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Teil 1. Wohlstand und Gemeinwohl
Die Meldungen über die zerstörten Kernkraftwerke in  Fukushima reißen nicht ab. Und in Deutschland soll 2022 der letzte Atomreaktor vom Netz gehen. Einer, der klar Stellung in der vergangenen Diskussion bezogen hat, ist Prof. Dr. Jürgen Manemann. Er leitet das Forschungsinstitut für Philosophie in Hannover. Mit einem Positionspapier zu Kernenergie und Klimawandel hat er schon lange vor Fukushima für Aufsehen gesorgt. Er ist überzeugt, dass auch der christliche Glaube zur Kernenergie Stellung beziehen lässt. 

Weil die Welt nicht nur Welt ist, sondern Gottes Schöpfung. Und diese Schöpfung uns Kreaturen aufgegeben wurde. Und wir jetzt wirklich uns am Scheideweg befinden, ob wir diese Schöpfung verantwortungsvoll begleiten oder unwiederbringlich zerstören.

Jürgen Manemann ist Theologe und Philosoph - mit Bodenhaftung. Schon lange ist die Kernenergie sein Thema. Allerdings nicht als Techniker, sondern aus theologischer und philosophischer Sicht beschäftigt er sich im Forschungsinstitut für Philosophie mit Risiken und Folgen der Nutzung der Atomenergie. Auch, weil er selbst ganz konkret betroffen ist:

Also, wir sind zu diesem Thema vor allen Dingen dadurch gekommen, dass hier im Bistum Hildesheim das Endlager Asse sich befindet. Gorleben befindet sich im Bistum Hildesheim. Und Asse und Gorleben stehen natürlich für die Debatte zur Atomenergie.

Und aus dem Bistum Hildesheim kam im letzten Jahr - lange vor Fukushima - die Bitte, eine philosophische Stellungnahme zur Kernenergie für die Kirche vor Ort anzufertigen.

In der kommen wir zu dem Ergebnis, dass aus der Perspektive des Gemeinwohls betrachtet, aus der Kernenergie so schnell wie möglich ausgestiegen werden muss, weil die Nutzung der Kernergie gemeinwohlschädlich ist.

Gemeinwohlschädlich. Das ist ein starker Begriff. Allerdings bin ich doch überrascht. In der Kirche ist in solchen Zusammenhängen eher von der »Bewahrung der Schöpfung« die Rede. Aber in unserem Gespräch macht Jürgen Mannemann deutlich, warum der Begriff des Gemeinwohls so wichtig ist.

Der Begriff Gemeinwohl ist kommunikativer zunächst einmal als der Begriff der Schöpfung. Und er hat folgenden Vorteil: Er ist auch sehr konkret. Denn wenn Sie von Gemeinwohl sprechen, so müssen Sie Güter benennen, die zum Gemeinwohl gehören, auf die alle Menschen einen Anspruch haben.

Wie zum Beispiel gute Umweltbedingungen. Und mit der Kernenergie ist das nicht möglich. Jetzt ist der Ausstieg nun beschlossene Sache. Diskutiert wird, um welchen Preis dieser Ausstieg erfolgt. Kritiker malen einen Rückgang des Wohlstands an die Wand. Gerade diese Debatte ist für Jürgen Manemann zentral. Er macht mir deutlich, warum.

Alle Glückforschungen kommen zu diesem Ergebnis, dass mit zunehmendem Wohlstand die Lebensqualität abnimmt. Das heißt: Je mehr Wohlstand wir haben, desto unglücklicher werden wir.

Ich frage mich, ob das dann umgekehrt gilt: Macht uns etwa der Ausstieg aus der Atomenergie glücklicher? So will das Manemann nicht sagen. Er will vor allem deutlich machen: Beim Atomausstieg geht es um mehr als um das Abschalten von Kraftwerken, um mehr als um neue Energie. Es geht letztlich um das ganze Leben. Denn, so Manemann, wenn Wohlstand und Glück zusammenhängen,

dann können und sollten wir nicht weiter das Ziel haben, mehr Wohlstand zu haben, sondern wir sollten diese Chance, die die Energiefrage jetzt bietet, nämlich darüber neu nachdenken, wie wollen wir eigentlich heute und zukünftig zusammenleben, die sollen wir neu stellen.

Teil 2. Aus der Katastrophe lernen?
Deutschland hat die Konsequenzen aus Fukushima gezogen. Bis spätestens 2022 sollen alle Atomkraftwerke abgeschalten werden. Doch damit ist es nicht getan. Es bleiben viele Fragen - auch aus theologischer Perspektive. Die treiben Jürgen Manemann um. Denn er hält die Katastrophe in Japan - auch mit dem Atomausstieg - noch lange nicht für erledigt. Das erzählt er mir bei unserem Gespräch in seinem Forschungsinstitut in Hannover:

Was wir nicht machen dürfen, ist, wir dürfen jetzt nicht hingehen, gerade im Angesicht von Fukushima, so eine Art Katastrophendidaktik entwickeln. Das wäre theologisch fatal. Das heißt, zu sagen: Gott sei Dank hat es Fukushima gegeben, denn jetzt ändern wir uns. Also, dass wir Fukushima mit Sinn belegen. Wir dürfen in Fukushima keinen Sinn finden.

Aber die Frage bleibt doch ganz grundsätzlich, wie wir mit fremdem Leid umgehen dürfen. Darf ich etwa aus dem Leid nichts lernen? Manemann bleibt da hartnäckig.

 Einen Sinn im Leiden finden dürfen nur die Menschen, die dieses selbst erleiden müssen. Aber man darf von außen nicht Leidenserfahrungen mit Sinn belegen. Also wir sollten keine Antwort in Fukushima geben, sondern wir sollen eine praktische Antwort auf Fukushima geben. Und das heißt, dass wir hier unser Leben ändern.

 Das eigene Leben ändern. Schon Jesus fordert das ein, fordert Umkehr. Ich finde: ein schwieriges Thema. Umkehr ist oft genug mit Überforderung verbunden. Da finde ich es wohltuend, dass auch Jürgen Manemann keine Rezepte parat hat. Aber er ist sich sicher:

 Wir wissen ja, dass wir alle so leben, wie wir nicht leben sollten. Und dieses Wissen führt dazu, dass wir immer mehr unsere Selbstachtung verlieren. Und wenn wir jetzt gezwungen werden, durch diese Umstände, endlich umzukehren, und es dazu führen wird, dass wir die Hoffnung haben können, dann besser morgens in den Spiegel schauen zu können, dann könnte das dazu führen, dass wir vielleicht glücklicher werden.

Da kann ich mitgehen. Ich bin auch sicher, angesichts der ungelösten Probleme der Kernenergie, muss jeder erkennen: Auch ich nehme Teil an der Welt. Und ich kann sie mitgestalten, kann Mitschöpfer Gottes sein. Manemann betont allerdings in diesem Zusammenhang, dass es nicht nur auf den beschlossenen Ausstieg aus der Atomenergie ankommt.

Denn wir müssen sehen, dass wir nicht nur die Frage stellen müssen: Können wir und wollen wir aus der Atomenergie aussteigen? Da haben wir natürlich ein großes Problem weniger, aber wir haben die Schöpfung damit noch nicht gerettet.

 Die Schöpfung retten - drunter macht es Jürgen Manemann nicht. Mir ist das sympathisch. Ich habe den Eindruck, dass wir im Moment wirklich große Ideen brauchen, um unsere Energiefragen zu lösen. So wie die Schöpfung eine große Idee Gottes war. Aber die Schritte dazu, das macht Jürgen Manemann deutlich, sind oft ganz klein. Zum Beispiel im Umgang mit Strom und Energie.

Das geht los, wie jeder das auch kennt, jeder muss für sich einen persönlichen Energieleitfaden entwickeln, mit Autofahren und Fahrradfahren. Wann benutze ich das Flugzeug? Wann benutze ich die Bahn?

Gottes Schöpfung retten - Jürgen Manemann macht mir deutlich, dass das ein ganz mühsames Geschäft ist. Und dass der Atomausstieg nur einen kleinen Schritt darstellt.

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