Manuskripte

SWR4 Feiertagsgedanken

Teil 1 – Allerheiligen – alle Heiligen...

Heute ist Allerheiligen, ein „katholischer“ Feiertag. Und trotzdem ein Feiertag für alle in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg – ob katholisch oder nicht. „Praktizierend“ oder nicht. „Gläubige Katholiken bringen heute Kerzen an die Gräber ihrer Verstorbenen“, berichten die Nachrichten wieder. Aber was sind denn „gläubige“ - was „praktizierende“ Katholiken? - Dem gängigen Klischee nach bedeutet das: Wer in die Kirche – oder heute zur Gräbersegnung geht, ist „praktizierend“. Aha. Und derjenige ist dann auch gegen die üblichen Themen wie „Abtreibung“, „Homoehe“, „Gender“: das Klischee lebt. Für mich ist die katholische Kirche aber viel bunter, viel alltagstauglicher und alltagsrelevanter als so eingeengt auf drei, vier Klischees. Mich ärgert, wenn manche meinen, das sei alles, was einen „praktizierenden Katholiken“ ausmacht. Am meisten ärgert mich das, wenn es Katholiken sind, die das so vermitteln. Denn wie oberflächlich ist es, wenn einer sich als „praktizierend“ sieht, weil er ein, zwei ihm genehme Themen herausgreift, dafür aber im schlechtesten Fall den ganzen Rest ignoriert? Albert Schweitzer wird der Satz zugeschrieben: „Wer glaubt, ein Christ zu sein, weil er in die Kirche geht, irrt. Man wird ja auch kein Auto, wenn man in die Garage geht.“

Heute ist Allerheiligen. Da feiert die Kirche – wie der Name sagt – alle Heiligen: eine bunte Schar von Katholiken mit ganz unterschiedlichen Lebensgeschichten. Als wenn deren Leben vor allem aus Kirchgang, Gender und Sexualmoral bestanden hätte?! Da ist eine Mutter Teresa, die sich um die Ausgestoßenen der Gosse von Kalkutta gekümmert hat, ebenso wie eine Edith Stein, die als Jüdin geboren und als Ordensfrau in Auschwitz von den Nazis ermordet wurde. Da ist die Visionärin des Mittelalters, Hildegard von Bingen, die es den Mächtigen ihrer Zeit nicht leicht gemacht hat, genauso wie in unseren Tagen ein Erzbischof Oscar Romero, der für die Armen und Ausgegrenzten in El Salvador eintrat - und vom Militärregime ermordet wurde. Da ist ein Franz von Assisi, der die Kirche erneuert hat, ebenso wie ein Martin von Tours, der uns anspornt, Glauben, Leben und viel mehr zu teilen. Da ist ein Nikolaus von Myra, an den sich nicht nur die Kinder gerade in der Adventszeit gerne erinnern, und da ist ein Papst Johannes XXIII., der in den kurzen Jahren seiner Amtszeit die Kirche ganz schön durcheinander und auch auf Vordermann gebracht hat. Heilige sind für mich „praktizierende Katholiken“; weil sie „Katholiken für die Praxis“ sind: Weil sie uns mit ihrem Lebensbeispiel mutig und treu, unkonventionell und alltagsnah dem Himmel ein Stück näher bringen: Vorbildlich. Als Freunde Gottes. Nicht nur heute, an Allerheiligen.

 

Teil 2 – Heilig sein und werden – wie geht das?

In den katholischen Gottesdiensten wird heute Morgen eine Stelle aus der Bergpredigt Jesu vorgelesen. Da steht auch, wie das geht, vielleicht auch als Anregung für mein eigenes Leben: „Selig, die arm sind vor Gott“, sagt Jesus, „denn ihnen gehört das Himmelreich.“ Das heißt auch: Wenn ich weiß, dass ich nicht alles selbst und aus eigener Kraft machen kann, dann kann ich mich glücklich schätzen, denn ich habe erkannt, dass Gott allein der Geber aller Gaben ist. Das hat dann auch Auswirkungen auf meine Weltsicht. Zum Beispiel auf die Erkenntnis, dass nicht alles, was technisch machbar ist, auch gut ist für unsere Zukunft. Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden. Das heißt auch: Wenn ich trauere, lasse ich Gefühle zu. Ich weiß, was ich verloren habe, bin nicht hart und obercool. Deshalb kann ich mich glücklich schätzen, denn ich habe den unschätzbaren Wert erkannt, den jeder Mensch und die Schöpfung Gottes haben. Selig, die verfolgt werden um der Gerechtigkeit willen; denn ihnen gehört das Himmelreich.“ Das heißt auch: Nicht der eigene Vorteil ist entscheidend. Der Lohn, die Macht, die Anerkennung. Wenn mir Gerechtigkeit mehr wert ist als der eigene Profit, dann kann ich mich glücklich schätzen. Ich bin Teil einer besseren Welt, von der ich am Ende selbst profitieren werde und mit mir viele andere.

Papst Franziskus hat im März ein Rundschreiben an die katholische und außerkatholische Welt geschickt mit dem Titel: „Über den Ruf zur Heiligkeit in der Welt von heute.“ Sein Anliegen: Heiligkeit nicht nur als ein wirklichkeitsfernes Ideal von denen zu betrachten, die mal selig- oder heiliggesprochen wurden. Es geht darum, das im eigenen Alltag zu suchen, was selig macht – sozusagen als „Heiligkeit von nebenan“. Jeder und jede hat die innere Kraft dazu, von Gott geschenkt: Davon ist der Papst überzeugt. Da gilt es, auf Entdeckungsreise zu gehen im eigenen Umfeld. „Ermutigen wir uns gegenseitig in diesem Anliegen. So werden wir ein Glück teilen, das uns die Welt nicht nehmen kann“, schreibt der Papst. Das geht über den Tod hinaus. Und deshalb ist „Allerheiligen“ ein Grund zum Feiern, auch auf den Friedhöfen: Weil die Möglichkeit heilig zu werden schon heute und hier beginnt. Und: Weil im Himmel noch Platz ist – für Selige und Heilige, für Menschen wie dich und mich.

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