Manuskripte

SWR1 Begegnungen

Sie behandelt Kranke auf zwei Kontinenten: Als  Oberärztin im St.-Josef-Krankenhaus im Eifelstädtchen Adenau und in ihrem Urlaub in Marial Bai im Sudan. Seit ihrem ersten Besuch 1983 kommt Lu Näkel vom Sudan nicht mehr los, ist fasziniert von Afrika und seinen Menschen

Afrika, das hat einfach ne gewisse Faszination, und ich denke, wenn man einmal in Afrika war, kommt man wahrscheinlich schwer wieder davon los.

Aber natürlich ist es auch die Arbeit, die erfüllend ist. Beispiel Augenopration:

Wir haben einmal - ganz herzzerreißend - eine junge Frau, die eben zwei Kinder hatte und den Grauen Star, aber die hatte ihre Kinder noch nicht gesehen, ja und die wird dann operiert, und die kann dann auf einmal die Kinder sehen, das ist toll.

Armut und Gewalt, Bürgerkrieg, Flüchtlingslager und ein autoritäres islamistisches Regime: Das ist ungefähr das, was man hierzulande über den Sudan weiß. Wer da von Deutschland aus freiwillig und regelmäßig in das nordafrikanische Land geht, der muss schon eine besondere Mission haben. Lu Näkel hat sie. Bruno Sonnen ist ihr begegnet. 

Teil 1

Lu Näkel heißt eigentlich Luitgard Näkel, wird aber seit jeher nur Lu gerufen. Wir treffen uns an einem Abend nach ihrer Arbeitsschicht in ihrem Heimatort Dernau an der Ahr, 20 Autominuten von Adenau entfernt. Dort arbeitet Lu Näkel als Oberärztin der Inneren Medizin im St.-Josef-Krankenhaus der Waldbreitbacher Franziskanerinnen. Das aber ist nur ein Teil ihres Lebens, und mich interessiert vor allem der andere Teil: Lu Näkel fährt regelmäßig zwei Mal im Jahr in den Sudan, nach Marial Bai im Süden des Landes, um auch dort zu helfen und zu heilen. Dafür fliegt sie über Nairobi, wo sie Medikamente einkauft: Antibiotika, Schmerz- und Wundmittel, Medikamente gegen Malaria. In der von ihr eingerichteten Gesundheitsstation in Marial Bai und den übrigen Dörfern der Region hält sie zusammen mit ebenfalls von ihr ausgebildeten Helfern Sprechstunden  ab und behandelt die Kranken. Auch Hautkrankheiten, Durchfallerkrankungen, Lungenentzündungen und offene, bisweilen chronische Wunden sind häufig.

Wie kam es zu ihrem Engagement im Sudan, will ich wissen.

Bevor ich Medizin studiert habe, habe ich Völkerkunde studiert, und da haben wir eine Feldforschung in den Südsudan gemacht und damit waren das eigentlich die ersten Kontakte. Und nach meiner Rückkehr von dieser Feldforschung fing im Prinzip der Bürgerkrieg im Südsudan an, dadurch ist man sozusagen auch in die Verhältnisse mehr oder weniger mit rein gewachsen, hat das verfolgt, die unterschiedlichen Versuche, dann doch wieder Frieden zu schaffen, die eigentlich dann immer gescheitert sind, bis 2005, und wenn man das mitbekommt und dann doch mehrere Bekannte hat wie die Situation dort ist, wurde ich eben einmal auch gefragt, jetzt bist du Ärztin und bei uns ist die ärztliche Versorgung gerade sehr schlecht, gerade ja in den Kriegsgebieten und ob ich da nicht was machen wollte, und so hat das dann alles angefangen, und hat sich mittlerweile etwas stabilisiert.

Seit 2002 fährt sie regelmäßig in den Sudan, nimmt dafür zusätzlich noch unbezahlten Urlaub, weil der Jahresurlaub dafür nicht reicht. 2002 herrschte noch Bürgerkrieg im Sudan, und die ärztliche Versorgung war schlecht:

Es war ne gewisse Versorgung da, aber auch nicht flächendeckend, oder die Leute mussten dann ja auch zwei drei Tage wandern, bis dass man überhaupt ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen kann, und da überlegt man sich das, oder wenn Sie jetzt schwer krank sind oder mit ner Malaria, also, sind Sie eigentlich gar nicht fähig noch so weit dann zu laufen.     

Arbeit in einem Bürgerkriegsland, reist da nicht auch die Angst immer mit, frage ich sie.

Eigentlich nicht, aber ich muss auch sagen, ich wurde auch von der Bevölkerung, von den Menschen sehr nett aufgenommen und eh also die passten schon gut auf mich auf. Nee, Angst muss ich sagen, hatte ich jetzt eigentlich keine.

Lu Näkel ist als Oberärztin im Krankenhaus im Eifelstädtchen Adenau tätig. Zweimal im Jahr bricht sie zu einem unbezahlten Arbeitseinsatz in den Sudan auf. Bruno Sonnen hat sie in ihrem Heimatort Dernau an der Ahr getroffen.

Teil 2

Ich erlebe Lu Näkel als eine Frau, die nicht lange fragt, wenn sie Handlungsbedarf sieht, sondern beherzt die Initiative ergreift. Ihr Motto: Die Welt verändert sich nur, wenn jeder bei sich selbst anfängt und etwas dafür tut. Und so kam es auch, dass sich das Arbeitsprofil ihres Einsatzes im Sudan erweitert hat über ihre eigene ärztliche Kernkompetenz hinaus:

Einmal bei einer Tour die wir gemacht haben wurden wir mal angehalten und dann hieß es also, hier die Gemeinde wollte mit uns sprechen, und das war ne Riesen-Versammlung und dann hat also jeder die Vertretung der älteren Menschen war da, die Vertretung der Frauen war da, der Häuptling hatte was gesagt, also ich heiß dann da immer Doktor Lu, können Sie nicht hier auch bei uns was machen.. außerdem wir haben so viel Blinde, und dann habe ich gesagt, meine Ressourcen sind ja auch begrenzt und so weiter und ich bin auch kein Augenarzt - aber ich werde mal kucken ob ich da vielleicht was machen könnte. --

Gesagt, getan. Lu Näkel nahm Kontakt mit der Christoffel-Blindemission in Kenia auf, und mittlerweile hat sie zusammen mit einem schwedischen Augenarzt mehreren hundert Menschen ihr Augenlicht wieder geschenkt. Neben der nicht heilbaren Flußblindheit leiden viele, auch junge Menschen im Sudan am Grauen Star.

Das ist natürlich wahnsinnig wenn man vorher blind ist und auf einmal kann man wieder sehen, ich glaub ich  für einen  der sehen kann ganz schwer nachzuvollziehen, und das war wirklich ein ganz durchschlagender Erfolg. Wir haben einmal, das war ganz herzzerreißend, eine junge Frau, die eben zwei Kinder hatte, aber die hatte eben ihre Kinder noch nicht gesehen, ja und die wird dann operiert, ja und die kann dann auf einmal die Kinder sehen, also das ist toll.

Nach dem Friedensschluss 2005 hat sich die Situation im Südsudan schon verbessert, erzählt mir Lu Näkel, aber gerade die ärztliche Versorgung lässt weiterhin viel zu wünschen übrig.

Es gibt zwar jetzt in Marial Bai ein Gesundheitscenter, was staatlich ist,   aber die dort Angestellten, die werden eben von concern, also ner britsichen Hilfsorganisation bezahlt, die Medikamente kommen auch nicht immer regelmäßig, also es gibt dann Phasen wo eben keine Medikamente da sind wie zum Beispiel jetzt auch als ich im März da war, und wir  haben dann großzügig gesagt, bitte schön health center, könnt ihr von uns haben.     

 Das Geld, das sie für die Medikamente im Sudan braucht, kommt vor allem von den Menschen aus ihrer Heimatregion: Kommunionkinder spenden das Geld, dass sie zu ihrer Feier erhalten haben, Katholische Frauengemeinschaften unterstützen sie, ebenso Kollegen und die Familie.  Sie hat einen kleinen Verein gegründet. Dass ihr Engagement auf ihrer christlichen Grundüberzeugung und Erziehung basiert, ist für die 52-Jährige selbstverständlich und deshalb kein Thema, über das sie viele Worte verliert.

Eher schon kommt sie bei meiner Frage ins Schwärmen, was sie denn besonders in Afrika fasziniert, das Land,  die Menschen?

Ja das lässt sich schwer irgendwie in Worte fassen. Beides --also sowohl die Menschen als das Land, oder Afrika, das hat einfach ne gewisse Faszination, und ich denke, wenn man einmal in Afrika war, kommt man wahrscheinlich schwer wieder davon los.

Bruno Sonnen im Gespräch mit Lu Näkel, einer Ärztin aus der Eifel, die sich regelmäßig zwei Mal im Jahr um kranke Menschen im Sudan kümmert. Das waren die Begegnungen, eine Sendung der katholischen Kirche.

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