Manuskripte

SWR2 Wort zum Tag

14JUL2020
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In Frankreich steht das gesellschaftliche Leben heute weitgehend still. Nicht weil es dort schon wieder einen Lockdown gibt. An jedem 14. Juli wird in ganz Frankreich an den Sturm auf die Bastille im Jahre 1789 erinnert. Eigentlich können wir durchaus auch mitfeiern. Denn auch unsere Freiheiten in einem demokratisch verfassten Staat haben mit den Ereignissen von damals zu tun. Etwa die Freiheit, meine Religion auszuüben. Auch wenn die revolutionär Gesinnten von damals mit Religion nicht soviel im Sinn hatten. Weil sie die Kirche zu sehr auf der Seite der Unterdrücker erlebt haben.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – diese drei Begriffe fassen zusammen, um was es den Menschen damals gegangen ist. Und sie bilden eine knappe und in ihrer Klarheit nicht zu überbietende Klammer um alle Wünsche nach einer besseren und einer gerechteren Zukunft. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Bis in die Gegenwart hinein geht es immer neu neu darum, dass diese Begriffe in die gesellschaftliche Wirklichkeit hinein übersetzt werden.

Die Debatte um den Rassismus gegen Menschen mit anderer Hautfarbe nach dem Tod von George Floyd. Das ist nicht nur ein Problem in den USA Auch nicht nur eines in den französischen Vorstädten. Davon erzählen mir auch Menschen, die in meiner Nachbarschaft leben. Dass antisemitische Äußerungen Menschen jüdischen Glaubens offen entgegengebracht werden - lange habe ich mir das nicht mehr vorstellen können. Gott hat die Menschen gleich erschaffen – dieses Erbe des Alten Testaments schwingt mit, wenn die Revolutionäre von 1789 die Gleichheit aller Menschen fordern.

Genau deshalb ist das dritte Ziel, die Brüderlichkeit, heute nicht mehr ausreichend. Besser wäre es, von Geschwisterlichkeit zu sprechen. Und davon, dass nicht den Brüdern allein das Recht zukommt, einander in derselben Würde verbunden zu sein. Hier muss die Sprache der großen Ziele, die in Frankreich heute gefeiert werden, weiterentwickelt werden. Damit das dritte Ziel, die Freiheit aller nicht unter die Räder kommt. Die beste Art, heute mit den Menschen in Frankreich mitzufeiern, das wäre doch: diese drei Ziele auch bei uns neu in Erinnerung zu rufen. Alle Menschen sind frei, gleich und einander wie Geschwister verbunden. Darum sind diese drei Begriffe für mich heute wie eine kleine weltliche Predigt am Beginn des Tages.

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13JUL2020
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Die vergangenen Monaten haben für mich deutlich die Spreu vom Weizen getrennt.“ Ein jüngerer Mann aus der IT-Branche hat mich mit diesem Satz überrascht. Er hat bestimmt nie gesehen, wie ein Bauer gedroschenes Getreide noch einmal in die Luft wirft, um so die leichte Spreu vom schweren Getreide zu trennen. Johannes der Täufer beschreibt mit diesem Bild aus der Landwirtschaft, was er für seinen Auftrag hält. Ihm geht es um eine klare Trennung. Nur die, die von ihren falschen Wegen umkehren, werden Zukunft haben. Sie sind der Weizen. Die anderen werden umkommen. Sie sind dann die Spreu, die der Wind verweht.

Manche hätten die Corona-Zeiten auch gerne so gedeutet. Gott greift in den Gang der Welt ein. Und teilt die Welt ein in solche, die nach seinem Willen leben. In den Weizen eben. Daneben gibt es die anderen, die schuld daran sind, dass alles so gekommen ist. Sie sind die Spreu.

Sehr viel anders als Johannes der Täufer geht der junge Mann auch nicht vor. Obwohl ich schon Sympathie dafür empfinde, wie er dieses Bild deutet. Die, die er mit dem Weizen vergleicht, das sind Menschen, die klar sagen: Es hilft nicht weiter, darauf zu hoffen, dass alles nur wieder wird, wie es vorher war. Solches Denken hält er für Spreu. Und nicht nur er, denke ich.

Johannes und der junge Mann - beide fragen danach, wie Menschen Sinn in ihrem Leben finden können. Eine klare Scheidung der Menschen in Gute und Böse hilft am Ende nicht weiter. Aber danach zu fragen, was mich zu einem Weizenmenschen machen könnte - ich finde, das könnte sich schon lohnen. Die Weizenmenschen, wie ich das Bild verstehe, fragen danach, worauf es wirklich ankommt im Leben. Immer wieder innezuhalten und zu prüfen, ob ich auf dem richtigen Weg bin. Etwa nach den Bedingungen der Erzeugung von Lebensmitteln zu fragen. Zu schauen, welche Fahrten wirklich notwendig sind – bei der Arbeit oder bei der Entscheidung, wohin es im Urlaub gehen soll. Und überhaupt: nie die konkreten Menschen aus dem Blick zu verlieren. Das, was sie zum Leben brauchen. Vor allem Nähe und Mitmenschen, die es gut mit ihnen meinen. Die letzten Monate waren da eine gute Übungsmöglichkeit. Aber ausgelernt habe ich noch lange nicht, wie das geht, den Weizen von der Spreu zu trennen.

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