Manuskripte

SWR2 Wort zum Tag

Manchmal, wenn ich nachts wachliege, frage ich mich, ob es Gott wirklich gibt. Ich kenne viele Argumente dafür oder dagegen. Aber all diese Begründungen helfen mir in solchen Momenten nicht weiter. Sie haben ihre Berechtigung, aber ich glaube, die Antwort auf diese Frage liegt auf einer anderen Ebene. Sie kann nicht theoretisch beantwortet werden. Ich muss einen Standpunkt wählen, ohne eine letzte Sicherheit zu haben.

Wenn ich so wach liege und meine Gedanken kreisen, dann komme ich immer wieder an den Punkt, dass letztlich nur Gott mir sagen kann, ob es ihn gibt. Er muss sich mir so zeigen, dass ich vertrauen kann, dass er da ist. Und ich glaube, das habe ich in meinem Leben auch schon erfahren. Manchmal spüre ich eine Kraft, die nicht aus mir selbst zu kommen scheint, oder mir wird ein guter Gedanke geschenkt, der mich in einer wichtigen Frage weiterbringt. In einer Begegnung zeigt sich mir etwas, das mich berührt und verändert. Dann habe ich das Gefühl, dass Gott auf diese Weise zu mir spricht. Aber manchmal scheint er eben auch zu schweigen. Dazu habe ich eine kleine Geschichte geschrieben:

Ein junger Mann fragte den Alten: „Kannst du mir sagen, wie Gott zu dir spricht?“

Da antwortete der Alte: „Gott spricht nicht mit mir, er schweigt.“

„Immer?“

„Immer.“

Dann schwieg der Alte. Und auch der junge Mann schwieg.

Nach einer Weile schien der Alte zu merken, dass der junge Mann ihn etwas fragen wollte, ihm aber die passenden Worte fehlten.

„Willst du wissen warum?“

Der junge Mann nickte.

„Ich weiß nicht warum“, sagte der Alte mit brüchiger Stimme, „der Einzige, der es mir sagen könnte, ist er. Und er schweigt.“

Er machte eine Pause. Der junge Mann sah ihn fragend an.

„Vielleicht“, fuhr er fort, „aber nur vielleicht schweigt er, weil wir uns so vertraut sind. Wenn dir jemand vertraut ist, dann ist seine Gegenwart kostbar, auch wenn er schweigt.“

Der junge Mann schien zu verstehen, was der Alte meinte. Und doch drängte sich ihm eine Frage auf.

„Aber wenn er immer schweigt, zweifelst du dann nicht manchmal, ob es ihn überhaupt gibt?“

„Nein“, sagte der Alte und lächelte. „Wenn es ihn nicht gibt, wer ist es dann, der mit mir schweigt?“

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Die Zauberflöte ist für viele eine Art Märchenoper für Kinder. Irgendwie passt das auch, weil Mozart da eine Musik mit sehr eingängigen Melodien komponiert hat und die Figuren wie aus dem Märchenbuch sind: Die Königin der Nacht, ihre Tochter Pamina und der Prinz Tamino, der sie aus der Gefangenschaft befreien soll.

Ich mag besonders die Szene, als der lustige Vogelhändler Papageno unterwegs ist, um Pamina aufzuspüren. Sie ist entführt und wird vom dunkelhäutigen Monostatos bewacht. Der eine im Vogelkostüm, der andere mit der schwarzen Hautfarbe. Beide erschrecken als sie sich sehen und ergreifen die Flucht. Und beide singen dabei denselben Text: „Hu – Das ist der Teufel sicherlich!“. So oder ähnlich reagieren viele Menschen, wenn sie zum ersten Mal jemandem begegnen, der ihnen fremd ist und anders aussieht: Sie erschrecken und verteufeln den anderen. Weil er fremd ist.

Ich weiß noch, wie ich zum ersten Mal eine Kollegin hatte, die als Muslima mit Kopftuch zur Arbeit gekommen ist. Mir war das fremd und ich habe mich überwinden müssen, mit ihr so umzugehen wie mit jedem anderen Kollegen. Am Anfang habe ich überlegt, ob sie das wohl freiwillig macht oder gezwungen wird, ob sie so streng gläubig ist oder ob das ein politisches Statement sein soll. Ich habe sie aber nie darauf angesprochen, sondern eher zurückhaltend reagiert. Ich war einfach verunsichert.

In Mozarts Zauberflöte ergreifen die beiden Männer auch die Flucht, weil das Fremde sie überfordert. Sie versuchen sogar, sich zu bekämpfen. Erst die Musik der Zauber-Flöte zähmt sie schließlich. Mozart traut es nicht der Religion oder der philosophischen Einsicht zu, die Menschen zu versöhnen. Für ihn schafft das die Musik.

Ich verstehe, dass Mozart das so sieht. Wie oft haben Menschen andere unterdrückt und verteufelt, weil sie einen anderen Glauben haben. Wie oft hat Gott herhalten müssen, um das Unbekannte, das Andere schlecht zu reden. Trotzdem steckt im christlichen Glauben das Potential zur Versöhnung, gerade wenn etwas fremd ist.  Vom Zöllner Zachäus, der ein Halsabschneider ist, den deshalb keiner mag, lässt Jesus sich zum Essen einladen. Eine Frau am Brunnen, eine Samariterin, denen Juden normalerweise aus dem Weg gehen, verwickelt er in ein existentielles Gespräch. Jesus sucht mit Absicht diese Berührungen mit dem Fremden. Er weiß: Bei Gott gibt es das nicht. Da zählen nicht die Hautfarbe oder die Herkunft oder das Kopftuch. Da zählt nur der Mensch. Wenn mich wieder mal etwas verunsichert, weil es mir fremd ist, will ich es genauso machen: Nicht auf das Fremde zuerst schauen, sondern auf den Menschen.

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In meiner Schule haben wir vor kurzem unsere erste multireligiöse Feier veranstaltet. Evangelische, orthodoxe und katholische Christen gemeinsam mit Muslimen. Dabei bin ich zum Nachdenken gekommen, wie schnell ich mit der Kritik bei den anderen bin und dabei die eigenen blinden Flecke übersehen kann.

Die Situation war so: Eine muslimische Schülerin sollte eine Sure aus dem Koran vorlesen. Bei der Sprechprobe habe ich bemerkt, dass sie unsicher ist, an welchem Ort sie in der Kirche dafür stehen soll. Ich habe ihr gesagt, dass sie dafür nach oben vor den Altar soll. Schließlich sei der Koran ja in ihrer Religion das Wort Gottes undgehöre deshalb vor den Altar. Aber schon im nächsten Moment bin ich erschrocken über mich und was ich da gesagt habe. Wo doch jeder weiß, dass im Koran auch Aufrufe zu Gewalt vorkommen und dass die Worte darin viele menschliche Züge haben.

So schnell war sie da, meine Kritik am Islam. Jetzt sagt aber Jesus, dass man mit dem Maß, mit dem man andere misst, selbst auch gemessen werden soll.

Also habe ich mir Gedanken gemacht, wie es denn mit dem Thema Gewalt in der christlichen Bibel aussieht. Und da finde ich leider auch eindeutig gewaltverherrlichende Stellen. Z.B., als Gott Moses und die Israeliten befreit und durchs Rote Meer führt, da lässt er den Pharao und seine Streitmacht ertrinken. Und Jesus zeigt sich auch ziemlich aggressiv gegenüber den Händlern im Tempel, als er sie mit einer Peitsche vertreibt.

Aber bei der Bibel weiß ich, dass ich anders an die Sache herangehen muss. Zum einen trage ich dem Rechnung, dass diese Erzählungen von Menschen und für Menschen geschrieben sind. Sie haben eine menschliche Perspektive und sind durch die Menschen hindurchgegangen, selbst wenn sie direkt von Gott in deren Köpfe und Herzen gelangt sind.  Von der menschlichen Seite aus kann ich verstehen, dass die Israeliten, denen mit Mose die Flucht aus Ägypten gelungen ist, sich freuen, wenn der Pharao mit seiner Armeeuntergeht. Aber ich kann über diese emotionale Sichtweise hinaus auch sehen, dass es dabei um etwas anderes geht: Nämlich darum, dass alle Menschen ein Leben führen können, in dem sie nicht von den Mächtigen abhängig sind, sondern dass es Gottes Wille ist, wenn sich Menschen von Unterdrückern befreien.

Das ist mir alles auch nicht neu. Aber als ich gemerkt habe, wie differenziert ich als Christmit den Texten umgehen kann, die mir heilig sind, ist mir einiges klar geworden: Zum einen, dass genau das auch ein Gewinn für Muslime sein könnte, wenn sie ihre heiligen Texte aus dieser kritischen Perspektive betrachten. Zum anderen aber auch, dass ich den Maßstab, mit dem ich andere kritisiere, auch auf mich selbst anlegen muss, wenn ich den anderen gerecht werden will.

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In der Comic-Serie „Peanuts“ gibt es eine Folge, in der „Charlie Brown“ mit seinem Hund Snoopy über das Sterben und den Tod spricht. Auf Charlies melancholisch angehauchteAussage „Eines Tages sterben wir“ antwortet sein Hund unbeschwert: „Stimmt, aber an allen andern nicht“.

Ziemlich sicher ist heute einer dieser Tage, an denen ich nicht sterbe. Zumindest gehe ich davon aus, wenn ich in den Tag starte. Trotzdem frage ich mich: Ändert das heute etwas, wenn ich weiß, dass ich eines Tages sterben werde?

Ich kann natürlich sagen, dass ich dann das Maximale an Lebensgenuss rausholen muss aus dem heutigen Tag. Und für viele besteht dieser Genuss darin, möglichst viel Freizeit zu haben. Ich nehme mir da auch meist vor, mich zu erholen und raus kommt dabei, dass ich stattdessen möglichst viel Unterhaltsames konsumiere. Selbst das ist also nicht so einfach. Und solange ich im Beruf bin, ist diese Freizeit auch begrenzt. Ich bin nicht rundum frei, das zu tun, worauf ich gerade Lust habe.

Aber ein Leben, in dem ich nur nach Lust und Laune leben könnte, das wär‘s für mich gar nicht. Ich wäre vermutlich schnell einsam und gelangweilt, weil ich meine Kollegen bei der Arbeit und das Lernen mit den Schülern als etwas Wertvolles ansehe.

Ich glaube, mir ist was anderes wichtig. Nämlich, dass ich nicht zwischen Freizeit und Beruf trenne, sondern dass ich den verschiedenenMomenten des Tages einen Wert gebe. Zum Beispiel wenn ich Kollegen und Schülern begegne und merke, dass wir uns auf einer menschlichen Ebene verstehen. Oder wenn ich heute Abend sagen kann, dass meine Schüler im Unterricht ein Aha-Erlebnis gehabt haben.

Aber ich glaube, dass ich diesen Wert des Lebens in noch viel banaleren Momenten finden kann: in den routinemäßigen Abläufen, die sich jeden Tag wiederholen. Für mich hat es zum Beispiel einen besonderen Reiz, wenn ich am Beginn einer Unterrichtsstunde im Klassenzimmer stehe und den Schülern einen guten Morgen wünsche. So banal das klingt, wenn ich weiß, dass ich eines Tages sterben werde und es das eines Tages nicht mehr gibt, dass ich jeden Tag meine Schüler begrüße, dann macht es das für heute wertvoll.

Deshalb will ich heute auf diese scheinbarbanalen Routinemomente achten. Ich würde normalerweisewohl nicht darauf achten, ebenweil sie sich täglich wiederholen und immer ähnlich ablaufen. Aber gerade weil es sie eines Tages nicht mehr geben wird, will ich sie heute auskosten und ihnen den Wert geben, den sie haben.

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Wie gerne würde ich beweisen, dass es Gott wirklich gibt. Einen Gott, der den ganzen Kosmos geschaffen hat und zu dem ich nach dem Tod heimgehe. Allein schon die Tatsache, dass ich mir Gott als Anfang der Welt und als Ziel des Lebens vorstelle, zeigt: Das, was ich mir da so vorstelle und wünsche, übersteigt die Grenzen meines Horizonts. Kein Mensch kann zum Ursprung des Kosmos zurück und ich kann auch nicht über die Grenze des Todes hinausschauen. Es übersteigt den Horizont von dem, was ich sicher wissen kann. Und trotzdem ist es menschlich, dass ich diese Grenze überschreite, mit meinen Vorstellungen und Wünschen, dass ich an einen Gott glaube.

Allerdings gilt das nicht nur für den Glauben. Sondern für alles, was die Menschheit sicher zu wissen meint. Vor kurzem habe ich mit einem Physiker darüber gesprochen. Er sagt, dass die Wissenschaft Modelle für die Wirklichkeit entwickelt, die solange gelten, wie sie sich bewähren oder bis sie widerlegt werden. Was wir Menschen wissen, bleibt immer ein Modell der Wirklichkeit; es ist nicht die Wirklichkeit selbst. Albert Einstein habe ja zum Beispiel auch Newtons Modell von der Anziehungskraft der Planeten kritisiert und weiterentwickelt. Das macht ja den Reiz der Wissenschaft aus, dass Forscher das Wissen ständig weiterentwickeln und trotzdem noch Fragen offenbleiben. Wir nehmen den Stand der Wissenschaft als Realität an. Solange, bis die Forscher ihn wieder weiter entwickeln und verfeinern.

So ist es für mich auch mit dem Glauben an Gott. Der Glaube ist nichts, was ich mit absoluter Sicherheit habe, wo ich an den Punkt komme, dass ich es voll und ganz verstehe. Wenn ich glaube, halte ich mich an das, was ich vorläufig von Gott wissen kann und was sich im Leben bewährt. Zum Beispiel, wenn ich in Trauer um einen Menschen bin oder wenn ich mit einem Schicksalsschlag fertig werden muß. Allein die Vorstellung, dass das bei Gott einen Sinn hat, gibt mir die Kraft, solche Krisen besser zu überstehen.

Wie in der Naturwissenschaft baue ich also auf das, was sich bewährt. Und diese Bewährungsprobe fängt heute an, wenn ich zur Arbeit gehe und darauf vertraue, dass das, was ich da leiste und schaffe, sinnvoll ist. Ich baue heute also darauf, dass es Sinn macht, wenn ich Gutes tue oder geduldig bin mit den Schwächen anderer. Weil ich darauf vertraue, dass das auch den Sinn der Welt schon in ihrem Ursprung ausmacht.

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