Manuskripte

SWR2 Wort zum Tag

Immer schon war diese Zeit vor Ostern eine Einladung, den inneren Haushalt zu sortieren und nachzusehen, ob man wirklich alle Tassen im Schrank hat. Der innere Kompass bei solchem Frühlingsputz könnte eine Bemerkung des großen Seelenarztes Carl Gustav Jung sein: „Die entscheidende Frage – so schreibt er – die entscheidende Frage für den Menschen ist: Bist du auf Unendliches bezogen oder nicht? Das ist das Kriterium deines Lebens.“  Anders gesagt:  worauf hoffe ich, und zwar in guten und in  bösen Tagen? Was trägt, wenn es ernst wird? Womit bin ich zutiefst verbunden? „Unendliches“,sagt der erfahrene Therapeut C.G. Jung, man könnte auch sagen „Grundlegendes“. Also worauf ist Verlass?  Diese Frage scheint unausweichlich, ob dafür nun das Wort „Gott“ gebraucht wird oder nicht.  Allerdings, so frage ich mit dem Dichter Rilke: „Ist es möglich zu glauben, man könne einen Gott haben, ohne ihn zu gebrauchen?“

Die schönste Form, Gott zu gebrauchen, ist die Suche nach ihm, nein, das Geschenk, sich von ihm finden zu lassen. Beten nennt man das, seiner Gegenwart innewerden.  Denn in ihm leben wir ja, bewegen wir uns und sind wir. Und ohne ihn wären wir nicht, wäre nichts. Wie viel Gutes sich doch alltäglich unter uns zeigt, gerade in diesen schwierigen Zeiten. Gott gebrauchen, das wäre dann wie in Beziehungen sonst: Zeit füreinander haben, Bitte und Danke sagen, und überhaupt: miteinander sein, also Beten.  Etwa so wie in diesem Psalm 63.

„Gott, du mein Gott, dich suche ich, /meine Seele dürstet nach dir. /Nach dir schmachtet mein Leib, /, wie dürres, lechzendes Land ohne Wasser./  Darum halte ich Ausschau nach dir,/um deine  Gegenwart und Macht zu spüren. Denn deine Güte ist besser als das Leben.“ Da spricht jemand mit seiner ganzen Sehnsucht, fiebernd nach Trost und Erfüllung. Und das Wichtigste dabei: sein Lebens- und Liebeshunger hat eine Adresse gefunden, nein die Adresse. In diesem Psalm betet sich jemand durch bis zum großen Frieden, er macht Gebrauch von Gott. Wer sein Leben derart ins Gebet nehmen kann, ist gut dran. Dann sortiert sich nicht nur der innere Haushalt, sondern das gesamte Verhalten. Zuversicht kehrt ein, der Frühjahrsputz kommt voran. Übrigens ist es gut, solch ein Gebet laut zu sprechen und immer wieder einmal, den ganzen Tag über und zur Nacht. Das schenkt inneren Frieden.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=30640

Heute, beim Morgengebet, treffe ich überraschend auf meinen Lieblingspsalm: „Gott ist mein Hirte, mir fehlt nichts. Auf grünen Auen lässt er mich lagern. Zur Ruhe an Wassern führt er mich. Meine Lebenskraft lässt er zurückkehren.“ Mir läuft es wohlig den Rücken hinunter: welch ein Vertrauen. Da spricht einer voller Zuversicht. Es komme, was da wolle – mir fehlt nichts, denn Gott ist mein Hirte. Für mich ist gesorgt. Welch ein Start in diesen Tag, in diese Woche.

Natürlich sehe ich bestenfalls in den Ferien mal eine Schafsherde, das Bild vom Hirten hat keinen unmittelbaren Anhalt mehr im Alltag. Trotzdem versteht es jeder und jede. Soll ich stattdessen vom Chef reden, von der Vorgesetzten, vom Präsidenten oder der Therapeutin? Entscheidend ist das vermittelte Gefühl von Vertrauen und Zuversicht - und das ist ja höchst aktuell: kann ich Vertrauen haben in die Politik, zu den Experten und Nachrichten? In der Nomadengesellschaft damals war der Hirte die zentrale Führungsfigur, das Leittier sozusagen.  Er gab die Richtung vor; er weiß, wo die grünen Wiesen sind und die Wasserquellen. „Meine Lebenskraft lässt er zurückkehren“ – welch tröstlicher Satz. Hirte war damals gleich König: gute Führung, „nichts fehlt mir“.

Aber im Ernst, ist dieses uralte Gedicht-Gebet nicht etwas blauäuig und naiv? Wer könnte schon sagen, dass ihm nichts fehlt – gerade heutzutage mit all den Einschränkungen? Aber beschönigt wird da nichts. Deshalb heißt es höchst realistisch dann weiter: „Auch wenn ich gehen muß durch das Tal der Finsternis, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir, deine Keule und dein Stab, die geben mir Mut.“ Offenkundig ist hier kein idyllisches Hirtenleben vorausgesetzt. Der Alltag ist eher Kampf ums Überleben, Feinde sind da und Unglück ist möglich. Aber wieder wird das Bild vom Hirten zum Inbegriff seiner Führung, absolut verlässlich und stark. Mit der Keule verscheucht er wilde Tiere und böse Menschen, mit dem langen Hirtenstab hält er die Herde zusammen und hilft den Tieren nach, wenn es gefährlich wird.

Worauf verlasse ich mich heute und in diesen Tagen? Was gibt Halt und Vertrauen? Solch ein Psalm, laut gesprochen und das vielleicht öfter, macht etwas mit mir.  Er lässt jene Lebenstreue spüren, die wir Gott nennen, in guten und in bösen Tagen. Möge das heute deshalb ein guter Tag werden.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=30639