Manuskripte

SWR2 Wort zum Sonntag

Wann – im Verlauf eines Tages – ist die Zeit, in der wir am meisten aktiv und vital sind? Jeder von uns würde darauf wohl eine andere Antwort geben. Der eine startet schon mit viel Energie in den Tag, der andere arbeitet am liebsten bis weit in die Nachtstunden hin-ein. Die eine hat ihren Tiefpunkt am späten Vormittag, die andere unmittelbar nach dem Mittagessen. Es ist eine Frage des „Bio-Rhythmus“ – und der ist bei jedem von uns indivi-duell verschieden.
Doch ganz gleich, wie ich die erste Morgenstunde erlebe, ob ich nun eher zu den noch Schlaftrunkenen gehöre oder zu den nüchternen Senkrechtstartern – der Morgen ist eine ganz besondere Tageszeit.
Zwischen dem Schweigen der Nacht und dem Lautwerden des Tages liegt ein kurzer Au-genblick der Ruhe. Ein Moment der Stille. Da hat sich die Nacht, das Reich des Unbewuss-ten, noch nicht ganz verzogen, und der Alltag mit seiner Arbeit und mit seinem Betrieb ist noch nicht völlig in unser Bewusstsein eingedrungen.
Es ist eine Zeit des Übergangs – diese Morgenstille. Und ich kann sie dazu nutzten, mich auf den bevorstehenden Tag einzustellen. Der Körper bekommt morgens das, was er braucht, um den Einstieg in den Tag zu bewältigen – warum nicht auch die Seele? Wie ich meinen Leib mit einem guten Frühstück für den Start in den Tag nähre und mit Kraft aus-statte, so brauchen auch meine Seele und mein Geist eine nahrhafte Grundlage, die sie in den Tag hinein trägt.
Der Theologe Dietrich Bonhoeffer weist auf die besondere Chance hin, die in der ersten Morgenstunde liegt. Er schreibt:
„Der Anfang des Tages soll nicht schon belastet und bedrängt sein durch das Vielerlei des Werktages. Über dem neuen Tag steht der Herr, der ihn gemacht hat. Die Finsternis und Verworrenheit der Nacht mit ihren Träumen weicht allein dem klaren Licht Jesu Christi und seines erweckenden Wortes. Vor ihm flieht alle Unruhe, alle Sorge und alle Angst. Darum mögen in der Frühe des Tages mancherlei Gedanken und viele unnütze Worte schweigen, und der erste Gedanke und das erste Wort mögen dem gehören, dem unser ganzes Leben gehört.“
Es ist ein eigentümlicher Berührungspunkt im Gefüge von Nacht und Tag, wo die Nacht nicht mehr Nacht ist, weil wir schon den wachen Blick auf den bevorstehenden Tag rich-ten. Wo der Tag aber auch noch nicht Tag ist, weil sein betriebsames Räderwerk noch nicht eingesetzt hat. Und das gilt nicht nur für die Tage, die wir „Arbeitstage“ nennen, sondern auch für den Sonntag, der ja selten unverplant vergeht.
In den ersten Augenblicken eines neuen Tages liegt die Chance, nicht eigene Vorhaben und Sorgen, sondern Gottes befreiende Gabe, seine segnende Nähe, zu bedenken.
Bonhoeffer erinnert an die Bibel und daran, wie Jesus selbst vor Tagesanbruch in die Stille ging und sich einen Augenblick frei nahm, um zu beten. Um die zurückliegende Nacht Gott anzuvertrauen und den bevorstehenden Tag aus seiner Hand zu empfangen. Denn Gott, der Schöpfer, ist es ja, der uns in den Rhythmus von Tag und Nacht eingebettet hat.
„Alle großen Lehrer der Meditation und des geistlichen Lebens“ – so sagt der Theologe Jörg Zink – „weisen uns immer wieder auf die erste Morgenstunde hin: Nimm den Anfang des Tages wahr, er ist die Stelle, an der du die Ewigkeit berührst.
In vielen Nöten und Krankheiten des Leibes und der Seele wäre uns wohl in der Tat gehol-fen, wenn es gelänge, die erste Morgenröte von Eile, von Lärm und Ärger freizuhalten.
Der Lauf des Tages hängt im allgemeinen nicht von unseren persönlichen Vorstellungen ab. Er wird uns aufgezwungen. Aber der Anfang sollte uns gehören.“
Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Tag. https://www.kirche-im-swr.de/?m=75

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