Manuskripte

SWR2 Wort zum Tag

Mit manchen Menschen werde ich einfach nicht warm. Ich kann gar nicht genau sagen, warum. Es ist einfach so. Wir finden kein Thema, über das wir sprechen können. Ich verstehe nicht so recht, wie die anderen ticken. Sie bleiben mir fremd.

Das erlebe ich im Alltag – aber auch in meinem Glauben. Heute wird in der Katholischen Kirche das Fest der Heiligen Agnes gefeiert. Und auch Agnes ist so ein Mensch, der mir fremd bleibt.

Ihre Geschichte wird nur bruchstückhaft überliefert. Agnes lebt wohl im 3. Jahrhundert in Rom. Sie ist eine schöne, junge Frau, kommt aus einem vornehmen Haus. Die Überlieferungen schwärmen von ihrem märchenhaften, langen, blonden Haar. Kein Wunder, dass die Verehrer Schlange stehen. Aber Agnes denkt gar nicht ans Heiraten. Sie hat geschworen, ihr Leben Jesus zu widmen. Die abgewiesenen Verehrer bedrängen sie, zetteln einen Prozess an. Schließlich wird sie hingerichtet.

Eine merkwürdige Geschichte. Eine Geschichte voller Fremdheit. Fremd bleibt mir der unbändige Wunsch von Agnes, ihr Leben alternativlos für den Glauben zu opfern. Fremd bleiben mir aber auch all die Menschen um sie herum. All die Menschen, die einfach nicht hinnehmen wollen, dass diese Agnes anders ist. Agnes wehrt sich nämlich gegen das übliche Frauenmodell, gegen Heirat und Kinder. Sie will etwas anders.

Doch mit Agnes‘ Andersheit, mit ihrer Fremdheit tun sich die Menschen ganz offensichtlich schwer. Sie wollen diese Frau gefügig machen: körperlich und geistig. Und als das nicht gelingt, wollen sie sie loswerden. Fremde haben keinen Platz in dieser Welt.

Die Agnes-Geschichte lässt sich so als moderne Erzählung lesen. Sie erzählt, wie schwierig es ist, Fremdheit zu ertragen. Wie schwierig es ist, mit Menschen umzugehen, die anders sind. Agnes ist das Opfer einer Gesellschaft, die einfach nicht akzeptieren kann, dass es Menschen gibt, die anders sind. Ich lese das als Warnung. Welche Folgen es haben kann, wenn eine Gesellschaft mit Fremdheit nicht umgehen kann.

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Ich erlebe täglich, wie nötig es ist, sich mit anderen Menschen zu verständigen. In bis heute unnachahmlicher Weise macht das der englische Komiker Rowan Atkinson in seinem Kinofilm »Mr. Bean macht Ferien« deutlich. Hier reist Mr. Bean nach Frankreich – spricht aber leider kein Französisch. Er kennt nur Ja und Nein, „Oui“ und „Non“. Kein Wunder, dass Mr. Bean von einem Fettnäpfchen ins andere tappt. Im Restaurant kann er die Speisekarte nicht lesen und bestellt nichtsahnend Austern und Langusten. Die mag er aber nicht und weiß nicht, wie er die essen soll. Die Bedienungsanleitung auf dem Fahrkartenautomaten ist ihm auch fremd. So landet seine Krawatte unabsichtlich im Schlitz für die Geldscheine.

Mr. Bean ist eine Figur, bei der sich alltägliche Situationen blitzschnell in einen Alptraum verwandeln. Weil es mit der Verständigung nicht klappt. So etwas kennt wohl jede und jeder. Aber im Alltag ist das meistens nicht so komisch, wenn man sich einfach nicht versteht. In der Familie, wenn das Kind wütend vom Tisch aufsteht und ruft: „Ihr versteht mich einfach nicht“. Im Büro, wenn immer wieder unklar ist, wer was wann und wie macht. In der Partnerschaft, wenn einfach jede Kleinigkeit zu Missverständnissen führt, zu Streit und Tränen.

Ganz ähnlich erlebe ich das auch in religiösen Fragen. Anfang des Jahres war ich auf einer Tagung. Schnell zeigte sich, dass wir ganz Unterschiedliches glauben. Für die einen ist Gott jemand, der vor allem auf meine Fehler sieht – und diese verzeiht. Für die anderen spielt das keine Rolle. Sie fragen, wie wir überhaupt von und über Gott sprechen können. Die Diskussion schaukelt sich auf. Es kommt zu Missverständnissen und Streit.

Wie ist da Verständigung möglich? Ich erlebe, dass wir uns nur verständigen können, wenn wir uns zuhören. Und das heißt: Wenn ich wirklich auch hören will, was der andere sagt, was ihn bewegt. Ein schwerer Schritt. Ich muss nämlich auf Distanz zu mir selbst gehen. Mich nicht so wichtig nehmen. Und ehrlich erfahren wollen, was dem anderen wichtig ist. Aber anders kann Verständnis nie wachsen.

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