Manuskripte

SWR2 Wort zum Tag

Wer einen Garten hat, der weiß: jetzt, wo die Tage kurz und oft auch trübe sind, jetzt ist die Zeit, um draußen Tulpen, Narzissen und Krokusse zu setzen. Jetzt müssen die Blumenzwiebeln für das nächste Frühjahr in die Erde. Was im Frühjahr aufgehen soll, das muss im Herbst angepackt werden.

Das hat sich die Natur gut überlegt, finde ich. Sie gibt mir den sanften Hinweis: wenn es draußen dunkler und ungemütlicher geworden ist, denke an die hellen Tage, die kommen. Wenn du den Frühling feiern willst, dann fange im Herbst damit an!

Genauso hat es Theodor Storm in seinem Herbstlied beschrieben: „Wohl ist es Herbst; doch warte nur, doch warte nur ein Weilchen! Der Frühling kommt, der Himmel lacht, es steht die Welt in Veilchen.“

Ich finde, da steckt viel Vertrauen in die Zukunft drin. In der dunklen Zeit das Helle zu denken und vorzubereiten. Hoffnung wie Blumenzwiebeln zu pflanzen. Hoffnung, die weiß: vieles von dem, was ich heute tue, geht erst später auf.

So haben es die Propheten der Bibel auch gemacht. Wenn die Welt um sie herum finster aussah, die Menschen müde waren und ihre Zuversicht erschlafft, dann haben die Propheten ihr Augenmerk auf die Zeichen der Hoffnung gerichtet. Jesaja zum Beispiel. Aus einem toten Holz sieht er einen neuen Trieb hervorgehen. Aus einem Baumstumpf wächst ein neuer Spross.

Auch Jesus verwendet gerne solche Bilder aus der Natur. Das Reich Gottes vergleicht er mit dem kleinsten aller Samenkörner: dem winzigen Senfkorn. Aber das wird schließlich größer als alle anderen Kräuter. Und treibt eines Tage Zweige, in denen die Vögel Nester bauen können.

So macht es der Glaube von jeher. Im Kleinen erkennt er das Große. In der Finsternis das Licht. Nicht von ungefähr bereiten sich Christen in den dunklen Wochen des November auf die Adventszeit vor.

Und auch der morgige Ewigkeitssonntag, der letzte Sonntag im Kirchenjahr, ist ja eine Erinnerung an die Zukunft. An eine Zeit, die kommen wird, wenn Gott alle Tränen abwischt und kein Leid mehr sein wird.

Mir aber sagt der Blick in meinen Garten: steck den Kopf nicht in den Sand! Sondern Blumenzwiebeln in die Erde! Fange an zu pflanzen: freundliche Worte, wache Aufmerksamkeit, Samenkörner der Hoffnung. Alles, was Zeit braucht um zu wachsen, um neues Grün hervorzubringen, alles das sollst du jetzt pflanzen! Jetzt ist die Zeit dafür.

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Was uns teilt, schwächt uns. Was uns eint, stärkt uns. Das erzählt eine alte Geschichte von einem Bauern, der viel Kummer hatte mit seinen Kindern. Denn die lebten in dauerndem Unfrieden. Als sie eines Tages in die Welt hinausziehen wollen, ruft sie der Vater zusammen und beschließt, ihnen zum Abschied ein Beispiel zur Einigkeit zu geben.

Er nimmt ein Bündel Stäbe, bindet es zusammen und bittet jedes Einzelne seiner Kinder, das Bündel zu zerbrechen. Trotz aller Mühe gelingt das nicht. Da schnürt der Vater das Bündel auf und reicht den Kindern die Stäbe einzeln. Einzeln aber lassen sich die Stäbe mit Leichtigkeit knicken.
So, sagt der Vater, seid auch ihr stark, wenn ihr einig seid; in eurer Zwietracht aber seid ihr leicht zu überwinden.

Ja, Zusammenhalt macht stark. Spaltung schwächt. „Jede Stadt oder jedes Haus, das mit sich selbst uneins ist, wird nicht bestehen“, sagt Jesus einmal. Und in einem biblischen Psalm steht ein Wort, an das ich in letzter Zeit öfters denken muss. „Siehe, wie gut und wie schön, wenn Geschwister einträchtig beieinander leben“.

Wir heute leben in Zeiten, wo es Politiker gibt, die damit arbeiten, die Einen gegen die Anderen auszuspielen. Das aber funktioniert nur vordergründig. Letztlich schwächt es eine Gesellschaft. Weil es das Zusammenleben vergiftet.

In einem Interview, das die Schauspielerin Nadja Uhl kürzlich gab, spricht sie über ihr Leben in der DDR und nach der Wende. Sie war siebzehn, als die Mauer fiel. Heute im geeinten Deutschland sieht sie mit Kummer neue Zwietracht und Spaltungen. Sie will da nicht mitmachen. „Die Welt fokussiert sich zurzeit auf alles, was uns teilt“, sagt sie, „mich interessiert viel mehr, was uns eint.“

Ich stimme ihr zu. Gefragt sind heute Menschen, die Spaltungen überwinden, Brücken bauen und Verbindungen schaffen. Was uns nämlich wirklich eint, glaube ich, ist der Wunsch und die Sehnsucht nach Frieden. Jedenfalls sollte es so sein. Im Kleinen wie im Großen. In der Familie wie in der Gesellschaft.

Dafür kann ich etwas tun. Das beginnt mit dem Respekt voreinander. Und dem Interesse füreinander. Mit einer Sprache, die die Würde des Anderen achtet. Mit dem Eintreten für gemeinsame Überzeugungen.

Es stimmt ja: was uns eint, stärkt uns. Wie hieß es doch in dem Psalm? „Siehe, wie gut und wie schön es ist, wenn Menschen in Eintracht und Frieden beieinander leben!“

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Die morgendliche Zeitungslektüre. Sie gehört für mich zum Frühstück dazu wie die Tasse Kaffee oder Tee. Der erste Blick über die Schlagzeilen. Politik. Kultur. Gemischtes. Die weite Welt ausgebreitet auf einem Bogen Zeitung in meinen Händen.

Es dauert nicht lange, und ich schlage die Seite mit den Todesanzeigen auf. Früher habe ich schnell darüber hinweg geblättert. Jetzt ist es so, dass ich bei den Todesanzeigen verweile.

Ist es das fortgeschrittene Lebensalter? Ich schaue auf die Lebensdaten, das Geburtsjahr des Verstorbenen. Was war ihm oder ihr geschenkt an Lebenszeit? War er oder sie in meinem Alter? Oder gar jünger?
Es berührt mich, was die Hinterbliebenen einem Verstorbenen hinterherrufen. Ein Sinnspruch. Ein Bibelvers. Etwas, das trösten soll.

Todesanzeigen sagen viel aus über das Leben, finde ich. Ich habe das beim Tod meiner Eltern zum ersten Mal richtig gespürt, was es heißt, so eine Anzeige selbst entwerfen zu müssen. Denn da bin ich gefragt zu sagen, was mich trägt. Über den Verlust hinweg. Und worin meine Hoffnung liegt.

Mitten in der morgendlichen Zeitungslektüre erlebe ich so ein „Memento mori“. Den Impuls: denke daran, dass auch dein Leben endlich ist! Wie oft noch wirst Du morgens die Zeitung aufschlagen und über Andere lesen?

Eine der Anzeigen der letzten Tage hat mich besonders berührt. Da war ein Vers zitiert von dem schwäbischen Dichter Ludwig Uhland. Er hat ihn aus Anlass des Todes eines Kindes geschrieben. Er lautet: „Du kamst, du gingst mit leiser Spur, ein flücht'ger Gast im Erdenland; woher? wohin? wir wissen nur: aus Gottes Hand in Gottes Hand.“

Anrührend finde ich das unaufdringliche Vertrauen, das aus diesen Worten Uhlands spricht. Keine stumme Trauer. Nichts von Endstation. Sondern das Wissen um das bleibende Aufgehobensein beim Schöpfer meines Lebens.

Schön, so etwas bei der morgendlichen Zeitungslektüre zu entdecken. Ja, sie hilft mir, mich mit einem Blick zu orientieren über das, was los ist in der Welt.

Aber auch dazu, inne zu halten. Einen Moment lang fasse ich meine eigenen Lebensdaten in den Blick. Das Datum meiner Geburt weiß ich. Das meines Todes nicht. Aber dann doch dieses: „Aus Gottes Hand, in Gottes Hand“. Und das, finde ich, ist genug.

 

 

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„Einer wird den anderen einladen unter den Weinstock und unter den Feigenbaum. Und die Menschen werden dort zusammensitzen. In Sicherheit.“ (Sacharja 3,10 und 8,12) Dieses einfache, schöne Bild wird im Alten Testament oft gemalt. Und dann heißt es: „So ist es, wenn Friede ist.“

Menschen laden einander ein, trinken Wein, essen lecker. Können miteinander singen und feiern. Ohne Angst, ohne Polizeischutz. Das ist der Inbegriff von Frieden im Alten Testament, der Bibel der Juden und von uns Christen.

Darum ist so traurig und bitter, dass jüdische Menschen 2019 bei uns erleben. So einen Frieden gibt es nicht – nicht für sie. Ich finde, das ist ein Grund für uns nichtjüdische Deutsche, den heutigen Buss- und Bettag ernst zu nehmen. Vielmehr „Buße“ ernst zu nehmen. Nicht nur heute.

Buße ist ja nicht nur etwas Religiöses, sondern meint nachjustieren, in mich gehen. Korrigieren, wo ich bequem und nachlässig geworden bin: ich könnte klarer und sichtbarer solidarisch auftreten mit jüdischen Menschen. Öffentlich.

Oder Christen und Kirchen insgesamt: Was könnte da Buße heißen?
Energisch dazu beitragen, dass unsere jüdischen Nachbarn sicher und unbeschwert leben können, also auch zum Beispiel ihre Kippa tragen in der Öffentlichkeit, ohne angepöbelt zu werden?

Und unser Staat. Er garantiert Religionsfreiheit und den Schutz seiner Bürger*innen: Ich denke, auch da täte „Buße“ gut: energischeres Eingreifen, damit jüdische Mitbürger*innen Aussicht haben, dass sie friedlich leben können. Restaurants führen und Gottesdienst feiern. Zur Zeit braucht es dafür aktiven Polizeischutz, aber vielleicht geht es eines Tages sogar einmal ohne.

Ich glaube, damit das gelingt, müssen wir beherzigen, was Theodor Adorno geschrieben hat. Vor über 50 Jahren schon.
Man darf nicht denken, Antisemitismus sei naturgegeben.

„In dieser Art des Denkens“, hat Adorno gesagt „die solche Dinge ansieht wie Naturkatastrophen…da steckt bereits Resignation drin...Es steckt darin ein schlecht zuschauerhaftes Verhältnis zur Wirklichkeit. Wie diese Dinge weitergehen und die Verantwortung dafür … das ist in letzter Instanz an uns.“
So Adorno 1967 (ThW. Adorno Aspekte des neuen Rechtsradikalismus).

Buße tun heißt umdenken: wollen, dass Antisemitismus verschwindet und aktiv werden: ich bleibe nicht Zuschauer. Nicht mehr denken, ich bin kein Jude, mich wird es nicht treffen.

Im Alten Testament wird versprochen: wenn einer den anderen einlädt, wird Friede. Übertragen heißt das: dass wir jüdische Mitbürger beachten und uns selbst fragen: Was tue ich, dass sie sicher und in Frieden leben?

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Ich glaube, wir Menschen sind oft ganz schön zupackende Wesen. Und ich frage mich. Wäre weniger zupackend manchmal besser?
Ich kann arg zupackend sein. Den Dingen der Welt gegenüber. Und nicht nur ich.
Wir gehen bei vielen Dingen davon aus, dass sie für uns da sind. Die Welt hat uns zu nützen. Manchmal gehen wir noch weiter: die Dinge haben ihre Daseinsberechtigung darin, dass sie einen Zweck für uns haben.

Und so denken wir nicht nur von „toten“ Dingen, wie zB. dem Benzin, das Sie und ich eventuell heute verfahren. Auch Lebendiges machen wir für uns zum Ding. Verzwecken und verbrauchen es. Was ich esse, fast alles ist mal lebendig gewesen. Ich verbrauche es.

Aber das geht ja nicht anders, sagen Sie. Wir leben als Menschen davon, dass wir uns anderes Leben einverleiben. Es für uns zum Zweck machen.  Ja, das ist wohl so, aber oft genug merke ich das nicht einmal mehr. Wie ich aus etwas Lebendigem mein Ding mache.

Und ich packe nicht nur als Verbraucher zu. Beim Spazierengehen bricht man eine Blume ab. Weil man sie haben will. Sogar wenn ich fotografiere, packe ich zu. Ich banne Welt in ein Foto. Und vielleicht erfreue ich mich am Foto mehr als an dem Leben, das es zeigt.
Ich glaube, es wäre gut, wenn ich öfter nicht so zupacken würde.

In der Welt nicht nur das sehen, was man verbrauchen und aneignen kann. Sondern Dinge Geschöpfe sein lassen, die ihren Wert in sich haben. In der Bibel ist zB. die Rede davon, Gott hat vieles geschaffen aus Freude daran.
Ich habe die Erfahrung gemacht, wenn ich Dinge sie selbst sein lasse, werden sie oft neu lebendig. Aber dafür darf ich eben nicht nur zupacken.

Wir können auch anders. Ich kann die Dinge der Welt betrachten, anschauen. Dankbar sein. Manchmal auch erschrecken. Auf jeden Fall sie achten als etwas Eigenes, das sein Geheimnis hat. Und das auch dann gut ist, wenn ich es nicht zum Zweck für mich mache.

Eine Biene, ein Baum sind mehr als nur nützlich für uns. Ich kann über den Baum staunen. Wie er sich nach oben hin verästelt. Ich kann mich freuen an den Farben seiner Blätter. Dinge, über die man ins Staunen gerät, lösen in uns Resonanz aus. Mein Verhältnis zur Welt verändert sich und ich mich. Jesus hat in der Bibel angeregt zu einem weiten resonanten Weltverhältnis.

„Seht die Vögel unter dem Himmel, sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen - und unser himmlischer Vater ernährt sie doch.“ Hat Jesus gesagt. Ich glaube: Wenn ich die Dinge der Welt öfter so sehe. Das schafft Resonanz. Die Dinge können sich sogar öffnen für Gott. Und mich auch.

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Manchmal macht die Welt viel Druck. So vieles passiert, legt sich auf die Seele und belastet. Ich glaube, darum hat jeder und jede Strategien, wie man den Druck der Welt aushält: sich ein Refugium schaffen. Manche schauen keine Nachrichten mehr, um ihre Seele zu schützen. Oder sich engagieren, die Welt ein bisschen besser machen.

Eine menschliche Strategie wie man dem Druck der Welt begegnet, ist Framing. Zu Deutsch: das Rahmen. Also wie wir die Welt sehen und wie wir sie deuten.

Journalisten zB. framen: sie sammeln Nachrichten, prüfen sie und stellen Einzelereignisse in einen Kontext. Sie berichten über Brände in Australien oder Unwetter am Mittelmeer. Und stellen sie in einen Rahmen, indem sie fragen: hat das etwas mit Klimawandel zu tun? Und kann man etwas tun?

Ein ganz wichtiger Framer ist für mich Jesus. Ihm gelingt es immer wieder, Menschen zu entlasten. Indem er die Welt rahmt.

In der Bibel wird zB. erzählt, wie er Druck wegnimmt von Menschen, die angeblich nicht zu den „Guten“ gehören. Die von vermeintlich „Guten“ gedrückt werden mit Moral. Diesen „Sündern“ wendet Jesus sich zu und verteidigt sie. Jesus macht das sehr oft, indem er erzählt. In Gleichnissen.

Zb. in dem vom verlorenen Schaf. Das hat Jesus erzählt, als man ihm vorgehalten hatte, dass er sich mit Sündern und Zöllnern gemein macht. „Wer sich mit Gesindel abgibt, wird selbst Gesindel“, werfen ihm die Gebildeten und Guten vor. Jesus hält dagegen, er framet die Welt mit Himmel und nimmt so Druck von denen, die unter Druck sind.

»Stellt euch vor: erzählt er „den Guten“. Einer von euch hat hundert Schafe und verliert eines. Dann lässt er doch die neunundneunzig Schafe zurück und sucht das verlorene Schaf, bis er es findet? Oder? Und wenn er es gefunden hat, nimmt er es voller Freude auf seine Schultern und trägt es nach Hause. Er ruft seine Freunde und Nachbarn zusammen und sagt zu ihnen: ›Freut euch mit mir!‹

Soweit die kleine Erzählung und jetzt der Rahmen, den Jesus um dieses Stück Welt setzt: Genauso freut sich Gott im Himmel über einen mit Schuld beladenen Menschen, der sein Leben ändert. Er freut sich mehr als über neunundneunzig Gerechte, die es nicht nötig haben, ihr Leben zu ändern.“ (Lukas 15)

Jesus umrahmt unsere Welt mit dem Himmel und uns Menschen setzt er in Beziehung zu Gott. Und der Horizont wird weit. Der Druck wird weniger. Wenn ich mich daran erinnere, dass über der Welt und in ihr Himmel ist, dann verändert sich was. Selbst wenn ich im Moment nur Nebel und finstere Wolken sehe, ich weiß doch: darüber ist ein blauer heller Himmel und die Sonne Gottes.

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