder besser: Jesus, der allen, auch vom Glauben weit Entfernten, Hilfe nicht versagt und gerade ihnen zum Vertrauen helfen will! Man darf es sich ja nicht so vorstellen, dass sich der Hauptmann zu seinem Glauben durchgerungen und sich für das Vertrauen auf die Hilfe Jesu mit aller Kraft entschieden hat. Durch eigene Kraftanstrengungen kommt es nicht zum Glauben.

Wie wird es gewesen sein? Der Hauptmann wird von Jesus gehört haben. Er hat in sich aufgenommen, was er gehört hat. Er hat sich dann auf den Weg gemacht. Und dann ist er einem begegnet, dem er einfach sagen konnte, was ihn belastet. In dieser Begegnung ist sein Zutrauen entstanden. Und geholfen haben ihm Erfahrungen, die er aus seinem Alltag mitgebracht hat. Dort gibt es Selbstverständlichkeiten, die auch gelten, wenn man Jesus begegnet, Gott, der Menschen liebt: Er weist niemanden ab. Er ist da für Menschen, die Hilfe brauchen. Darauf kann man sich einfach verlassen. Auch dann, wenn nicht eintritt, was man erhofft hatte. Verlassen ist man gerade auch dann nicht. Und das kann man sich sagen lassen. Man wird darin in der Begegnung mit Menschen, die einem zuhören und einem sagen, dass man nicht verlassen ist, gestärkt. Vertrauen kann entstehen. Vielleicht ist es nicht so groß wie bei jenem Hauptmann. Aber es ist Vertrauen, in dem man sich begleitet und gehalten weiß. https://www.kirche-im-swr.de/?m=5325

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