Manuskripte

SWR1 Sonntagmorgen Begegnungen

…und mit Samuel Koch, Schauspieler und Buchautor und seit seinem Unfall in der Sendung „Wetten dass..?“ vor neun Jahren vom Hals abwärts gelähmt. Inzwischen hat er sein Schauspielstudium absolviert, ist festes Ensemblemitglied am Nationaltheater in Mannheim, hat geheiratet und drei Bestseller geschrieben. Wir treffen uns auf einer Lesung, wo er aus seinem aktuellen Buch „Steh auf Mensch!“ vorliest. Ich erlebe ihn als so einen“ Stehauf-Menschen“ – der vor Lebensmut strotzt, andere begeistert und nach vorne schaut. Aber das war nicht immer so. Samuel Koch haderte nach dem Unfall schwer mit dem Leben. In der Klinik gab ihm dann sein Glaube wieder neue Kraft. Samuel Koch ist am absoluten Tiefpunkt, als er realisiert: Samuel Koch Foto von Stefan Sczostak

Ok, die Zukunft wird nie wieder sein wie ich es wollte, und alle meine Träume, alle meine Wünsche, alles war zerstört. Und ich fühlte mich nur furchtbar, durfte so zum ersten Mal ein paar Minuten im Rollstuhl sitzen, wo ich eigentlich gar nicht hin wollte und dann wurde ich  in dieser Frustration zum ersten Mal nach draußen geschoben, auf den Balkon und hatte noch einen offenen Luftröhrenschnitt,  da war nur noch ein Pflaster drauf und hab dann zum ersten Mal seit sehr langer Zeit bewusst durch Mund und Nase eingeatmet. Und gemerkt: Herrlich. Und hab zum ersten Mal wieder die herrliche Natur gesehen, den See, die Berge, die schneebedeckten, den Himmel, die Sonne, die ab und zu mich geblendet hat – und wo ich dachte: oh, davon will ich mehr. Ich wende mich noch öfter an den Erfinder des Rückenmarks, auch wenn ich ihm schon vorgeschlagen habe, es wäre besser gewesen er hätte vielleicht zwei Kanäle angebracht um einen als Ersatz zu haben.

Der Glaube von Samuel Koch hat sich seit dem Unfall verändert, auch sein Gebet. Regelmäßig fährt er mit seinem besten Freund ins Kloster, um Gott in der Stille und in der Natur zu suchen. Aber er bringt auch seine Sorgen und Fragen im Gebet vor Gott:

Jetzt habe ich mit einem Mädchen gesprochen, bzw.  ich hab gesprochen, sie kann nicht mehr sprechen. Sie hat ALS, hat ihre Stimme verloren, ihr Körper wird immer schwächer bis sie bald ersticken wird, das ist die Diagnose. Und da muss ich auch Gott sagen: Ich versteh das nicht, was soll das? Das macht mich fertig. Und ich bin so ohnmächtig. Und dann finde ich ist der nächste Teil von Gebet, dass man auch vertraut: dass da jemand ist, der seine Kinder lieb hat. Und so ist Gebet für mich auch eine Art von Kommunikation in der lebendigen Beziehung.

Diese Beziehung zu Gott gibt Samuel Koch Halt. Er glaubt: Auch in seiner jetzigen Situation ist und bleibt er ein Ebenbild Gottes. Aber was heißt das für einen ehemaligen Leistungssportler, der sich heute nicht mal mehr mit den eigenen Händen die Zähne putzen kann?

Dass das Leben mehr zu bieten hat als sich nur bewegen zu können. Dass das Leben mehr ist als nur zu leisten. Dass man schon wertvoll ist, weil man ist. Durch diesen Zuspruch von einem Gott, dass er uns nach seinem Bilde gemacht hat, und zwar unabhängig von dem was wir einmal für einen Schulabschluss machen werden, wen wir heiraten, welche Autos wir fahren oder wo wir hinreisen und welche coolen Bilder wir posten können.

In unserer Gesellschaft, in der meist nur das Perfekte nach außen hin präsentiert wird, eine enorm wichtige Erkenntnis, finde ich. Samuel Koch lebt aus ihr. Wie und warum sich Samuel Koch auch für andere einsetzt, hören Sie nach der Musik.

2.Teil:

Ich treffe Samuel Koch. 10 Millionen Menschen haben bei „Wetten dass…?“ damals seinen Unfall live vor dem Fernseher gesehen. Samuel Koch weiß um diese öffentliche Aufmerksamkeit, die er hat und er nutzt sie für Menschen, die in einer ähnlichen Situation sind wie er. Sein Engagement begründet er mit einem Bibelzitat:

Im Matthäusevangelium liest man ja dass Jesus sagt: Wer sein Leben gewinnen will, wird es verlieren und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird es gewinnen. (Mt 16,25)  

Für Samuel Koch bedeutet das: sein Leben verschenken für andere, die Hilfe brauchen. Sei es über seinen Verein, der Menschen mit Behinderung und deren Angehörige und Familien unterstützt. Sei es in langen Gesprächen mit anderen Rollstuhlfahrern, für die er sich Zeit nimmt und denen er auf seiner Lesereise Mut zuspricht.

Mich nicht ständig zu fragen: Was ist mir die Welt schuldig? Was bietet mir noch dieses Land? Sondern die Umkehrung: Was habe ich der Welt zu bieten? Und diese Denkweise ist inspiriert durch meinen Glauben.

Dabei nutzt er seine Prominenz auch, um politisch etwas zu verändern und auf Missstände hinzuweisen:

 Wenn man wirklich was verändern will, muss es durch die Gesetzeslage, also durch die Politik beeinflusst werden. Der Pflegenotstand ist in Kliniken und Heimen akut und noch akuter ist es dann in der häuslichen Pflege und noch akuter ist es in der häuslichen Intensivpflege und noch akuter in der häuslichen Kinderkrankenintensivpflege. Und mit denen ich viel Kontakt habe, die komplett verzweifeln.

Der Glaube ist für Samuel Koch hier und jetzt Antriebskraft. Aber er glaubt auch an ein Jenseits:

Ich bin eigentlich überzeugt davon oder ich glaube, dass es noch mehr gibt. Dietrich Bonhoeffer hat das mal meiner Meinung nach ganz schön formuliert, in dem er immer von dem  Vorletzten sprach, dass alles was uns hier auf der Erde begegnet an Leid, Schmerz, Kummer und Trauer, nur das Vorletzte ist und  dass das Letzte uns noch erwartet. Und diese Aussicht auf Mehr verändert natürlich meinen ganzen Blick und meine ganze Perspektive auf das Leben im Hier und jetzt. Und dieser Moment nur einmal stattfindet, und dementsprechend auch kostbar ist.

Kostbar, das war für mich auch die Zeit, die ich mit Samuel Koch verbringen durfte.

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