Manuskripte

SWR2 Wort zum Tag

Manchmal ist es einfach notwendig, dass wir miteinander streiten; also friedlich streiten, meine ich natürlich. Gewaltfrei – einfach nur mit der Kraft und meinetwegen auch mit der Macht der Argumente. Streiten, mit- und gegeneinander disputieren, um die Wahrheit herauszufinden oder die richtige Lösung oder wenigstens die bessere Lösung für ein Problem, solange die beste Lösung noch aussteht.

Nur: wie kommt so ein Streit zu einem sinnvollen Ende, wie vermeiden es die Parteien beziehungsweise die Menschen,  für immer auseinander zu sein, weil es an diesem einen Punkt  mal schwierig war, beieinander zu bleiben?

Sicher – ein erster Hinweis steckt schon in der Frage drin: Es wird hilfreich sein, wenn beide Seiten Mensch und Menschen bleiben  statt als Partei zu erstarren  und in der oder dem anderen auch nur Partei zu sehen – Gegenpartei natürlich.

Ein zweiter Wegweiser könnte es auch sein,  wenn beide Seiten sich ein wenig zurücknehmen könnten.  Wenn sie einfach nur die bessere Lösung suchen, die richtigere Antwort, das, was für den Moment jedenfalls angemessener ist; statt immer gleich nach dem Maximum greifen zu wollen: nach der allerrichtigsten Antwort, nach dem allerbesten Weg, nach der für immer gültigen Regelung. Das macht es, glaube ich, einfacher; und lässt es besser zu, dass die Streitenden sich auf so etwas einlassen wie einen Kompromiss, eine pragmatische Antwort.  Auch, weil sie dann erst mal weitermachen können –  meinetwegen auch nur unter Vorbehalt,  bis sich vielleicht noch etwas besseres findet. Vielleicht sagt das Sprichwort ja deswegen ganz bescheiden:  Das Bessereist der Feind des Guten. (Nicht etwa das Beste!)

Und, klar, oft genug wird auch mal der eine oder die andere nachgeben müssen. Einsehen, dass er falsch gelegen hat, dass es neue Gesichtspunkte gibt –  oder dass einfach keine Zeit bleibt für lange Debatten.

Jesus erzählt einmal von einem ungerechten Richter: Widerrechtlich weigert der sich, einer Frau ihr gutes Recht zuzusprechen. Erst als sie ihm sozusagen die Bude einrennt, gibt er endlich nach – „weil sie mich nicht in Ruhe lässt,  will ich ihr Recht verschaffen.  Sonst kommt sie am Ende noch und schlägt mir ins Gesicht.“

Du hast Recht – und ich hab meine Ruhe:  Konstruktiv geht sicher anders. Aber bevor ein Streit so sehr eskaliert, dass am Ende gar nichts mehr geht, ist das möglicherweise eine Zwischenlösung.

Schließlich könnte es sein, dass die oder der andere einfach Recht hat!

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„Wenn ein Fremder in eurem Land wohnt, den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid auch schon Fremde gewesen. Ich bin der Herr euer Gott.“ Das steht in der Bibel. (3. Mose 19, 33-34) Aus der Bibel stammen viele Traditionen in unserem Land. Und viele sind stolz darauf und reden vom christlichen Abendland.

Die Fremden sollen wie Einheimische gelten. In den letzten Monaten wird immer deutlicher: Anscheinend schaffen wir das nicht. Die Fremden sind nicht sicher bei uns, nicht die aus anderen Nationen, nicht die mit anderem Glauben. Schon vor Jahren wurden Muslime vom Mordkommando des NSU getötet. In Halle wurde vor ein paar Wochen auf eine Synagoge geschossen, gestern Abend in Hanau auf Menschen in zwei Shisha-Bars. Menschen mit dunklerer Haut waren das und mit dunklen Haaren, Muslime.9 Menschen sind gestorben, dazu der mutmaßliche Täter und seine Mutter.

Ich schäme mich, dass das möglich war. Und ich bin traurig und denke an die Angehörigen der Getöteten. Sie haben Brüder verloren und Söhne, weil ein rechtsextremer, rassistischer, verwirrter Täter die auslöschen wollte, die für ihn nicht hierher gehören. Solches Leid und solches Verbrechen macht einen sprachlos.

Ich denke aber auch an die vielen dunkelhäutigen Menschen, die unter uns leben. Sie fühlen sich nicht mehr sicher. Und ich verstehe das. Auch dafür schäme ich mich.

Ich frage mich, wie solche Verbrechen möglich werden. Wahrscheinlich gab es ja schon immer Vorbehalte vor Fremden. Deshalb steht es ja schon in der Bibel, dass das nicht sein soll. Aber jetzt fühlen sich die verrückten, verwirrten und verbohrten bestätigt. Früher hat man ihnen höchstens heimlich Recht gegeben. Jetzt schlagen sie zu, weil sie sich nicht mehr allein fühlen. Sie fühlen sich gewissermaßen als der bewaffnete Arm einer völkischen Bewegung. Das ist neu.

Im sogenannten christlichen Abendland muss das aufhören. Rechte und linke, deutsche und nichtdeutsche Gewalttäter müssen erleben: Wir sind nicht das Volk. Das Volk im christlichen Abendland denkt anders. Das, meine ich, sollten wir jetzt so laut und deutlich sagen, wie wir können.

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Heute fängt ja für viele Menschen überall im Land die wichtigste Jahreszeit überhaupt an. Schmutziger Donnerstag, Weiberfastnacht, Dicker oder Fetter Donnerstag –  kaum möglich, die Namen alle zu nennen. Jedenfalls lustig soll es werden – und manchmal auch ein wenig gespenstisch.

Ich erinnere mich am ersten Tag des Fastnachtsfinales noch mal  an die Guten Vorsätze von Silvester und Neujahr. Und zwar, weil Gute Vorsätze ja wirklich was Gutes sind und durchaus auch was Fröhliches haben –  keine Spur von Zwang oder sich selbst Runtermachen oder so.

Jeden Tag eine gute Tat – oder doch wenigstens drei vier Mal in der Woche einem anderen Menschen helfen oder sonst was Gutes tun; jeden Morgen ein gutes Wort sagen zu mir selbst ; keinen Tag vergehen lassen, ohne zu lachen oder wenigstens zu lächeln oder jemand anderes zum Lächeln zu bringen – das war’s bei mir: Alles eher keine Belastung;  es erleichert mein Leben und das Leben meiner Umgebung. Lach doch – Gott liebt dich; das war so ein Smiley-Aufkleber in den siebziger Jahren.

Lach doch – Gott liebt dich: klar, das klingt erst mal naiv platt simpel; fand ich früher auch. Inzwischen sehe ich es entspannter. Statt Smiley und Spruch kindisch zu nennen, finde ich es eher kindlich. Jesus lädt seine Leute ja ausdrücklich und mehrfach dazu ein: zu werden wie Kinder, jedenfalls Gott gegenüber. Offen und voll Erwartungen und Hoffnung vor Gott dasein und auch auf die anderen zugehen; das kann, wer das einejedenfalls ganz sicher weiß oder wenigstens ahnt: Gott liebt mich.  Jeden Tag; egal, wie ich drauf bin; manchen hilft das sogar über tiefe Trauer hinweg.

Die Fastnachts- oder Karnevalstage könnten  so eine Art Trainingslager sein für echte Fröhlichkeit. Jedenfalls für alle, die sie locker angehen können. Mal so richtig aus dem eigenen Ernst herausgehen, versuchsweise die Traurigkeit ablegen und ein fröhliches Gesicht aufsetzen. Und natürlich ohne jemand anderes zu belästigen oder gar Schaden zuzufügen:  Das wäre doch ein guter Vorsatz für die nächsten vier fünf Tage.

Ob der Versuch gelungen ist und wo ich noch was verbessern sollte oder wo sogar Umkehr und Buße angesagt wären, kann ich dann ab Aschermittwoch noch mal intensiver anschauen. Mehr als vierzig Tage lang. Und auch weiterhin natürlich in dem Bewusstsein, dass Gott mich liebt –  dass ich also durchaus jeden Tag weiterhin Grund genug zum Lächeln habe …

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Schwimmen zwei jüngere Fische des Weges und treffen zufällig einen älteren Fisch. Der Ältere grüßt sie und sagt: „Guten Morgen Jungs, Wie ist das Wasser?“ Die zwei jungen Fische schwimmen eine Weile weiter und schließlich sagt der eine zum anderen: „Was zum Teufel ist Wasser?“

Diese Geschichte fällt mir oft ein, wenn ich Menschen begegne, die einen großen Verlust zu beklagen haben. Offenbar haben wir Menschen die Eigenart unser Glück erst im Rückblick zu sehen. Erst wenn es nicht mehr da ist. Wir sind scheinbar immer nur glücklich gewesen. Am schlimmsten ist das Leben, wenn man dieses „Ach hätte ich doch…“ in sich fühlt. Dieses Gefühl etwas versäumt zu haben. Vor allem, wenn es um Menschen geht, die weg sind. Das ist schrecklich.

Ich kenne das auch von mir. Immer wieder stelle ich fest, dass ich im Alltag wie mit Blindheit geschlagen bin. Ich sehe einfach nicht was da ist und wie großartig mein Leben oft ist. Wie bedeutsam es ist, dass ich Menschen habe, die ich immer anrufen kann. Dass ich täglich etwas Warmes im Magen habe. Dass ich ein Dach über dem Kopf habe. Und ich kann mir sogar aussuchen wen ich anrufe, was ich esse und wie ich wohne. Aber ich sehe das einfach nicht. Für mich ist zu viel zu selbstverständlich. 

Es geht mir jetzt nicht um derzeit moderne Begriffe wie „Bewusstheit“ oder „Achtsamkeit“. Auch nicht darum, wie wichtig es ist im „Hier und Jetzt“ zu leben. Ich finde das mit dem Wasser besser. Mir hilft dieser Gedanke. Weil er so einfach ist. Mir geht es besser, wenn ich mir die Frage stelle: Wie ist das Wasser heute? Wie ist das, was sowieso um mich herum da ist? Ich versuche damit wahrzunehmen, was ich sonst übersehe.

Ich mache das jeden Tag. Ich versuche mich auf all die Selbstverständlichkeiten einzulassen. Dinge, Zustände und Menschen, die durch ihre Alltäglichkeit zu verschwinden drohen. Und wenn ich etwas oder jemanden verliere, dann weiß ich, dass ich es jeden Tag versucht habe. Und dann, hoffe ich, wird dieses „Ach hätte ich doch...“ nicht so laut und nicht so schmerzhaft sein.

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Ich fahre einen alten Diesel. Alle Gründe der Vernunft sprechen dafür mich von diesem Auto zu trennen. Kein Abgasmanipulationssystem könnte es noch durch irgendeinen Test bringen. Die Nase genügt, um festzustellen, dass es nie wieder eine Großstadt von innen sehen wird. Das ist mir bewusst. Aber ich habe meine Strategien mir einzureden, dass das Auto schon noch in Ordnung ist. Ich fliege ja nie, mache keine Kreuzfahrten, fahre nur, wenn es unbedingt nötig ist. Also gleicht es sich schon irgendwie aus. Natürlich weiß ich, dass das Blödsinn ist. Als hätte ich ein gewisses Pensum an Luftverschmutzung, das mir zusteht. In Wirklichkeit gibt es keine Argumente dafür, um damit weiter zu fahren.

Das Problem ist folgendes: Das Auto hat schon 400 000 Kilometer auf dem Buckel. Es war mir immer treu. In schlechteren Zeiten habe ich sogar eine Weile darin gewohnt. Ich bin damit an sehr schöne Orte gefahren, habe darin wundervolle Mädchen geküsst. Ja, ich muss es sagen: Ich liebe dieses Auto. Es hat es einfach nicht verdient verschrottet zu werden, nur weil es nicht mehr zeitgemäß ist. Dass der nächste TÜV Termin näher rückt, verdränge ich.

So geht es mir mit einigen Dingen. Ich werde bald 40, aber noch immer sitzen Stofftiere auf meinem Sessel. Ich habe Klamotten, die beim Anziehen zu zerfallen drohen, aber ich ziehe sie immer wieder an. Da steckt zu viel von mir drin. Ich habe vielen Dingen also eine Seele gegeben. Ich halte an ihnen fest. Sie sind Brücken zu meiner Geschichte, meiner Person, meinem Leben.

Nicht nur die christliche, wahrscheinlich sagen alle Religionen, man soll sein Herz nicht an das Materielle, sondern an Gott binden. Das macht freier, das sehe ich ein. Und es hat auch immer wieder Zeiten gegeben, da habe ich es probiert, habe von vielem losgelassen. Aber bei ein paar Sachen ging das eben nicht. Und das ist auch nicht schlimm. Ich bin entspannter geworden. Der liebe Gott wird so ein bisschen Konkurrenz schon aushalten. Wahrscheinlich werde ich in meiner alten Cordhose beerdigt und mein Plüschnilpferd wird mir in den Sarg gelegt. Das ist (doch) ok. Beim Auto, das sehe ich ein, da muss ich handeln. Das wird schwer, aber ich verspreche es. Denn da geht es nicht nur um mich.

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Vor zwei Wochen in Berlin in der U-Bahn: An einer Station sind zwei dunkelhäutige Männer eingestiegen und haben mir gegenüber Platz genommen. Mit Bierdosen in der Hand und lauter Musik aus einem ihrer Handys. Ziemlich schnell habe ich mich unwillkürlich verkrampft und den Rucksack auf meinem Schoß fester gehalten. Als ich später ausgestiegen bin, ist mir bewusst geworden was geschehen war. Ich hatte Angst überfallen zu werden. Hätte ich diese Angst auch bei zwei hellhäutigen Studenten gehabt? Ich glaube nicht. Ich hatte Angst, weil die beiden Männer dunkle Haut hatten und eine fremde Sprache. Als mir das klar war schämte ich mich. Ich, der gut gebildete, weltoffene Theologe. Ich, der ich mich für Flüchtlinge einsetze. Ich, der ich mich für so tolerant halte. Ich bin auch nicht anders als all die ganzen Nationalisten, denen ich mich doch moralisch so überlegen fühle.

Ich hatte mich ertappt. All die Voreingenommenheiten, die unsere Welt vergiften, leben auch in mir. Ich bin also nicht frei von dem ganzen Unsinn, den ich doch eigentlich verurteile. Das war niederschmetternd. Ja, ich war enttäuscht von mir. Aber ich war auch froh, dass ich es erkannt habe. Offensichtlich bin ich nicht so gut und rein, wie ich hoffe. Ich werde meinem eigenen Anspruch nicht gerecht. Das ist so. Immer wieder. Aber wenn ich das erkenne und es mir bewusst mache, dann kann ich damit umgehen.

Ich habe aus einem Vorurteil heraus reagiert: Alle dunkelhäutigen jungen Männer sind potentielle Verbrecher. Obwohl ich weiß, dass pauschale Urteile über Menschengruppen nie zutreffen. Ich kann mich also selbst korrigieren und entscheiden aus welchen Überzeugungen und Gefühlen ich handle. Ich bin kein schlechter oder falscher Mensch, weil ich manchmal schlechte Gefühle oder Gedanken habe. Entscheidend ist, wie ich mit diesen Gefühlen und Gedanken umgehe. Diese Auseinandersetzung mit mir selbst ist anstrengend und kostet Kraft. Aber sie ist meine Aufgabe, sie ist die Verantwortung, die ich trage, wenn Zusammenleben gelingen soll. Und in letzter Konsequenz muss ich mich auch fragen wie pauschal mein eigenes Urteil über die erwähnten Nationalisten ist. Wenn ich in allen Nazis sehe, dann trifft das sicher auch nicht den Kern. Es ist schwer gerecht zu sein, aber ich will es weiter versuchen.

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