Manuskripte

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Sei nicht geizig, mit Lob. Das sag ich mir immer wieder. Sag es, wenn jemand etwas gut gemacht hat. Loben ist ein Lebenselixier. Und wirkt sogar doppelt.

Wenn ich jemand lobe, tue ich zuerst meinem Gegenüber gut, aber oft auch mir selber. Weil, wenn man sein Kind, seinen Mann, die Kollegin ausdrücklich lobt und das nicht bloß so vor sich hin empfindet. Erst dann wird einem so richtig klar, dass einem grad jemand gutgetan hat und wie sehr. Manchmal verdoppelt sich die Wirkung einer Wohltat, indem man lobt. Man sagt es, dadurch wird sie richtig bewusst und dann kann man sich auch miteinander darüber freuen.

Dabei ist es egal ob das Gegenüber ein Mensch ist oder sagen wir Gott.

Gespürt habe ich das zB. in Heilbronn auf der Bundesgartenschau. Da gibt es auch einen Kirchengarten. Den betreiben die Heilbronner Kirchen miteinander. Ein schönes Areal. Viele verschiedene Pflanzen. Bäume, die Schatten spenden. ‚Naja, so erwartet man das ja von einer BuGa.‘ Sagen Sie vielleicht.

Aber im Kirchengarten nehmen sie das nicht selbstverständlich. Sie loben. Leben nicht nach dem Motto, net gschimpft isch gnug globt. Gut, dass sie ihr Lob gerade in Baden-Württemberg ausdrücklich hinschreiben. Angeblich kommt das geizen mit Lob ja bei uns besonders häufig vor. Und ich sage ausdrücklich Baden-Württemberg. Weil „geizen mit Lob“ das können nicht nur Schwaben. Das können Badener auch. Ich auch.

Darum ein Lob für die Kirchenleute auf der BUGA. Sie halten bewusst dagegen. Sie loben in ihrem Kirchengarten. Auch GOTT: Für die Schönheit der Natur. Und sie animieren mich als Besucher, da einzustimmen.

Wie? Der Kirchengarten ist eingefasst mit einer hellen freundlichen Umzäunung. Und da steht zB auch dieser Satz. „Du, GOTT, sättigst alles was lebt“.

Jetzt können Sie sagen. Gott braucht so ein Lob doch gar nicht. Wenn es ihn gibt. Obwohl. Vielleicht freut GOTT sich ja, wenn wir sehen und sagen wie großartig dieses komplexe System Erde ist: Boden, Würmer, Nährstoffe, Grundwasser, Pflanzen, Blüten, Bienen, Regen, Sonne, Tiere, Menschen und und und. Das alles spielt zusammen. Da darf man doch sagen: „Du, Gott, sättigst alles was lebt.“

Dieses Lob findet sich in einem Gebet in der Bibel. Wir haben was davon, wenn wir es übernehmen. Nicht vorlaut jammern oder schimpfen, wenn es mal wieder zu heiß ist oder zu ‚weiß nicht was‘. Loben ist besser.. Gott und Menschen. Dann spüren wir, wie kostbar das alles ist, dieses große Leben und ich und Sie mittendrin.

 

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So radikal, das geht doch nicht, habe ich lange gedacht. Wie Jesus da in der Bibel redet. Heute finde ich: Vielleicht hat er recht, wenn er sagt:

21 »Ihr wisst, dass unseren Vorfahren gesagt worden ist: ›Wer einen Mord begeht, der gehört vor Gericht.‹ Ich sage euch aber: Schon, wer zu seinem Bruder oder seiner Schwester ›Dummkopf‹ sagt, gehört vor Gericht. Und wer ›Idiot› sagt, der gehört ins Schattenreich der Toten.(Matth. 5,21ff)

Jesus warnt: Aufpassen, wie Du über Menschen redest. Hassworte verletzen, können töten, wer sie gebraucht, macht sich schuldig.

Ich habe überlegt: Was passiert eigentlich, wenn ich jemand beschimpfe. Ich entwürdige ihn. Ich glaube, es ist immer dasselbe Muster, in Variationen. Ich nehme mal drei Beispiele. Wenn ich zu jemand sagen würde: „Du Arsch“. Dann reduziere ich ihn auf ein Körperteil. Und sicher nicht auf sein bestes.

Wenn ich jemand „Idiotin“ nennen würde, dann pick ich mir eine Schwäche raus. Vielleicht war sie in einem Moment mit dem Kopf nicht ganz da, aber diese Schwäche blase ich so auf, dass alles andere völlig verschwindet.

Und die dritte perfide Art, jemand zu entmenschlichen, ist ihn zum Tier zu erklären. „So eine Ratte“. Die Nazis haben jüdische Menschen verbal entmenschlicht und das war der erste Schritt, sie umzubringen. Ich würde gern wissen, was hat der Mörder von Walter Lübcke, dem Regierungspräsidenten in Kassel, über Jahre von ihm gedacht, bis er sogar so weit war, dass er ihn erschießen konnte.

Wer einen Menschen beschimpft, entmenschlicht ihn. Jetzt versteh ich, warum Jesus in der Bergpredigt so radikal ist: „Ich sage Euch, schon wer zu seinem Bruder oder seiner Schwester, „Dummkopf“ sagt, gehört vor Gericht.“ Jesus will nicht, dass wir Menschen Gewalt antun. Er wusste anscheinend. Worte sind immer schon Taten. Gewalt fängt mit Worten an. Und oft ist es von da an kein weiter Weg mehr zu Mord und Totschlag.

Kann man von Jesus auch positiv lernen?
Zuerst vielleicht: Finde für den anderen immer Worte, die ihn nicht reduzieren auf die Schwachstelle oder einen Mangel. Und wenn es passiert, dann nimm es zurück. Finde das größere Wort. Eines das zeigt: Jeder Mensch ist immer mehr als seine misslungenen Taten oder Worte. Wer behindert ist, ist ein ganzer Mensch. Eine Politikerin. Ihre Politik kann ich kritisieren, ok. Aber ihr höher anrechnen, dass sie sich engagiert. Und erst recht sagen, sie ist eine Frau, ein Mensch. Und das gilt auch für jemand, der rechtsradikal denkt und redet. Man muss ihm entgegentreten, widerstehen, aber ihn nicht entmenschlichen.

 

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Manchmal neige ich zum „Besserwissen“. Dann erklär ich anderen die Welt selbstbewusst und meinungsstark. Insofern bin ich aber selbst Teil des Problems. Das wir, glaube ich, in unserer Gesellschaft zurzeit haben. Viele haben ihre feste Meinung und wollen diese verbreiten und durchsetzen. „Ich will Recht haben“, hat vor kurzem eine Frau zu mir entwaffnend ehrlich gesagt.

Aber was, wenn viele von uns so aufeinander losgehen? Das führt zum Unfrieden in unserer Gesellschaft. Rechthaben müssen polarisiert, Menschen werden einem plötzlich fremd.

Wie könnte ich es anders machen? Aus verschiedenen Meinungen kann ja auch ein Gespräch werden. Könnte es nicht sein, dass jeder einen Teil der Wahrheit hat? Wenn man sie austauscht, dann erkennt man mehr.

Schönes Wort: Aus-tauschen. Klingt wie ein Versprechen. Wer mit anderen was tauscht, steht hinterher besser da als zuvor.

Erinnern Sie sich? Was haben wir als Kinder nicht alles getauscht? Tausche ma? Hat man in der Klasse gefragt. Wenn man Fußballerbilder doppelt gehabt hat. Nur mit Tauschen hat man das eigene Album vollgekriegt. Selbst was geben und was Anderes dafür bekommen. Oder Glasmurmeln haben wir getauscht, damit man von jeder Farbe eine hat und nicht drei blaue und keine grüne. Tauschen wir?

Was haben wir davon, wenn wir Meinungen austauschen? Austauschen, was wir denken und glauben vom Leben, von der Zukunft, von dem was schön ist und gut und wichtig.

Mehr Wahrheit könnten wir bekommen. Vom anderen vielleicht auch mehr kapieren.

Aber wie kriege ich das hin? Ich muss wohl den Besserwisser in mir zähmen. Und viele andere auch. Wenn ich als Besserwisser in den Meinungsaustausch gehe, gibt es keine Begegnung, dann rede ich von oben runter auf den anderen ein oder nur noch gegen sie an.

Meinungen austauschen, dafür muss ich mich interessieren für den anderen. Hinhören. Nicht nur denken, ich weiß es besser. Meinungen austauschen geht nur, wenn ich zumindest für einige Zeit meine zurückhalte, Und erst mal denke, der andere könnte auch recht haben. Sogar wenn mir seine Meinung querliegt.

Wenn man wie ich zum meinungsstarken Besserwissen neigt, vielleicht hilft es, sich an Paulus zu erinnern. „Was wir als Menschen erkennen, meint Paulus, sind Bruchstücke. In diesem Leben erkennen wir alles wie durch einen Zerrspiegel. Erst später – bei Gott- werden wir alles vollständig erkennen.“ Darum brauch ich den Austausch mit anderen. Seinen Teil der Wahrheit sozusagen.

 

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„Familie - das ist doch klar, was das ist: Vater Mutter Kind.“ Hat der Redner von der Bühne gerufen und die meisten Zuhörer haben Beifall geklatscht. Mir hat das nicht eingeleuchtet.

Nur das ist Familie? „Vater Mutter Kind?“ Ich finde, das ist zu wenig. Für mich ist es ein Glück, dass meine Mutter noch lebt und dass ich seit ein paar Monaten Opa bin. Vier Generationen leben zur selben Zeit. Fühlen sich als Familie und es gehören noch viel mehr dazu. Die, die nicht mehr leben und Onkel und Tanten und Cousinen und und und.

„Familie - Vater Mutter Kind, das ist doch klar.“ Je länger ich darüber nachdenke, umso mehr finde ich, Ne, stimmt nicht, das ist zu klein gedacht und zu eng. Vielleicht geht es Ihnen ähnlich.

Ich denke zB. an eine Freundin. Die ist nicht verheiratet. Kinder hat sie auch keine. Aber 6 oder 7 Patenkinder. Die sind inzwischen fast alle erwachsen. Aber diese Freundin hat zu Ihren Patenkindern und die zu ihr engeren Kontakt als vielleicht manch „natürliche“ Mutter oder Vater zu ihren Kindern. Und wenn ich diese Freundin nach ihren Patenkindern frage, sagt sie: „Klar, das ist meine Familie, genau wie meine Geschwister und meine Eltern.“

„Patenkinder als Familie“? Fragen Sie vielleicht?

Ja, im christlichen Sinn ist das so. In der Bibel wird von Jesus mal erzählt, dass er seine „leibliche“ Verwandtschaft arg aufgeregt hat: Jesus war ja von zu Hause weggegangen. Seine Mutter und Brüder sind ihm nach und wollten, er soll wieder heimkommen ‚in die Familie‘. Aber Jesus hält ihnen entgegen: ‚Meine Familie ist einfach größer‘ hat er gesagt, „Wer tut, was mein Vater im Himmel will, der ist mein Bruder, meine Schwester und meine Mutter.“ Ich stelle mir vor, dass seine Leute echt perplex waren, wie Jesus Familie sieht: Wer Gottes Willen tut, der gehört für ihn dazu.

Familie ist größer und mehr als „Vater Mutter Kind.“ Selbst wenn man nicht so radikal ist wie Jesus. Das ist auf jeden Fall richtig, finde ich.

Darum lebt für mich auch eine andere Freundin in einer Familie: Sie ist verheiratet mit ihrer Frau. Aus ihrer ersten Ehe mit einem Mann hat sie leibliche Kinder und mit ihrer Frau zusammen hat sie ein Kind adoptiert. Und sie leben alle gemeinsam unter einem Dach, sorgen füreinander und man spürt viel Liebe, die sie verbindet. Das ist doch Familie. Wenn man versucht, was Jesus gewollt hat: Den Willen Gottes tun – einander lieben. Ein Glück, wenn man das schafft. Auch wenn man eine kleine Familie ist: mit Vater Mutter Kind.

 

 

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Woher komme ich eigentlich? Ich war seinerzeit ziemlich überrascht, als ich erfahren habe: Meine Vorfahren sind aus der Schweiz in die Kurpfalz eingewandert.

Aber richtige dicke Überraschungen kann man erleben, wenn man seine DNA analysieren lässt und fragt: Wo komme ich her? Was sagen meine Gene? Ein Pfarrerskollege aus Württemberg hat das machen lassen. Vom Namen und seiner Sprache her denkt man: Klar, schwäbisch. Und was erzählen seine Gene? Die sagen: in ihm steckt am meisten Skandinavien und eine Menge Italien. Da müssen seine Vorfahren gelebt haben. Und ein bisschen Afrika steckt auch in ihm. Und er ist Schwabe.

Zuerst war ich überrascht, aber beim Nachdenken ist das ja eigentlich total erwartbar. Er ist einfach ein normaler Europäer. So hat unser Kontinent immer schon funktioniert. Man liebt immer schon über Grenzen hinaus.

Sie fragen sich, warum hat mein Pfarrerskollege seine Gene überhaupt bekannt gemacht? Weil ihn die Anfrage einer Partei im Landtag aufgeregt hat und ihm Sorgen macht: Diese Partei will von der Landesregierung wissen, woher kommen Schauspieler, Tänzerinnen Musiker in unseren staatlichen Theatern. An der Oper, beim Ballett? Was steht in deren Pass?

Diese Anfrage hat den Kollegen zornig gemacht. Viele Menschen an den Theatern fühlen sich dadurch an die Nazizeit erinnert. Da hat man jüdische Menschen auch zuerst unter den Kulturschaffenden gesucht, erfasst und sie dann systematisch vertrieben. Ich finde, wenn eine Anfrage im Landtag heute solche Erinnerungen weckt, dann muss man sie zurücknehmen. Wenn man Anstand hat.

Woher komme ich eigentlich? Diese Frage hat mir keine Ruhe gelassen. Mir sind dabei die Gene gar nicht so wichtig. Mich interessiert viel mehr was Anderes. Was prägt denn meine kulturelle Herkunft? Wes Geistes Kind bin ich? Ich muss sagen. Da bin ich sehr ausländisch geprägt. Wenn es so etwas wie einen kulturellen Pass gäbe. Würde ich „Naher Osten“ als Herkunft reinschreiben. Israel. Weil da kommt halt die Bibel her. Da hat Jesus gelebt. Und auf ihn berufen wir uns als Christen. In unserem geistigen Herkunftsnachweis steht sein Name. Da beißt die Maus keinen Faden ab. Wem das nicht behagt, der kann sich wohl nicht mit Recht Christ oder Christin nennen.

Und für uns Christen ist jeder Mensch erst mal ein Ebenbild Gottes und darin gleich. So steht das in der Bibel. Und darum muss ich als Christ auch nicht wissen, woher die Tänzer und Sängerinnen am Theater kommen. Hauptsache sie singen und tanzen gut.

 

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Was machen Sie morgens als Erstes? Ich guck auf mein Smartphone. Damit der Tag gut anfängt. Aber ich guck als Erstes nicht gleich in die Nachrichten. Die tun nicht mehr gut. Sie regen mich auf, erschrecken mich oder machen mich traurig. Ermutigen für den Tag tun so gut wie nie.

Und eines habe ich inzwischen kapiert: ich brauch was Gutes nach dem Aufwachen. Darum schau ich erstes auf eine App mit guten Sätzen: Mal steht da ein Bibelvers: Vor ein paar Tagen zB: hieß es: „Bleib in der Liebe.“ Das ist ein Satz, wenn man grade wach geworden ist: ‚Denk daran, Liebe hält die Welt zusammen. Und Du hast auch Deinen Anteil dran, dass man das spüren kann.‘

Oft sind die Sätze auch nicht aus der Bibel: „Von guten Mächten wunderbar geborgen erwarten wir getrost was kommen mag“, hatte ich auch vor kurzem.

Mit am besten sind für mich kleine Gebete, hab ich gemerkt. Sie erinnern mich dran, dass ich selber kurz in mich gehe und auch einen Gedanken an Gott richte. Das geht oft auch ohne Worte.

Der Tag fängt heller an, wenn ich nicht so aufstehe, als müsste ich jetzt hinaus in eine gottverlassene Welt oder einen gottverlassenen Tag. Das muss ich nicht und Sie auch nicht.

So ein kurzer Gottesgedanke ist wie die erste Tasse Kaffee am Morgen. Er macht wach, ein bisschen leichter und stärker.

Beten macht Mut. Es kann einem diese Ahnung mitgeben, dass man nicht allein ist. Nicht auf sich gestellt.

Ein Freund hat geschildert wie er das empfindet und ich finde, das trifft es gut: Er hat erzählt: „Es klingt ja vielleicht komisch, aber mich baut es auf, wenn ich weiß, es gibt Menschen, die beten für mich. Es ist zwar auch schön, dass ich ihnen wichtig bin. Aber beten ist noch ein bisschen mehr. Das fühlt sich für mich dann an, als ob der Boden unter den Füßen fester würde. Beim Beten kommt einfach noch dazu,“ hat der Freund gesagt, „dass sie mir GOTT an die Seite stellen.“

Das wünsch ich Ihnen auch für heute. Gott an Ihre Seite. Ich hoffe, es tut Ihnen gut, auch wenn Sie selbst vielleicht nicht an Gott glauben. Ich meine es nicht aufdringlich, sondern wohlwollend.

Was machen Sie morgen als Erstes? Ich werde bestimmt wieder auf mein Smartphone schauen. Aber ich weiß, dass ist nicht jedermanns Sache. Darum interessiert es mich, was Sie für Mutmacher haben. Wenn Sie mir schreiben wollen, gern an „Kirche im SWR“.

 

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