Manuskripte

SWR2 Wort zum Tag

In Kanada – hört man – gibt es in diesem Jahr
einen ganz besonderen Adventskalender.
So eine Art Countdown zu den Feiertagen sei das, hat jemand erklärt.
Naja – ein Countdown von eins bis vierundzwanzig…;
aber immerhin: Wenn alle Türchen geöffnet sind
und alle Schublädchen leer,
dann steht das Christkind vor der Tür.

Aber es ist noch ein bisschen mehr, was diesen speziellen Adventskalender
nun wirklich zu einem ganz ungewöhnlichen macht.
Nämlich, dass der Nutzer oder die Nutzerin –
hoffentlich nur erwachsene Menschen! – dass sie ganz schön high sein werden
zum Fest – das ist schon was Besonderes.
Denn hinter jedem Türchen wartet ein Gramm Marihuana.
Als getrocknetes Kraut, in den Joint zu drehen;
oder auch schon mal als Keks zum Knabbern.

Zu bestellen war der Merry Cannabis Advent Calendar online,
bei einer Firma, die auch medizinisches Cannabis vertreibt.
Nur leider: Medizin wäre legal –
als Kekse, Kräuter und Kalender ist es illegal – noch.
Erst im Sommer 2018 wird die Droge legal werden in Canada.
Trotzdem hat der Hersteller Probleme mit Produktion und Versand.
Statt der zwanzig dreißig erwarteten Bestellungen waren es tausende.
Da wurde es ein bisschen eng.
Und rund 150 Euro scheint ein anständiger Preis zu sein
in interessierten  Kreisen.

Schon klar: Advent ist da eigentlich nur ein Vorwand.
Kann man so schön zählen; und der europäische Brauch
„ein kleines Geschenk für jeden Tag in dieser besonderen Zeit“
bringt ja auch irgendwie die Versorgung mal für ein paar Wochen
in eine hübsche Form.
Da wird der Advent zum Trainingsweg zum allmählichen High-Werden.

Andererseits: Weihnachten ist schon ganz von selbst ein Höhepunkt:
da feiern wir, dass Gott so weit runtergekommen ist,
dass er Mensch wird – einer wie du und ich,
mitten in der Not unserer Welt.
Niemand muss aus der Wirklichkeit fliehen
in eine scheinbar heile Drogentraumwelt.

Weihnachten ist so schön, dass ich es lieber ganz nüchtern erleben will;
jedenfalls ohne Stoff oder Dope oder Opium für das Volk.
Und: dieser Höhepunkt ist geschenkt – auch dieses Jahr wieder –
und wer sich so beschenken lässt, gibt das Geschenk auch gern weiter.
Da hoffe ich einfach mal, dass „Merry Cannabis“
eher ein einmaliges Vergnügen bleibt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=25513

Ein Journalist und Dichter, der seinem Leben ein Ende setzt –und trotzdem ein Mensch der Hoffnung!?

Sie wollten sich einem schrecklichen Schicksal entziehen;
heute vor fünfundsiebzig Jahren haben Jochen Klepper
und seine Frau und Tochter sich gemeinsam das Leben genommen.

Er war schon immer anders gewesen als „man“ zu sein hatte.
Statt Pfarrer zu werden wie sein Vater,
wurde Jochen Klepper ein guter Journalist und RadioRedakteur;
gegen den Willen seiner Eltern heiratete er mit 29 Jahren
eine Witwe – elf Jahre älter als er, mit zwei Töchtern;
und Johanna Stein und die Mädchen waren jüdisch.
Klepper hatte wohl gesehen, welcher Terror und welche Gefahr da heraufzog
mit der schnell wachsenden Nazi-Partei.
Diese Heirat 1931 war ein sehr bewusstes Zeichen dagegen.

Das haben auch die Partei und die Behörden so gesehen:
Als Ehemann einer Jüdin verlor Klepper nach der Machtergreifung
erst seine Stelle beim Rundfunk, dann die nächste als Verlagslektor.
Sein Buch über den Soldatenkönig Friedrich Wilhelm
hat ihm  ein wenig geholfen; wichtige Leute in militärischen Kreisen
fanden solche Romane gut und wichtig.
Trotzdem flog er aus der Reichsschrifttums-Kammer
und hatte eigentlich Schreibverbot.

Johanna Klepper wollte ihn schützen und sich scheiden lassen;
aber das hat er energisch zurückgewiesen.
Nach Kriegsbeginn 1940 musste er zur Wehrmacht;
aber nach zehn Monaten haben sie ihn rausgeschmissen –
wegen der jüdischen Ehefrau war er angeblich wehrunwürdig.
Die ältere Tochter war da schon ausgewandert und in Sicherheit,
die jüngere hatte endlich auch die Papiere;
aber die hat Adolf Eichmann persönlich kassiert.
Ihre Ausreise in Sicherheit wurde gestoppt. Es gab keinen Ausweg mehr…

Ein hartes Leben in einer extremen Zeit
hat Klepper mit vielen Details in einem Tagebuch aufgeschrieben.
Seine Gedichte erzählen, warum er es so lange hat aushalten können:
Eine große Hoffnung ist da zu spüren; er hat sich ganz geborgen gefühlt
bei Gott – mitten in Angst und Not.

In den Gesangbüchern der beiden großen Kirchen findet sich ein Adventslied
von Jochen Klepper – es ist aktuell, nicht nur weil jetzt eben Advent ist.
Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern.
So sei nun Lob gesungen dem hellen Morgenstern!
Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein.
Der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein.

Wer die Welt und ihre schrecklichen Gegensätze so anschauen kann,
ist unterwegs im Advent – in einer Hoffnung,
die all das Böse da draußen erblassen lässt…

https://www.kirche-im-swr.de/?m=25512

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