Manuskripte

SWR2 Wort zum Sonntag

30MRZ2008
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In den Abendstunden des Karsamstags versammeln sich die katholischen Christen mit Kerzen vor ihren Gotteshäusern. Ein Holzstoß wird angezündet, die große Osterkerze nimmt die Flamme auf und wird in feierlichem Zug durch die dunkle Kirche in den Altarraum getragen. Dreimal ertönt der Ruf „Lumen Christi – Christus, das Licht“ des Liturgen, dreimal die Antwort der Gemeinde „Deo gratias – Dank sei Gott“. Das Licht wandert von Kerze zu Kerze. Es „leuchtet in der Finsternis“ (Joh 1,5). Im Lichtschein hört die Gemeinde von den Großtaten Gottes in der Geschichte, noch einmal gesteigert in der Verkündigung von der Auferstehung Jesu. Vom Dunkel zum Licht. Die Dramaturgie der Osternachtfeier ist stimmig. Der dunkle Kirchenraum – nur von den zuckenden Flammen der Kerzen erhellt – zieht die Mitfeiernden in ihren Bann, lässt sie sinnlich „Auferstehung“ erleben.

Am Karsamstag 1958, also vor 50 Jahren, stürzte der Schriftsteller Reinhold Schneider nach einem Kirchenbesuch in seinem langjährigen Wohnort Freiburg. Am Ostersonntag erlag er 54jährig seinen Verletzungen.
Reinhold Schneider galt vielen in der Mitte des letzten Jahrhunderts als die fast ideale Verkörperung des katholischen Dichters. Heute ist er weithin vergessen.
Ein frommer Schreiber, der mit süßlicher Erbaulichkeit den Glauben der Kirche oder das Leben der Heiligen in nette Geschichten verpackt – das war Reinhold Schneider nicht. Sentimentalität lag dem Dichter und Dramatiker fern. Schneiders Werk ist geprägt von Nüchternheit und Lauterkeit – selbst in seinen Gedichten, die im Leser Bilder eines dunklen Überschwangs innerer Emotion entstehen lassen.
Für Schneider war es unabdingbar, als Christ lebendig zu sein. Entweder Ja oder Nein, ganz oder gar nicht, tot oder lebendig. Kristallisationspunkt seines Glaubens war die Verehrung des Leidens Jesu. Das Kreuz war im wahrsten Sinne des Wortes sein Halt. Wo es aufragte – ob in der persönlichen Einsamkeit oder in den Menschen, von deren Leid er wusste, das er mitlitt - ,sah er sich hineingezogen in einen geheimnisvollen Umwandlungsprozess.
Erschütternd zu lesen sind seine tagebuchartigen Aufzeichnungen des letzten Winters seines Lebens, den er in Wien verbrachte. Sie sind Ausdruck einer zunehmenden Dunkelheit, die sich in Schneider ausbreitet. Während der Zeit des 2. Weltkrieges hatte Schneider seine Leser - darunter viele Soldaten an der Front -aufgerichtet und ihnen in seinen Gedichten und Texten Trost und unbeirrbare Zuversicht geschenkt. Aber dazu ist er jetzt nicht mehr fähig. Er schreibt: „Ich weiß, dass Er (Christus) auferstanden ist. Aber meine Lebenskraft ist so sehr gesunken, dass sie über das Grab nicht hinauszugreifen, sich über den Tod hinweg nicht zu sehnen und zu fürchten vermag“. Die Dunkelheit, die er erlebt, ist ein Zeichen der Gottesferne: „Des Vaters Antlitz hat sich ganz verdunkelt; es ist die schreckliche Maske des Zerschmeißenden, des Keltertreters; ich kann eigentlich (zu Gott) nicht Vater sagen.“
Es ist im Grunde die Erfahrung des Karsamstags, die noch nicht mit der Gewissheit rechnen kann, dass ein neuer Morgen kommt. Ein flackerndes Flämmchen im Dunkel, so war sein Glaube geworden. Seine Hoffnung liegt in einem zaghaften „Vielleicht“: „Der Glaube, der zu Grabe fährt, mit Christus ins Grab, wird vielleicht auferstehen“.
Wer von uns weiß denn schon, ob er die lange Nacht durchsteht, ob ihm einmal das Licht geschenkt wird, das Christen in der Feier der Osternacht so eindrucksvoll feiern und mit ihrem Glauben an den auferstandenen Jesus Christus verbinden?
Der Weg durch das Dunkel, die Erfahrung der Gottesfinsternis ist Reinhold Schneider nicht erspart geblieben. Im Blick auf den Gekreuzigten und in gelebter Solidarität mit den Gottverlassenen muss die Finsternis aber nicht das letzte Wort behalten. Christen dürfen hoffen, dass ihnen in Jesus Christus dieser österliche Lichtblick geschenkt wird. Für mich ist es ein Trost: Reinhold Schneider starb vor 50 Jahren. Es war der 6. April, Ostersonntag. https://www.kirche-im-swr.de/?m=3446

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