Manuskripte

SWR1 Sonntagmorgen Begegnungen

Prof. Mouhanad Khorchide, Foto: Peter Grewer

Martin Wolf trifft Prof. Mouhanad Khorchide

An der Universität Münster bildet der Religionspädagoge islamische Religionslehrerinnen und –lehrer aus. Als er vor einigen Jahren ein Buch mit dem Titel „Islam ist Barmherzigkeit“ veröffentlichte, wurde er von konservativen Muslimen massiv angefeindet und sogar mit dem Tod bedroht. Doch warum löst ausgerechnet die Vorstellung göttlicher Barmherzigkeit solche Aggressionen aus?

Die Rede vom barmherzigen Gott hat ja Konsequenzen, weil, ein Gott, der in seinem Wesen barmherzig ist, ist ein Gott, der nicht manchmal barmherzig oder zu bestimmten Menschen barmherzig ist, sondern er ist zu seiner ganzen Schöpfung barmherzig. Wenn man das konsequent denkt, verlässt man diese Unterscheidung gläubig – ungläubig. Manche Muslime, die sehr exklusivistisch den Islam auslegen, die haben ein Problem mit der Rede von diesem absolut barmherzigen Gott. Sie wollen ihn nur für sich als barmherzigen Gott wahrnehmen.

Dabei findet sich, Mouhanad Khorchide, die Vorstellung eines barmherzigen Gottes … für alle Menschen doch im Koran selber.

Also der Koran selbst betont die Barmherzigkeit als Wesenseigenschaft Gottes. Gott ist die Barmherzigkeit im Sinne einer liebenden Barmherzigkeit. Ich sag das bewusst, weil es sich nicht nur auf einen Aspekt der Vergebung reduziert werden darf.  

Gottes Barmherzigkeit begegnet mir im Koran, und somit ist der Koran mehr als nur ein Text in dem ich lese, sondern er ist eine Begegnung mit Gottes Barmherzigkeit, die mich als Mensch zu Barmherzigkeit, zu liebendem Handeln entzünden will.

Das ist eine Vorstellung von Gott, die mir auch als Christ vertraut ist, weil ich sie auch in zahlreichen Gleichnissen der christlichen Bibel finde. Aber, betont Mouhanad Khorchide, es gibt da einen wichtigen Unterschied:

Also man darf den Koran nicht so einfach mit der Bibel vergleichen, sondern man müsste den Koran mit Jesus Christus vergleichen. Gott hat sich laut dem Christentum in Jesus Christus offenbart und deshalb ist Jesus Christus eben ein Zeugnis dieser Liebe Gottes. Für uns Muslime ist das der Koran.

Was verständlich macht, warum der Koran für gläubige Muslime einen so großen Stellenwert hat. Doch wie er zu lesen und zu verstehen ist, darüber gibt es unter den Muslimen offenbar erhebliche Differenzen.

Lege ich den Koran so aus als Instruktion Gottes, Gott habe alles gesagt im Koran und es handelt sich um überzeitliche Instruktionen? Oder ist der Koran dialogisch, kommunikativ verkündet worden im 7. Jahrhundert. und zwar entsprechend den Kategorien der damaligen Zeit? Denken wir an Körperstrafen im Koran oder an eine patriarchalische Sicht auf die Frau im Koran. Meine Aufgabe ist heute, den Koran zu verorten in seinem historischen Kontext und zu versuchen zu verstehen, was will mir das heute sagen und nicht das Wortwörtliche versuchen ins Heute und Hier zu übertragen.

Und das versucht er durch seine Bücher und mit seinen Studenten und fängt oft erstmal bei dem Bild von Gott an, dass in den Köpfen der jungen Leute steckt.

Teil 2
Es geht ihm um nicht weniger als einen Bewusstseinswandel in Teilen der muslimischen Gemeinschaft. Eine zentrale Frage für ihn ist dabei, welche Vorstellungen von Gott die Menschen haben.

Im Moment wird der Islam von Muslimen sehr stark als Gesetzesreligion interpretiert, mit der Vorstellung: Es gibt einen Gott im Himmel, der genau das alles beobachtet und aufschreibt und dafür werde ich Rechenschaft ablegen, an welchen Gesetzen hab ich mich gehalten und an welchen nicht.  Das Bild eines restriktiven Gottes, dass er nur lauert und wartet und kontrolliert und wenn man ihm widerspricht, dann gibt es eine Riesenstrafe, die auf die Menschen wartet.

Es ist das Bild eines zornigen Aufpasser-Gottes, das auch ganz vielen Christen aus ihrer eignen Glaubensgeschichte sehr vertraut ist. Doch etliche Muslime, sagt Khorchide, verbinden damit noch etwas Anderes: Identität.

Viele reduzieren Religion auf diese Gesetze, weil sie stark identitätsstiftend ist. Ich weiß ganz klar, was ich machen soll, mein Leben ist klar strukturiert durch Religion, gerade in der Situation der Migration als Minderheit spielt das eine Rolle, wenn man das Gefühl hat, ich bin hier verloren in der Gesellschaft. Sie brauchen klare Regeln. Wenn ich jetzt zu Menschen komme und ihnen eine Liste gebe an klaren Geboten und Verboten, das ist Teil der Krise der Muslime heute, dass sie im Islam an erster Stelle die Quelle einer Identität suchen und nicht wirklich die Suche nach Gott, nach Spiritualität, nach Gotteserfahrung.

Auch deshalb versucht Mouhanad Khorchide seinen Studenten ein anderes Bild von Gott zu eröffnen. Eines, das etwa in der reichen islamischen Mystik schon immer da war, das für die jungen Leute aber oft einen ganz neuen Zugang zu ihrer Religion bedeutet.

Wenn ich das meinen Studierenden sage, Gott ist in sich vollkommen, dann fragen sie mich automatisch: Aber warum sollen wir ihn anbeten? Er braucht doch unser Gebet nicht? Dann sage ich: Ja eben, er braucht das Gebet nicht. Das Gebet ist nicht für Gott, sondern für uns Menschen. Und dann fangen wir gemeinsam Religion vom Menschen aus zu denken, der eben von Gott eingeladen wird zu einer Beziehung mit ihm.

Die Liebe Gottes, die Nähe Gottes findest du, wenn du hier und jetzt eine Hand Gottes bist, Hand der Liebe, Hand der Barmherzigkeit Gottes, d.h, wenn ich für das Konstruktive eintrete, für das Gute eintrete, dann bin ich in der Nähe Gottes. Es geht nicht um Gesetzesreligion, sondern es geht um Beziehung, die sich verwirklicht durch meine Beziehung zu der Schöpfung.

Es gibt nicht pauschal DEN Islam. Er ist bunt und vielfältig, das ist mir im Gespräch mit Mouhanad Khorchide nochmal deutlich geworden. Und auch, wie viel uns beide, den Christen und den liberalen Muslim, im Nachdenken über Gott miteinander verbindet.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=28896

Netiquette

Anregungen, Lob, Kritik - hier können Sie sich zu unseren Sendungen im SWR äußern.

Ihre Kommentare werden moderiert und dann so bald wie möglich freigeschaltet.

Wir bitten Sie aber, bei Ihren Beiträgen folgendes zu beachten:
Ein Anspruch auf Veröffentlichung eines Kommentars besteht grundsätzlich nicht.
Ihre Kommentare sollten fair und sachlich gehalten sein. Wir bitten Sie die folgende Richtlinien bei Ihren Kommentaren zu kirche-im-SWR.de zu beachten.

Kommentare dürfen nicht

  • strafbar oder die Rechte Dritter verletzend
  • gegen die guten Sitten verstoßend
  • beleidigend oder ehrverletzend
  • politisch oder religiös extrem
  • Religionen, Weltanschauungen, Menschen pauschal verurteilend
  • fremdsprachlich
  • pornographisch, obszön oder jugendgefährdend
  • unsinnig oder anderweitig inakzeptabel sein.
  • Kommentare sollen sich auf Sendungen der Kirchen im SWR Programm beziehen.
  • Es dürfen keine Beiträge mit gewerblichem und/oder werbendem Charakter eingestellt werden.
  • Eine kommerzielle Nutzung durch z.B. das Anbieten von Waren oder Dienstleistungen ist nicht erlaubt.
  • Die Beiträge dürfen keine Links enthalten.
  • Zitate müssen durch die Angabe einer Quelle bzw. des Urhebers belegt sein.
  • offensichtlichen Missbrauch von Klarnamen enthalten

Wir behalten uns vor, Beiträge nicht zu veröffentlichen.

Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir anonyme Beiträge nicht freischalten, melden Sie sich daher bitte mit Ihrem Namen an. Geben Sie am besten auch Ihre E-Mail- Adresse an, damit wir Ihnen gegebenenfalls individuell antworten können.

Durch das Abschicken Ihres Beitrags räumen Sie kirche-im-SWR.de das Recht ein, Ihre Beiträge dauerhaft zu präsentieren, in Beiträge einzuarbeiten (ohne Namensnennung) oder sie nach redaktionellem Ermessen zu löschen. Wir behalten uns vor, diese Richtlinien ggf. zu ändern bzw. zu ergänzen.

Wenn Sie Anmerkungen haben, die Sie uns direkt zukommen lassen möchten, die aber nicht veröffentlicht werden sollen, schicken Sie uns bitte eine Mail an: ev.rundfunkpfarramt.bw@kirche-im-swr.de

Schließen