Manuskripte

SWR1 Begegnungen

27SEP2020
AnhörenDownload
DruckenAutor
Karina Herzig

Wolf-Dieter Steinmann trifft Friseurin Karina Herzig, Chefin des „Salon“ in Schwetzingen

Sie macht nicht nur die Haare schön

„Ey, Deine Haare sind schön.“ Ich höre so was gern. Und ich mag es, wenn man beim Friseur verwöhnt wird. Ich glaube, vielen geht das so. Haare sind besonders fürs Gutfühlen. Aber wieso? Ich habe Karina Herzig getroffen: sie ist eine schöne Frau, sie ist Friseurin und erlebt da, dass Menschen sich nicht so mögen, wie sie sind. Darum ist ihr erstes:

Fragen, wie geht es Dir denn: Und ein Kunde kann Ihnen immer sagen, welche Vorstellung er davon hat, was er gar nicht leiden kann. Aber er kann nur ganz schwerlich sagen: „das will ich.“

Ihr ist es auch nicht genug, Kund*innen die Haare schön zu machen. Ihr Versprechen reicht weiter.

Es geht ganz viel um Zuwendung, um Aufmerksamkeit. Und ich glaube schon, dass unsere Verpflichtung auch darin liegt, die Schönheit in einem Menschen heraus zu kitzeln. Zu sagen: ‚hey, Du bist doch schön. Du kannst das was draus machen, mit unserer Hilfe.‘

Viele liegen mit ihrem Äußeren überkreuz. Auch darum, weil sie Idealbilder mit sich rumtragen, was schön wäre. Auch bei den Haaren.

Farbe, Form, Länge sind Ausdruck von Vitalität, Attraktivität, die aber einem medialen Druck extrem unterliegt. Das find ich als Friseur so traurig, dass Menschen so einem Schönheitsideal hinterherjagen, dem sie selber vielleicht nie entsprechen können.

Darum würde Karina Herzig nicht alles machen, was Kund*innen von ihr wollen. Wenn sie das Gefühl hat, sie folgen einem Bild, das sie unglücklich machen würde.

Es ist besser, ein ehrliches klares nein, als eine schlechte Arbeit, die dann in eine Reklamation mündet, wo beide Seiten nicht mehr glücklich sind.

Haare sind so wichtig, weil sie uns kleiden im wahrsten Sinn des Wortes. Ohne Haare fühlen viele sich nackt. Haare sind wie ein natürliches Kleid, man kann sich zeigen ohne Scham. Diese erlebt sie bei Menschen, die ihr Haar verloren haben.

Ohne Haar zu sein, bedeutet, ich muss mich akzeptieren in meiner Nacktheit. Kann ich das aushalten, diese Blicke, dieses Pseudowissen, das Menschen dann haben, die Urteile.

Karina Herzig weiß gut, dass viele – vielleicht vor allem Frauen - sich schwer damit tun, sich dann schön zu sehen. Zumal wenn niemand da ist, der ihre Schönheit sieht, ihre Aura und es ihr auch sagt.

Weil der Partner fehlt, um ihnen auch Schönheit zu gönnen.
Viele wollen etwas kaschieren, das ist auch mit den Haaren so. Wenn da nicht Personen im Umfeld sind, die ihnen das genügende Selbstwertgefühl gönnen.

Schönheit hat mit Liebe zu tun. Vor allem auch damit ob man sich annehmen kann. Sich geliebt weiß. Ich denke dabei auch: von Gott geliebt.

Erst wenn ich an diesem Punkt bin, mich selbst zu lieben, kann auch Schönheit entstehen. Dann kann ich übergewichtig sein, rappeldürr sein, und ich kann trotzdem schön sein, weil ich diese Schönheit ausstrahle.

Karina Herzig macht mir klar, Schönheit hat mit Liebe zu tun. Wie in der Bibel. Da gibt es eine Schönheitserklärung, die ist eine Liebeserklärung.

Schön machen und schön reden

Karina Herzig „kleidet“ Menschen. Weil Haare sind wie Kleider. Als Friseurin erlebt sie. Wer sich nicht mag, findet sich auch nicht schön. Und wie fühlt es sie sich an, wenn ich zu ihr sage: „Sie sind eine schöne Frau.“

Es macht mich glücklich, es lässt mich lächeln, meinen Selbstwert steigen. Ich spür einfach, dass das was ich nach außen zeige, auch tatsächlich so verstanden wird und ankommt, weil, ja ich fühle mich auch schön.

In der Bibel gibt es eine wunderbare Schönheitserklärung, die ist zugleich eine Liebeserklärung. „Du bist schön, meine Freundin,“ sagt er zu ihr. Er liebt sie schön und sie ihn.
Ich glaube Karina Herzig mag die Menschen auch, die zu ihr kommen. Wie diese junge Frau. Die kam nach einer OP, die Haare kurz und ein Foto von früher. Karina Herzig hat ihre Sehnsucht gespürt und versprochen.

‚Mit der Haarlänge kann ich jetzt noch nicht so viel machen. Aber den Rest kriegen wir hin.‘ Und ich habe sie an dem Tage auch gefeiert. Ja, sie hat ganz viele Streicheleinheiten bekommen. Und das Schönste war am Ende, da saß sie da und hat geweint. Und das rührt mich an, jedes Mal, auch mich, tschuldigung.

Gut, wenn man so auch Schweres annehmen kann. Mich hat auch berührt, was sie von einer anderen Frau erzählt: die kam mit Perücke und ging ganz anders als sie gekommen war.

Sie knüllte das Zweithaar zusammen und sagte: ‚So Dich brauch ich jetzt nicht mehr.‘ Da haben wir den Fall: Akzeptanz dessen, was ich wiederbekommen habe und ich sehe als Geschenk.

Je länger ich ihr zuhöre, umso deutlicher wird mir wieder: es kommt drauf an, andere Menschen wirklich zu sehen und achten. In jedem Beruf. Das ist anspruchsvoll.

Je älter ich werde, umso mehr wird mir die Verantwortung bewusst, behutsam damit umzugehen, keinen Deckel überzustülpen, sondern wirklich mit tiefer Rücksicht zu reagieren. Und ich glaube, das ist diese Kunst heute.

Letztlich ist das ja ein echtes Geschenk Gottes. Im Beruf etwas tun zu können, mit dem man die Schöpfung besser, schöner machen kann. Und sich auch die Freude daran zu bewahren.

Wir haben daraus so was Schönes geformt und gestaltet, dass das einfach super war. Und da hab ich dann schon gedacht ‚wow, das macht Spaß, das ist schön dass du das kannst.‘

Karina Herzig ist überzeugt, jeder kann andere schön machen. Wenn man sie schätzt, mag und liebt und ihnen das zeigt und sagt. Und nicht so viel an ihnen rumbessert.

Ich glaube, dass dadurch auch oft das Selbstwertgefühl tatsächlich fehlt, weil der andere so sehr an ihm arbeitet und schraubt und ihn nicht so sein lässt, wie er ist.
Heute empfinde ich es als so wertvoll und tue es selber, dass ich anderen sage: ‚O deine Haare sind schön, du bist aber schon heute, du strahlst so.‘ Ich finde das ist ganz wichtig, weil es warm macht, weil es Liebe gibt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=31733