Manuskripte

SWR2 Wort zum Sonntag

„Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser …“ – das Gebet vom guten Hirten Gott ist vielen seit Kindertagen vertraut. Es ist ein kindliches, ein tröstendes, ein idyllisches Bild: Der gute Hirte bewacht und behütet seine Schafe und führt sie auf gute Weide. Der Hirtensonntag wird dieser Sonntag im Kirchenjahr genannt.

Der gute Hirte: Dieses Bild ist in manchen Zusammenhängen in Misskredit geraten. Niemand will ein dummes Schaf sein, das hinter her läuft. Aber darum geht es ja auch nicht, vielmehr: ein guter Hirte, eine gute Hirtin sein – das ist doch eigentlich ein schöner Gedanke. Er bringt zum Ausdruck: Er, sie sorgt für das Anvertraute, beschützt es, verteidigt es, bringt es dahin, wo es gedeihen und wachsen kann. Das Hirtenamt ist eine Aufgabe für Menschen, die Verantwortung und Fürsorge für andere übernehmen wollen und sollen. Und deshalb ist in den Osterberichten des Johannesevangeliums nicht davon zu hören, wie es ist, ein Schaf zu sein, sondern was es bedeutet, selbst ein guter Hirte, eine gute Hirtin zu sein.

Es wird erzählt: Jesus beauftragt Simon Petrus zum Hirtenamt. Als er seinen Freunden am See Genezareth erscheint, kommt es zu einem eindringlichen Gespräch: Jesus fragt ihn, ob er ihn liebt. Als Petrus das bejaht, beauftragt er ihn: Weide meine Lämmer! (Joh. 21,15ff)
Dreimal stellt Jesus ihm diese Frage. Dreimal muss er Jesus Rede und Antwort stehen. Mit jedem Mal ein neues Ja zu Jesus sprechen und damit das Nein, das er bei der Verhaftung und der Verleugnung in jener Nacht gesagt hatte, zurücknehmen. Dreimal bekräftigt Petrus: Ich nehme diese Beauftragung an.

Im Fortgang des Gesprächs zwischen Jesus und Petrus wird deutlich: Er wird als Hirte der Gemeinde auch Verfolgung und Leid standhalten müssen. Das Martyrium des Petrus wird nur angedeutet. Die kirchliche Tradition überliefert, dass Petrus den Märtyrertod in den Christenverfolgungen zur Zeit des Kaiser Nero stirbt. - Das Hirtenamt hat hier nichts Liebliches, sondern ist mit mühseligen und leidvollen Konsequenzen verbunden.

Es ist gut, dass es im Bericht über den Fortgang der Sache Jesu auch diese Erinnerung an das Hirtenamt gibt. Sie korrigiert das idyllische Bild. Denn Hirten müssen manchmal auch unbequeme Aufgaben übernehmen, schwierige Herausforderungen annehmen, auf unwegsamem Gelände mutig voran gehen.

Mir ist als konkretes Beispiel dazu eindrücklich die Verlegung der ersten Stolpersteine in unserem Stadtviertel vor Augen. Das sind Steine, die in den Asphalt einbetoniert werden und die eine Erinnerungsplakette mit den Namen und Lebensdaten von Menschen tragen, die durch das Naziregime verfolgt und ermordet wurden – jüdische Menschen, Minderheiten, politische Gegner. An sie wird mit einem Stein, der ihren Namen trägt, erinnert, er wird den Passanten in den Weg gelegt, vor dem Haus, aus dem sie vertrieben wurden, um zu zeigen: Sie haben mitten unter uns gelebt – ihr Name und ihr Leben sollen nicht vergessen sein, nicht in unserem Gedenken und auch nicht im topographischen Gedächtnis der Stadt. Diejenigen, die sich für dieses Projekt engagieren, nehmen viel Mühsal und manchmal auch viel Ärger auf sich: Nicht alle wollen einen Stolperstein in ihrer Nachbarschaft sehen – auch in unserem Stadtviertel war das so.

Mir scheint, es ist durchaus eine Art von Hirtenamt, auf dem unwegsamen und mühevollen Weg des Nicht-Vergessens vorauszugehen, andere an diese Orte und in diese Erinnerung hinein zu führen, damit wir die Menschen, ihr Leben und das Unrecht, das ihnen widerfahren ist, nicht aus dem Gedächtnis streichen. Dass wir uns als Christengemeinde in unserer Stadt an dieser Aufgabe beteiligen, ist für mich selbstverständlich.

Jesus sagt: „Weide meine Lämmer“ - Es ist die Aufgabe der Christengemeinde nach Ostern, zu der Beauftragung zum Hirtenamt Ja zu sagen und in der Nachfolge Jesu gute Hirtinnen und Hirten zu sein für das, was einem anvertraut ist. https://www.kirche-im-swr.de/?m=1165

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