Manuskripte

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„Die Welt ist nicht sicher. Und wir müssen lernen, das auszuhalten.“ Das sagt der Psychotherapeut Jan Kalbitzer. Er zählt die Katastrophen der letzten Monate auf: Die Brände in Australien, die gezeigt haben, wie machtlos Menschen gegen den Klimawandel sind. Das Elend von Millionen Geflüchteten aus den Kriegsgebieten in Nahen Osten und in Afrika. Sie stehen an den Grenzen Europas und keiner weiß, was jetzt getan werden kann. Die Morde in unserem Land, in Hanau, in Halle, in Kassel. Sie machen klar: Unser Miteinander ist vom Rassismus bedroht. Und jetzt die Corona-Pandemie: Die meisten von uns wird es treffen. Die Welt ist nicht sicher.

Es gibt verschiedene Strategien, gegen dieses Gefühl der Unsicherheit. Man kann die Bedrohung leugnen und weglügen. Man kann sich das vom Leib halten und sagen: Ich bin jung und gesund, ich lebe im sicheren Europa – mich wird es schon nicht treffen. Aber spätestens das Coronavirus zeigt: Es kann uns alle treffen. Und es geht uns alle an. Die Welt ist nicht das Paradies. Nirgends.

Aber das andere stimmt auch: „Gott hat uns nicht den Geist der Furcht gegeben, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“ (2. Tim 1,7) Das haben schon die ersten Christen sich gegenseitig versichert. Und ich meine, auf diesen Geist Gottes können wir uns auch heute verlassen. Und etwas tun, um die Katastrophen durchzustehen.

Wenn auch jeder einzelne nicht viel tun kann: Gemeinsam können wir Kräfte entwickeln und Maßnahmen ergreifen. Gemeinsam können wir etwas tun, um zum Beispiel die Klimaerwärmung zu verlangsamen – oder sogar zu verhindern. Jeder kann seinen Teil dazu leisten. Jeder an seinem Platz. Und gemeinsam haben wir Kraft und können das schaffen.

Wir können Liebe üben. Trotz eigener Sorgen auch an die anderen denken. Jetzt, während der Coronakrise gibt es viele Ideen Dafür sorgen, dass niemand sich allein gelassen fühlt. Telefonieren ist kein Ersatz für Besuche. Aber immerhin. Das Fernsehen bietet eine Art Schulfunk mit Bild. Im Internet machen Künstler Musik, teilweise hören tausende zu. Man kann sich und anderen ab und zu etwas Schönes gönnen, auch wenn das Leben eingeschränkt ist. Gottes Geist ist auch ein Geist der liebevollen Phantasie.

Und Besonnenheit kann er schenken. Dass wir uns nicht gegenseitig verrückt machen. Für Gesunde besteht kein Grund zur Beunruhigung, auch nicht wenn sie sich anstecken. Sie können zuhause bleiben, bis sie gesund sind. Und sich dann erst recht um die anderen kümmern.

Ich glaube, so können wir miteinander aushalten, dass die Welt unsicher ist.

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Beim Händewaschen soll man „Bruder Jakob“ singen. Zweimal. Dann kann man sicher sein, dass die Seife die krankmachenden Viren weggewaschen hat. Gute Idee, fand ich. Hilft sicher, es richtig und gründlich zu machen, besonders den Kindern.

Jetzt hat mich die Stuttgarter Prälatin auf eine andere Idee gebracht: Man könnte auch bei jedem Händewaschen das Vaterunser beten. Das dauert auch 30 Sekunden und wahrscheinlich kennen es genauso viele Menschen wie „Bruder Jakob“.

Das Vaterunser also um die Zeit abzumessen. Diese Idee gab es schon immer. Früher hat man Backrezepte so beschrieben. Zum Beispiel: Milch einrühren 3 Vaterunser, damit es keine Klumpen gibt. Oder: Teig kneten 5 Vaterunser lang. Meine Tanten kannten das noch. Und ich finde es eigentlich irgendwie charmant. Ein Gebet bemisst die Zeit, drückt ihr sozusagen den Stempel auf. Mir gefällt der Gedanke.

Natürlich können sie jetzt sagen: Was für ein Blödsinn - als ob ein Gebet mich vor Ansteckung schützen könnte. Kann es natürlich nicht. Trotzdem finde ich die Idee, beim Händewaschen das Vaterunser zu beten gut.

Weil es medizinisch empfohlen ist, 30 Sekunden die Hände zu waschen. Und wie soll ich wissen, wie lang 30 Sekunden sind?
Weil mir das Vaterunser erwachsener vorkommt, als „Bruder Jakob“ zu singen.

Und 3., weil Beten beruhigt, viele jedenfalls. Wer betet – egal ob als Jude oder Christ, als Muslim oder Buddhist – wer betet vertraut sich einem anderen an: Gott. Wer betet spricht sich aus und spürt Nähe. Das sagen viele, die regelmäßig oder jedenfalls in Krisenzeiten wie jetzt beten.

„Bleiben Sie gesund!“ ist im Augenblick der neue Gruß, statt Auf Wiedersehen. Ich meine nicht, dass alle gesund bleiben werden, die beten. Wer betet, kann auch nicht sicher sein, gesund zu bleiben. Beten macht ja nicht immun. Aber viel wichtiger ist ja doch, dass wir behütet bleiben. Behütet vor übermäßiger Sorge und Panik. Behütet vor Einsamkeit und dem Gefühl, niemand ist für mich da.

Ich bete deshalb im Vaterunser „dein Wille geschehe“ und verlasse mich darauf: Gott will, dass Menschen behütet bleiben. Neulich hat mir jemand gesagt: Diese Krankheit ist jetzt die Strafe Gottes. Genau das stimmt nicht. Gott behütet seine Geschöpfe. Nicht immer vor Krankheit. Aber vor Verzweiflung und Panik. Und auch vor Eigensucht und Egoismus. Denn vieles können wir jetzt brauchen. Aber Egoismus bestimmt nicht.

Deshalb probiere ich das jetzt mit dem Vaterunser. Bleiben sie behütet!

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