Manuskripte

SWR2 Wort zum Tag

Seit einiger Zeit bin ich glückliche Besitzerin eines E-Bikes. Endlich kann ich auch die steilen Strecken, von denen es gerade in Stuttgart viele gibt, fahren ohne gleich an die Grenze zu kommen. Wenn ich da in die Pedale trete, spüre ich unmittelbar die Unterstützung durch den Elektromotor. Ein tolles Gefühl.

Unterstützung erleben macht auch sonst das Leben leichter. Wenn etwa Kinder im Haushalt mit anpacken. Oder wenn sich Geschwister gemeinsam verantwortlich fühlen für die Unterstützung ihrer alten Eltern. Es geht dabei um mehr als nur dieses oder jenes zu erledigen: es ist die Erfahrung nicht alleine mit einer Aufgabe da zu stehen und als Person wahrgenommen zu werden – mit der Bereitschaft sich einzusetzen aber auch mit begrenzten Kräften.

Das ist vor allem wichtig, wenn man in einer belastenden Situation steht. Und leider erleben gerade dann viele Menschen, dass sie allein gelassen sind. Wenn sie z.B. einen kranken oder behinderten Angehörigen pflegen.

Neulich habe ich eine Frau kennengelernt, die seit drei Jahren die meiste Zeit am Bett ihres schwer kranken Kindes verbringt. Trotzdem hat sie sich für einen Tag freigemacht, um bei einer Veranstaltung dabei sein zu können. Mich hat das betroffen gemacht. „Wie schaffst du das bloß?“, habe ich sie gefragt. Und ihre Antwort war: „Ich hab gelernt, dass ich Unterstützung brauche und auch für mich selbst sorgen muss.“ Das ist nicht einfach, wenn man dafür einen Pflegedienst oder Einrichtungen wie etwa ein Kinderhospiz braucht. Oft genug muss man dafür kämpfen und sich im Behördendschungel auskennen. Andererseits: was für eine Unterstützung, die Verantwortung und Sorge für eine begrenzte Zeit abgeben zu können! Einmal durchzuschlafen oder vieles zu machen, was sonst nicht möglich wäre. Solche Auszeiten sind überlebensnotwendig, damit eine Familie an den Herausforderungen nicht zerbricht! Was mich überrascht hat, war, dass zur Selbstfürsorge für diese Frau noch etwas weiteres gehört: ihr direkter Draht zu Gott. Bei ihm kann sie alles ablegen: ihre Sorgen und das Gefühl, mitunter nicht mehr zu können, aber auch ihre Glücksmomente. Ich bin nicht allein, sagt sie. Ich lerne Tag für Tag, mein und unser Leben Gott anzuvertrauen. Das hilft mir das Schwere loszulassen und weiter zu machen..

Mir ist die Begegnung mit dieser Frau nachgegangen. Sie hat mich beeindruckt mit ihrer Bereitschaft, den Herausforderungen ihres Lebens nicht auszuweichen. Und sie hat auf mich wie ein glücklicher Mensch gewirkt.

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Vor knapp einem Monat, war ich zum ersten Mal auf einer Demonstration von Fridays for Future. Möglichst viele sollten diesmal kommen, um rund um den Globus ein Zeichen zu setzen. Auch die Erwachsenen. Der Erfolg war überwältigend. Allein in Stuttgart sind an die 20.000 Menschen zusammengekommen. Meine Tochter hat mich motoviert, dabei zu sein. Das war für mich eine neue Erfahrung. Nicht das Demonstrieren. Sondern dass nicht meine Generation den Ton angegeben hat, sondern die jungen Leute. Auffallend viele Mädchen und junge Frauen tragen diese Bewegung, die sich in nur einem Jahr entwickelt hat. Am Anfang saß die damals 15-jährige Greta mit ihrem selbst gemalten Pappschild vor dem schwedischen Parlament. Und jetzt hat sie bei der UN-Klimakonferenz in New York vor den politischen Machthabern der ganzen Welt gesprochen. Zornige Worte hat sie ihnen entgegengeschleudert:

„You´ll come to us young people for hope. How dare you!

„Ihr kommt zu uns jungen Leuten und wollt Hoffnung. Wie könnt ihr es wagen! Ihr habt meine Träume und meine Kindheit mit euren leeren Worten gestohlen. …Menschen leiden, Menschen sterben…Ganze Ökosysteme brechen zusammen. Wir stehen am Anfang eines Massensterbens. Und ihr redet über Geld und erzählt das Märchen vom ewigen ökonomischen Wachstum. Wie könnt ihr es wagen“

Klimaschutz ist kein neues Thema. Ich persönlich bemühe mich wie viele andere Menschen auch um einen umweltbewussten Lebensstil. Aber in dieser Radikalität habe ich den Ernst der Lage und die Konsequenzen verdrängt. Wenn ich mich mit meinen Kindern oder anderen jungen Leuten unterhalte, dann sagen sie deutlich: Wir werden die Folgen zu tragen haben, selbst wenn wir jetzt alles daran setzen, die Erderwärmung zu stoppen. Das macht mich betroffen – und ja, ich bekomme auch Angst.

Als Christin glaube ich daran, dass Gott uns diese wunderbare Welt gegeben hat, damit wir sie bebauen und hüten. Wir haben sie stattdessen ausgeplündert, kurzfristig auf unseren Vorteil bedacht. Und die zerstörerischen Konsequenzen müssen ausgerechnet die Menschen tragen, die am wenigsten dazu beigetragen haben. Die anklagenden und aufrüttelnden Worte von Greta klingen für mich daher wie die Stimme einer Prophetin. Weil sie das anmahnen, was Gottes Wille ist: dass nicht die einen auf Kosten der andern leben dürfen, weil die Welt für alle Menschen und Lebewesen da ist.

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Was haben Greta Thunberg und Papst Franziskus gemeinsam? Auf den ersten Blick nicht viel: Greta ist jung, weiblich, und Schülerin aus Schweden. Franziskus ist alt, männlich und Papst aus Argentinien. 

Schaut man aber auf das, was die beiden zum Thema Umwelt sagen, dann haben sie eine Menge gemeinsam. Sie prangern beide an, dass sich Politik und Wirtschaft zu wenig darum kümmern. Greta Thunberg hat vor drei Wochen auf dem UN-Klimagipfel in New York gesagt: „Wir stehen am Anfang eines Massensterbens, und alles, worüber ihr Politiker reden könnt, ist Geld und die Märchen von einem für immer anhaltenden (…) Wachstum.“ Papst Franziskus klingt ganz ähnlich. In seiner Umweltenzyklika vor vier Jahren hat er geschrieben: „Das Bündnis von Wirtschaft und Technologie klammert am Ende alles aus, was nicht zu seinen (…) Interessen gehört." 

Greta und Franziskus verbindet auch die ganz konkrete Sorge um unseren Planeten. Franziskus schreibt: „Wenn jemand die Erdenbewohner von außen beobachten würde, würde er sich über ein so selbstmörderisches Verhalten nur wundern.“ Und Greta auf dem Klimagipfel von Kattowitz: „Sie sagen, dass Sie ihre Kinder mehr als alles andere lieben, aber gleichzeitig stehlen Sie ihnen die Zukunft vor ihren Augen weg.“ 

Und dann geht es beiden auch darum, wie ungerecht die Natur ausgebeutet wird. Greta sagt: „Unsere Zivilisation wird für die Chancen einer kleinen Gruppe geopfert, die immer mehr Geld verdienen will.“ Franziskus sieht das genauso. Wenige konsumieren und zerstören, während andere noch nicht einmal menschenwürdig leben können. 

Für mich hat Klimaschutz wirklich mit verzichten zu tun. Denn nur wenn jeder einzelne dazu bereit ist, sein Leben umzustellen, dann kann sich etwas verändern. Konkret heißt das: Urlaub am Bodensee statt auf den Malediven, Wasser aus Glasflaschen - und am besten Leitungswasser, mehr Gebrauchtes kaufen, das essen was gerade bei uns wächst – am besten wenig Fleisch, zu einem Ökostromanbieter wechseln, Coffee to Go Becher selbst mitbringen, Fahrrad, Bus oder Bahn nehmen statt das Auto. Und während ich das gerade aufgeschrieben habe, kommt meine Frau ins Zimmer. Sie stöhnt und sagt: „Puh, gerade war ich per Bus und Bahn beim Zahnarzt. Klimaschutz ist echt anstrengend – aber es macht auch glücklich!“

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Heute fallen zwei Gedenktage aufeinander: der Welttag des Brotes und der Welternährungstag. Und davon erzählt auch eine Geschichte des amerikanischen Schriftstellers Frank McCourt. Bevor er Autor wurde war er Lehrer an einer High School in New York. 

Frank McCourt erinnert sich noch genau an seinen ersten Schultag. Weil dort etwas passiert ist, was seine berufliche Laufbahn entscheidend mitbestimmt hat. Wie gesagt, der erste Schultag. Frank McCourt kommt ins Klassenzimmer und dort geht es drunter und drüber - wie immer nach den Ferien. Pete brüllt gerade: „Wer will mein Pausenbrot?“ Andy lässt einen dummen Spruch ab, und als Quittung fliegt ihm das Pausenbrot um die Ohren. Und hinter Andys Ohren landet es auf dem Boden – genau vor den Füßen des neuen Lehrers, der gerade das Klassenzimmer betreten hat. 

Peinlich, peinlich - plötzlich wird es völlig still in der Klasse. Frank McCourt weiß: jetzt entscheidet es sich, ob ich als Lehrer anerkannt werde oder nicht. Er sagt erst mal gar nichts, sondern folgt seinem Bauchgefühl - einer inneren Eingebung: Er bückt sich, hebt das Pausenbrot auf, wickelt es sorgfältig aus und beißt hinein. Er isst es genussvoll ratzeputz auf - vor den Augen der ganzen Klasse. 

Frank McCourt sagt später: „Ab diesem Zeitpunkt hingen mir die Schüler an den Lippen. Ich habe einfach das getan, was ich am besten kann. Anstatt zu unterrichten habe ich Geschichten erzählt.“ Wie gesagt, Frank McCourt ist später Schriftsteller geworden und hat viele Romane und Geschichten geschrieben. Seine Lieblingsgeschichte ist aber immer die mit dem Pausenbrot geblieben. 

Pete und Andy und all die anderen Schüler in der Klasse haben in diesem Moment wohl begriffen, dass Brot nicht nur irgendetwas ist, das einem die Mutter morgens in den Ranzen packt. Nein, Brot ist ein Lebensmittel, also ein Mittel zum Leben. Und das hat ihnen ihr Lehrer nicht mit Hilfe einer theoretischen Abhandlung beigebracht, sondern indem er etwas vorgemacht hat, was er für richtig gehalten hat. Frank McCourt hat später gesagt: „Ich war der erste Lehrer in ihrem Leben, der ein Sandwich vom Boden aufgehoben und es vor versammelter Mannschaft verdrückt hat.“

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Wunder sind so etwas wie das Aushängeschild Jesu. Sie haben ihn bekannt und beliebt gemacht. Ich habe aber einen Verdacht: Ich vermute, Jesus hat Wunder eher widerwillig getan, wirklich nur aus purer Menschenliebe, weil er Mitleid hatte. Nicht etwa um zu zeigen, was für ein toller Typ er ist. 

Eines seiner krassesten Wunder geschieht an der Tochter von Jairus. Jairus ist völlig verzweifelt, weil seine 12jährige Hanna im Sterben liegt. Als Jesus in die Stadt kommt, lässt Jairus alles stehen und liegen – sogar Hannas Krankenbett. Er sucht Jesus im Getümmel der Stadt. Und als er ihn endlich gefunden hat, fleht er ihn an, sie wieder gesund zu machen. Wahrscheinlich zerreißt es Jesus das Herz, als er den niedergeschlagenen Vater sieht und er folgt ihm. Auf dem Weg überbringen Nachbarn die traurige Nachricht, dass Hanna gerade gestorben ist. 

Jesus lässt sich nicht beirren. Am Haus von Jairus angekommen, schickt er zuerst mal alle Gaffer weg. Er geht ins Haus und sagt zu dem Mädchen auf dem Totenbett: „Hanna, steh auf!“ Die Eltern trauen ihren Ohren nicht. Aber im nächsten Augenblick sind sie fassungslos, verblüfft und überglücklich - alles auf einmal, denn Hanna steht tatsächlich auf. Bevor Jesus wieder geht, schärft er allen das ein, was er meistens nach einem Wunder tut: Er sagt: „Erzählt davon bloß nichts weiter!“ 

Dieser Satz könnte Jesus natürlich als PR-Trick ausgelegt werden. Nach dem Motto: wenn du willst, dass sich etwas weiter verbreitet, dann mach es zum Geheimnis. Ich glaube aber Jesus sagt das, weil er nicht möchte, dass die Leute ihn nur deshalb aufsuchen, weil er für Heilungen bekannt ist. Ihm kommt es auf etwas anderes an als auf gute Werbung: Er möchte Menschen aufrichten, und das sagt er ja auch wörtlich: „Steh auf!“ 

„Steh auf!“, das sagt Jesus auch bei anderen Gelegenheiten: zum Beispiel zu den verängstigten Jüngern, die bei Sturm im Boot sitzen. Er sagt es zu einem Gelähmten, den er gerade geheilt hat. Zu einem Mann mit einer verkrüppelten Hand sagt er sogar: „Steh auf und stell dich in die Mitte.“ Jesus möchte nicht den Wunderheiler geben und kein Star sein. Er möchte Menschen, die am Ende, am Rand oder am Boden sind, aufrichten und stark machen.

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Ein Kollege hat mir vom so genannten „Schmunzelpunkt“ erzählt. Ich frage nach: „Wie bitte? Schmunzelpunkt?“ Meine Fantasie beginnt zu rattern: Ist das vielleicht so etwas wie ein Auslöseknopf, um in jeder Situation schmunzeln zu können? Aber mein Kollege stellt klar: „Schmunzelpunkt, das ist der Zeitpunkt, von dem aus du ganz gelassen auf eine Krise zurückschauen kannst. Der Punkt, an dem du über ein Problem lächeln kannst.“

Ach so! Diesen Punkt kenne ich natürlich. Es gab Krisen, in denen ich diesen Punkt geradezu herbeigesehnt habe: Beziehungsstress zum Beispiel. Oder ein sehr unangenehmes Gespräch, das ich die ganze Zeit vor mir hergeschoben habe. Manchmal auch wenn ich krank bin und mir einfach nur wünsche, wieder fit zu sein. 

Wenn die Krise vorbei ist, dann dauert es meistens noch ein bisschen. Und irgendwann bin ich an dem Punkt, wo ich zurückblicken kann und sage: „Hm ja, es war eine harte Zeit, aber jetzt ist sie überstanden. Und dann schmunzle ich vielleicht darüber, wie ich mir damals den Kopf zerbrochen habe, oder wie verbohrt ich war. Manchmal kommt man auch gar nie an den Schmunzelpunkt. Das ist dann eine bittere Erfahrung. 

Zum Schmunzelpunkt ist mir etwas eingefallen. Es ist ja ein Punkt in der Zukunft, an dem ich in die Vergangenheit blicke. Die Deutschlehrer nennen das „Futur II“. Es gibt eine Stelle in der Bibel, da sagt Gott seinen Namen: Jahwe – das ist Hebräisch und heißt „Ich bin“ oder „Ich bin da“. Und weil im Hebräischen nicht alles so eindeutig übersetzt werden kann, übersetzen manche Experten diesen Namen „Jahwe“ auch mit dem Futur II, dieser Mischung aus Zukunft und Vergangenheit. Und zwar statt „Ich bin“ mit „Ich werde da gewesen sein“. 

Wenn das der Name Gottes ist: „Ich werde da gewesen sein.“, dann heißt das für mich zweierlei: Einmal sagt mir Gott zu, dass er mich nicht allein lässt. Und dann genau wie beim Schmunzelpunkt: Ich kann es mir vielleicht nicht immer vorstellen. Aber im Nachhinein kann ich erkennen, dass Gott dabei war. In einer Krise oder im ganzen Leben.

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