Manuskripte

SWR4 Feiertagsgedanken

Soweit sind wir also. Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung hat vor wenigen Tagen für Aufsehen gesorgt. Er hatte den Juden geraten, sie sollten sich nicht überall in Deutschland mit der Kippa zeigen. Kippa ist eine kleine Kopfbedeckung, die für Männer jüdischen Glaubens eine große Bedeutung hat. Begründet wurde die Empfehlung mit der "zunehmenden gesellschaftlichen Enthemmung und Verrohung“. Ich finde das ungeheuerlich! Wer Jude ist, muss  sich verstecken, um überall in Deutschland sicher zu sein. Er soll nach außen hin nicht zeigen dürfen, welcher Religionsgemeinschaft er angehört. Darauf gibt es für mich nur eine Antwort: Nein, das darf nicht sein! Wenn das so ist, wenn das so bleibt, versagen wir vor unserer Geschichte Es kann doch nicht sein, dass bei uns wieder braune Parolen auftauchen und Nazi Schmierereien zu lesen sind und man einfach vergisst, was dem jüdischen Volk angetan wurde. Das jüdische Sprichwort stimmt: Vergessen hält die Erlösung auf, Erinnern bringt sie voran.

Es ist dringend notwendig, gerade in kirchlichen Kreisen an einen wegweisenden Beschluss des II Vatikanischen Konzils zu erinnern. Der Oberrabbiner von Rom hat diesen Beschluss  damals eine "Revolution" im Verhältnis der katholischen Kirche zur jüdischen Religion genannt. Nach der verheerenden systematischen Vernichtung der Juden im Dritten Reich, die ohne größeren Protest der christlichen Kirchen  mit brutaler Gewalt durchgeführt wurde, war es höchste Zeit, dass sich die Kirche einerseits zu ihrem Versagen bekennt und andererseits ihr Verhältnis zu den Juden neu bestimmt.

Sie sind nicht die Gottesmörder. Sie sind unsere älteren Geschwister. So hat es Papst Johannes Paul II bei seinem historischen Besuch in der römischen Synagoge gesagt. Ihr Glaube ist die Wurzel, die auch den christlichen Glauben trägt. Jesus, Maria und Josef waren Juden und die Heilige Schrift der Juden ist auch  ein Teil unserer Heiligen Schrift. In den christlichen Gottesdiensten werden die Psalmen gebetet, das gemeinsame Gebetbuch von Juden und Christen. Bei allem Unterschied, das Gemeinsame wiegt schwer und reicht tief. Christen und Juden sollten einander begegnen, voneinander lernen und sich so dann auch besser verstehen. Viele unserer christlichen Feste haben ihre Wurzeln im Festkreis des Judentums, viele ausgezeichnete Zeugnisse in Kunst, Literatur und Musik verdanken wir jüdischen Mitbürgern Wer das jüdische Erbe auslöschen will, löscht einen Teil der deutschen Kultur aus. Und wer gegen die Juden hetzt, zeigt, wie wenig er vom sogenannten christlichen Abendland verstanden hat.

 Teil 2

Juden und Christen begegnen einander. Darüber spreche ich heute in den SWR4-Feiertagsgedanken am Pfingstmontag. Das große Pfingstereignis damals in Jerusalem ist eine faszinierende Geschichte. Menschen unterschiedlicher Herkunft und mit ganz verschiedenen Sprachen begegnen einander und können sich verständigen. Es liegt eine Kraft in der Luft, die Menschen aus allen Ländern/Nationen und mit ganz verschiedenen Kulturen zusammenführt. Sie verstehen sich trotz ihrer Unterschiede, sie  respektieren einander, obwohl sie  sich fremd sind.

Gewiss ist das keine spannungsfreie heile Welt und sicher immer wieder auch anstrengend. Man muss aufeinander hören, statt von vorneherein zu urteilen, man muss es aushalten, dass andere anders sind und anders denken, anders glauben, anders leben als man selbst. Am Pfingsttag zeigt Gott, dass er nicht das Einerlei liebt, sondern die Vielfalt, und dass er den Menschen die Kraft gibt, diese Vielfalt zu gestalten. Das geht nicht ohne eigenen Standpunkt, ohne eigene Überzeugung, ohne klare Identität. Und es geht auch nicht ohne die demütige Erkenntnis, dass man nicht das Maß aller Dinge ist. Gerade am Umgang mit einem Anderen oder Fremden erweist es sich, wes Geistes Kind man ist.

Warum sollte also ein Jude nicht seine Kippa tragen dürfen. Gott sei Dank leben wir in einem Land, in dem  schon von der Verfassung her, jedem die freie Ausübung seiner Religion garantiert wird. Ich freue mich, wenn ich Andersgläubige kennen lerne und etwas von ihren Gebräuchen und Ritualen erfahre. Und ich denke an ein Wort von Benedikt dem XVI, der einmal gesagt hat: “Es gibt so viele Wege zu Gott, wie es Menschen gibt“. Diese Vielfalt müssen wir schützen.

Gerade den Juden gegenüber haben wir eine besondere Verantwortung. Heute können wir nicht mehr schweigen und wegschauen, wenn unsere älteren Geschwister diffamiert und mit neuen Hassparolen überschüttet werden. Aber genauso wenig darf unsere Solidarität  von deren Seite missbraucht werden. Ich bin ein Freund der Juden, ich bin sehr beschenkt von ihrer reichen Tradition und den Zeugnissen ihres Glaubens. Dennoch erlaube ich mir, die israelische Politik zu kritisieren. Auch Kritik ist eine Form des Respektes und der genseitigen Achtung. Unter Geschwistern erst recht.

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