Manuskripte

SWR1 Begegnungen

… und mit Dr. Udo Markus Bentz, dem Weihbischof des Bistums Mainz. In der Deutschen Bischofkonferenz gehört er der Kommission Weltkirche an. Sie hält den Kontakt zu christlichen Kirchen überall auf der Welt und überlegt auch, wo und wie die deutsche katholische Kirche diese eventuell unterstützen kann. Vor kurzem erst war er im Libanon unterwegs, dem kleinen Land am östlichen Mittelmeer, das zwei Millionen Menschen aus Syrien aufgenommen hat, die vor dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat fliehen mussten. Auf zwei Libanesen kommt heute ein Flüchtling. Die Flüchtlingslager sind völlig überfüllt. Distanz zu wahren ist unmöglich. Sollte sich das Virus hier verbreiten, wäre es eine Katastrophe. Und nun wird das kleine Land auch noch von einer schweren Wirtschaftskrise erschüttert. 

Die ökonomische Situation ist einfach ganz prekär. Der Staat steht kurz vorm Bankrott. Mir haben die Leute gesagt, dass viele schon längere Zeit keine Gehälter mehr ausgezahlt bekamen. Gleichzeitig gehen die Preise in die Höhe und das ist dann auch die Unruhe, die Anspannung, die da ist, weil die Situation, so rechnet man damit, in den nächsten Wochen weiter ökonomisch zusammenbrechen wird und es zu neuen Demonstrationen auf den Straßen kommt. 

Kein Wunder also, dass vor allem junge Menschen die Nase voll haben von Korruption und Misswirtschaft. Anfang 2020 kam es deswegen auch zu gewalttätigen Straßenschlachten in Libanons Hauptstadt Beirut. Die Krise gefährdet die Stabilität des Landes, auch religiös. Mehr als ein Dutzend anerkannte Religionsgemeinschaften gibt es im Libanon und ihre Interessen sind fein austariert. Besonders problematisch ist es darum, wenn das Gleichgewicht der Religionen in Schieflage geraten sollte. 

Viele junge Christen verlassen das Land seit Jahren. Die Christen werden immer weniger und damit aber auch der Anspruch auf bestimmte politische Beteiligung im System immer mehr in Frage gestellt. Davor haben die Christen Angst, dass das, was sie jetzt an Möglichkeiten haben, die politische Situation mitzugestalten, dass ihnen diese Möglichkeiten durch diese Instabilitäten genommen werden. 

Faszinierend am Libanon ist, dass dort lange Zeit Stabilität und Frieden geherrscht haben, obwohl das Land in einer Region liegt, die eigentlich seit Jahrzehnten durch Krieg und Terror erschüttert wird. 

Wir müssen immer bedenken, dass der Libanon ein besonderes politisches System im Orient ist. Es ist einer der wenigen Staaten mit einem sehr ausgeklügelten Proporzsystem, welche religiösen Gruppierungen politisch wo und wie beteiligt sind und die Instabilität einer Gesamtsituation kann dazu führen, dass dieses Proporzsystem zusammenbricht oder grundsätzlich in Frage gestellt wird und dann offen ist: Wie entwickelt sich das weiter?   

Wie die Kirche die Menschen im Libanon in dieser Situation unterstützen kann und was Weihbischof Bentz sich von den Christen hier in Deutschland wünscht, hören sie gleich nach der Musik.

 

Teil 2

 

… und mit dem Mainzer Weihbischof Udo Markus Bentz, der sich gerade auf einer Reise in den Libanon über die schwierige Situation der Menschen im Nahen Osten informiert hat. Doch die Kirche in Deutschland versucht auch, durch Hilfswerke wie Misereor die Menschen vor Ort aktiv zu unterstützen, etwa mit Hilfspaketen und medizinischem Material. 

Ich sehe, dass Misereor die Möglichkeit hat, mit den Mitteln, die zur Verfügung gestellt werden, ganz Fantastisches vor Ort zu ermöglichen. Ich bin von daher auch sehr froh, dass Misereor sehr klar dieses Jahr die Jahreskampagne unter das Stichwort Frieden gestellt hat und den Schwerpunkt in den Libanon gesetzt hat. Dass wir da mit Misereor, mit unserer Aktion in diesem Jahr, einfach auch ganz deutliche Signale setzen können und die Kirchen vor Ort unterstützen. 

Was in diesem Jahr durch die Virus-Pandemie freilich sehr erschwert wird. Denn an diesem Sonntag sollte die Kollekte in allen katholischen Gottesdiensten eigentlich für die Arbeit von Misereor sein. Die Gottesdienste aber fallen aus und Misereor hofft darum jetzt auf die Spendenbereitschaft der deutschen Katholiken auch jenseits der traditionellen Gottesdienstkollekte.

Eines ist Weihbischof Bentz in Bezug auf den Nahen Osten ganz wichtig: 

Unsere Aufgabe ist es wirklich, der gesamten Region Aufmerksamkeit zu schenken, weil die Menschen manchmal das Gefühl haben, sie werden von der Weltöffentlichkeit vergessen. Da können und müssen und sollen wir als Kirche für die gesamte Region immer auch Anwalt für die Menschen sein. Und zwar nicht nur für die Christen! Auch das ist eine entscheidend wichtige Frage. Ich hab bei den Gesprächen auch gemerkt, welche großen Erwartungen es eigentlich an Europa gibt, etwas beizutragen zum Frieden in dieser Region. 

Etwas beitragen zum gesellschaftlichen Frieden durch die grundsätzliche Bereitschaft zu teilen. Dort im Nahen Osten und auch hier bei uns. Teilen in einem umfassenden Sinne. 

Das konkrete materielle Teilen heißt aber auch, eine Solidarität leben in einem spirituell-geistlichen Sinne. Für mich ist das Beten nicht einfach nur eine fromme Übung, sondern tatsächlich gelebte Solidarität, weil ich der Überzeugung bin, dass das Gebet nicht wirkungslos ist. Das andere, was dazukommt: Mit unseren Hilfsmaßnahmen, mit all unseren Unterstützungen, müssen wir auch darauf achten, dass sie so eingesetzt werden, dass sie eine Spaltung zwischen den Religionsgruppen im Orient nicht wieder vertiefen, oder gar Spannungen neu aufkommen lassen, sondern dass unsere Maßnahmen auch versöhnend sind zwischen Muslimen und Christen. 

Solidarität leben im Gebet, wie auch im ganz konkreten Tun. Das ist es, worauf es ankommt. Und vielleicht ist unsere Solidarität ja groß genug, dass sie die gebeutelten Menschen im Nahen Osten mit einschließt.

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