Manuskripte

SWR1 Begegnungen

25OKT2020
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Peter Schock

Wolf-Dieter Steinmann trifft Peter Schock, Pfarrer und Leiter des kirchlichen Dienstes auf dem Land (KDL)

Fürsprecher in der Krise

Er hat ein Faible fürs Land. Bevor er Pfarrer geworden ist, hat er Landwirt gelernt. Er lebt mit der Familie auf dem Land bei Freiburg, zum Nachdenken geht er in die Weinberge über dem Dorf. Der 55jährige ist sicher, wo und wie man lebt, das prägt, wie man die Welt sieht und begreift.

Dass man wirklich einen ganz anderen Blick auf die Natur hat, die Jahreszeiten ganz anders wahrnimmt. Also das ist so mein Eindruck. Und auch so Sachen wie Wetter: Man fiebert da viel stärker mit. Und mir geht jedes Mal das Herz auf, wenn bei uns draußen auf der Straße ein Traktor vorbeifährt.

Anfang September ist er nach langen Jahren als Lehrer auch beruflich auf dem Land angekommen. Leitet als Pfarrer den „Kirchlichen Dienst auf dem Land“ und spürt wie Corona auch hier das Leben bestimmt.

Anfangs Schockstarre, und dann aber sofort Ideen entwickelt, die es vorher so noch nicht gab und die relativ schnell entwickelt wurden.
Und: diese riesige Hilfsbereitschaft, die große Verbundenheit, die es bei allem kritischen Blick auf die Landwirtschaft einfach immer noch ganz selbstverständlich gibt. Das hat mich tief beeindruckt.

Beeindruckt, manchmal erschüttert sieht Peter Schock: radikal hat sich die Landwirtschaft verändert. Er kannte noch den bäuerlichen Familienbetrieb. Heute ist ein Landwirt Unternehmer.

Du kannst heute als Landwirt nicht mehr existieren, wenn Du nicht Ideen entwickelst, die sich zT alle paar Jahre verändern und das treibt mich um, wo geht es eigentlich hin, was ist die Zukunft?

Die Frage kenn ich. Schon vor 60 Jahren hat mein Vater zu mir gesagt: „Werde nicht Landwirt.“ Und heute stellen viele Landwirte die Frage verschärft. Oft ist ihr Rat „nein, nicht Landwirt“, aber manches spricht auch für „ja“, gerade in der Coronakrise.

Einerseits: ich rate meinem Jungen oder meiner Jungen, also auch den Mädchen nicht dazu, Landwirt zu werden. Andererseits viele Kinder haben sich die Arbeitsklamotten angezogen und haben mitgearbeitet und dabei auch riesige Lust entwickelt, weil sie einfach gemerkt haben: das ist ein toller Beruf.

In so eine kritische Zeit hinein zu kommen als Pfarrer, das ist eine Aufgabe. Aber er erlebt dabei: die Kirche auf dem Land wird gebraucht. Indem sie die Menschen wahrnimmt und umfassend berät.

Läuft es im Betrieb schief, läufts auch in der Familie schief. Es gibt glaube ich kaum einen Bereich, wo das so eng vernetzt ist. Wenn dann jemand mal kommt und sagt: ‚hey, ich habe auch eine gewisse Ahnung und ich interessiere mich vor allem auch für Deine Lebenswelt. Nicht nur dafür wie es geht, seelisch.

Es stimmt wohl, wie Landwirte heute leben, davon weiß ich nur noch wenig, wie die meisten von uns. Auch in der evangelischen Kirche ticken wir eher bürgerlich-städtisch. Peter Schock sieht sich darum auch als Fürsprecher der Landwirte.

Schöpfungsbewahrung, Schöpfungserhalt, das ist ein großes Thema. Da gibt es einen großen Druck von Umweltschutzverbänden. Das betrachte ich auch ein bisschen als meine Aufgabe, da auch in die Kirche und in die Kirchenleitung hinein, diese Position der Landwirte stärker hineinzutragen.

…dankbar sein und Verantwortung übernehmen

Peter Schock ist hineingeraten in eine kritische Phase. Seit September leitet er als Pfarrer den kirchlichen Dienst auf dem Land in Baden. Die Landwirtschaft verändert sich seit Jahren radikal und steht unter Druck: Klimawandel, Ernährungskrise. Peter Schock will nah bei den Menschen sein. Aber für ihn als gelernten Landwirt bedeutet es noch viel mehr.

Für mich ist das ein Stück weit wie nach Hause kommen, weil plötzlich beschäftige ich mich wieder mit Dingen wie Pflanzenproduktion, Tierproduktion, Landtechnik. Und ich merke richtig, wie da so ein altes Feuer in mir hoch glimmt.

Das muss schön sein, wenn man mit 55 eine neue Aufgabe übernehmen kann, mit so viel Herz. Er schätzt, was die Landwirtschaft für uns leistet. Und es tut ihm weh, wenn Landwirte verbittern, weil sie das Gefühl haben, sie stehen am Rand. Oder wenn sie sehen, wie wertvolle Kulturlandschaft für den Verkehr zubetoniert wird.

Die von Bauernhänden so über Jahrhunderte geschaffen wurde. Und dann zu erleben, dass du quasi mit deinen eigenen Bedürfnissen ganz am Ende der Kette kommst, da kann ich die Verbitterung schon nachvollziehen. Obs immer so stimmt?

Er hält dagegen, wenn Landwirte sich nur in der Opferrolle sehen. Fragt, wie Fehlentwicklungen korrigiert werden können. Und er macht Landwirten deutlich, wo sie auch von der Stadt profitieren.

Und mir, was ich als Stadtmensch vom Land lernen kann: Zb. „dass ich auch Teil der Schöpfung bin und was sie zum Leben gibt, ist nicht selbstverständlich.“ Landwirte haben das immer gelebt.

Da wurde ein Tischgebet gesprochen und klar sonntags nach dem Stall ging es in die Kirche. Ich glaube das liegt wirklich auch ein bisschen an dieser Arbeit – vielleicht der Arzt noch – weiß der Landwirt, die Landwirtin ganz genau: so toll ich arbeite, wenn Segen, eine weitere Kraft fehlt, dann funktioniert es nicht.

Diese Erfahrung prägt auch meinen Glauben an Gott. Darin kommt beides zusammen. Ich bin Gott dankbar und weiß, dass ich Verantwortung habe: es ist nicht egal, wie ich lebe.
Peter Schock hofft, dass Sie und ich nicht nur gutes Essen erwarten von der Schöpfung und den Landwirten, sondern:

Dass wir die Menschen wahrnehmen, die in dieser Landwirtschaft unterwegs sind, nicht nur die Produkte. Wer macht das überhaupt? Wer steht da dahinter, dass diese Regale schmackhaft gefüllt werden?
Und Schöpfung: Wir sind Haushalter, Verwalter, Partner Gottes. Und dass wir da unsere Verantwortung wahrnehmen.

Und das ist für mich das Gebet, dass ich sage: Herr, gib mir gute Ideen, gib mir Mut und gib mir deinen Segen zu meiner Arbeit. Aber bitte, das mache ich und kümmere du dich um die, die es vielleicht nötiger haben.

Wenn ich ihn recht verstehe, erwartet Peter Schock, dass Sie und ich uns an die eigene Nase fassen, uns bewusstwerden: Landwirte und Verbraucher müssen die Schöpfung miteinander bewahren. Indem jeder und jede sich fragt.

Was ist es mir wert? Gesunde Nahrungsmittel. Dass wir eine intakte Natur haben. Mit Artenvielfalt. Und vor allen Dingen, dass wir eine wunderschöne Kulturlandschaft haben. Was ist es mir wert, dass das erhalten bleibt? Ich möchte Verantwortung übernehmen und das möchte ich jetzt auch an der Ladentheke zum Ausdruck bringen.

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