Manuskripte

SWR1 Begegnungen

…und mit Judith und Peter. Ich kann ihre Nachnamen nicht nennen, weil die beiden zusammen mit ihren Kindern eine In-Obhutnahme-Familie für das Jugendamt sind. 

Das heißt die Familie ist bereit, kleinste Kinder spontan bei sich aufzunehmen. Die Kinder müssen aus ihren leiblichen Familien raus, weil es ihnen da schlecht geht. 

Peter: Konkret heißt das: in der Regel sind die Familien vorher schon jugendamtsbekannt. Die Familie wird beobachtet, wird begleitet. Sie bekommt auch Hilfe vom Jugendamt. Aber irgendwann ist es dann soweit, dass wirklich eine akute Kindeswohlgefährdung vorliegt und das Kind möglichst schnell aus der Ursprungsfamilie entnommen werden muss.  

Judith: Unser Sachbearbeiter der ruft uns an und sagt: „Wir haben hier ein Kind, das untergebracht werden muss. Können Sie sich das vorstellen?“ Wir bekommen das Alter des Kindes gesagt, Name oder Geschlecht ist zweitrangig. Dann bekommen wir noch gesagt, ob wir warten müssen, oder ob wir uns schon auf den Weg ins Jugendamt machen sollen. Inzwischen haben wir schon immer ein bestimmtes Kontingent an Windeln und Erstlingsnahrung bei uns vorliegen. Und das wird dann geholt.   

Judith und Peter haben zwei Plätze als Bereitschaftspflegefamilie. Der Wunsch ging von ihr aus. Judith ist Heilpädagogin und wollte sowas schon immer gern machen. Dann kamen die eigenen Kinder und es ist anders gelaufen. Erst vor ein paar Jahren wurde es dann konkret, sich beruflich und vor allem als Familie so zu verändern: 

Peter: Es war vornherein klar, das kann nur eine einstimmige Entscheidung sein. Wenn einer sich wirklich querstellt, dann funktioniert es nicht. Es müssen alle mitmachen, es müssen alle das wollen und es müssen alle bereit sein, die Einschränkungen auch in Kauf zu nehmen.  

Judith: Unsere Mittlere hat gesagt: „Wir kriegen ja auch was zurück.“ Und diese Kinder sind so einzigartig. Es ist so ein interessantes Leben und Arbeiten mit diesen Kindern. Also das hab ich in meiner Laufbahn noch nicht erlebt.  

Die Entscheidung war für die Familie goldrichtig:  

Judith: Also ich würde sie nie mehr zurücknehmen. Ich würde das eher noch ausweiten. Es ist eine ganz eigene Arbeit an der Basis. Man sieht wie die Kinder sich entwickeln. Am Ende des Tages ist man zufrieden.  

Wie ist das eigentlich mit den Gefühlen, wenn man eigene Kinder hat und dann kommt so ein kleines Menschenkind von außen dazu?  

Peter: Ich glaub, das ist bislang die schwerste Frage. Vom Kopf her würde ich sagen, klar: jedes Kind hat die gleichen Rechte. Aber trotzdem sind die eigenen die eigenen.

Trotzdem ist die Grundsatzentscheidung, das Pflegekind hat die gleichen Rechte wie die eigenen Kinder. Das ist jetzt also kein Kind zweiter Klasse in der Familie.  

Die Pflegekinder spüren das und finden mit der Zeit so schöne Begriffe für die beiden wie „Herzmama“ oder „Zuhausepapa“. 

Was es bedeutet, mit Pflegekindern zu leben und was das mit ihrem Glauben zu tun hat, das hören Sie nach der Musik.

Mich interessiert, wie sie das emotional machen. Die Kinder in der größten Not bei sich aufnehmen und sie dann wieder abgeben.  

Peter: Ja, das gibt erstmal n Stich ins Herz, das ist klar. Auf der einen Seite freut man sich für das Kind. Es geht jetzt weiter. Es gibt vielleicht eine dauerhafte Lösung.

So wie ich zu den Kindern versuche ehrlich zu sein und sag: Ich bin jetzt dein Pflegepapa. Wir sind die Pflegefamilie und du wirst irgendwann wieder woanders hingehen, so muss ich auch zu mir selbst ehrlich sein. Und versuch mich dadurch zu schützen, indem ich mir das von Anfang an klarmache. Ich gebe es wieder ab und es bleibt nicht bei uns - mit der Ausnahme.   

Die Ausnahme ist ein kleiner Junge, der jetzt dauerhaft in der Familie bleibt. Er ist allen so sehr ans Herz gewachsen, dass sie ihn nicht mehr an eine andere Familie übergeben möchten. Der Kleine hatte es schwer und muss sich an das neue Leben gewöhnen. Das zeigt diese Situation:  

Judith: Mein Mann hat sich sonntags mittags einfach mal auf die Couch gelegt. Und hat die Augen zu gemacht und die Brille abgesetzt. Und unser jetziges Pflegekind war ganz verstört. „Nein, nein Peter aufstehen. Bitte bitte.“ 

Peter: Wir wissen, was das Kind erlebt hat und warum es so reagiert. Weil einfach sein leiblicher Vater betrunken oder unter Drogen auf der Couch lag und ihn nicht versorgen konnte. Und das war ja im Endeffekt auch dann der Punkt, wo das Jugendamt das Kind aus der Familie genommen hat. Er war dehydriert, er war unterversorgt, er war kurz vorm Delirium.  

Der Kleine fasst Schritt für Schritt Vertrauen zur Familie. Inzwischen lässt er sich nachts sogar trösten - anfangs undenkbar. 

Ich bewundere das sehr. Judith und Peter nehmen die Kinder völlig wertfrei an und gehen mit ihnen ein Stück durchs Leben, geben ihnen ein Zuhause und hoffen, dass die Kinder weiterhin davon getragen werden.

Und was trägt die beiden? Der Glaube an Gott. Sie sind aktiv in ihrer Kirchengemeinde und der Glaube prägt ihren Alltag.  

Peter: Ja als wir das aktuelle Pflegekind zu uns bekommen haben, war zwei Tage später im Abreißkalender der Spruch: wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf.  

In jedem Kind, das Judith, Peter und ihre Familie aufnimmt, begegnet ihnen Gott selbst.   

Zum Schluss die Frage, was sie sich wünschen würden, wenn sie drei Wünsche frei hätten?  

Peter: Auf jeden Fall ein größeres Haus.  

Judith: Gleiche Rechte für alle. Nicht nur für Erwachsene, sondern für Kinder. In allen Bereichen. 

Peter: Manchmal möchte ich gerne den Schutzengel sehen, der die Kinder unterstützt und hält. Mit dem würde ich gerne mal reden.

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