Manuskripte

SWR1 Sonntagmorgen Begegnungen

Valerian GruppWolf-Dieter Steinmann trifft Valerian Grupp, Referent beim „Weltdienst“ des Evangelischen Jugendwerks Württemberg Stuttgart

Weihnachten in Mek‘ele - begegnen beim Arbeiten

In 10 Wochen ist Weihnachten. Auch er plant längst, wo er dann sein wird. Nicht im Schnee, in der Wärme. Nach Heiligabend fährt er nach Äthiopien zum Arbeiten. Mit einer Gruppe von jungen Leuten aus Württemberg will Valerian Grupp helfen, ein Jugendhaus auszubauen. In Mekele, im Norden von Äthiopien. Das Jugendhaus betreibt der CVJM von dort. Weihnachten in Äthiopien? Was sucht er da?

Sonne natürlich (lacht). Im Ernst. Wir wollen den Menschen dort begegnen. Das haben wir im letzten Jahr schon getan und das ist einfach klasse. Und: ich finde es immer wieder spannend, was man voneinander lernen kann, wenn man miteinander Zeit verbringt, vor allem wenn man miteinander arbeitet.

Sie werden schwitzen auf 2000 Meter Höhe. Aber beim Bauen begegnet man sich echt, mit wenig Worten. Gespannt ist er auch auf Weihnachten, das sie am 6. Januar nach orthodoxem Ritus mitfeiern. Interreligiös und interkulturell lernen ist Programm bei den Workcamps, die das evangelische Jugendwerk Württemberg in vielen Ländern anbietet. Zusammen mit den CVJMs von dort. Er glaubt, dass das Camp bei den Teilnehmende wirkt.

Bei den Teilnehmern, glaube ich, dass der Impuls zu helfen und was Gutes zu tun, dass das eine ganz starke Motivation ist. Aber ich glaube, dass wir mehr mitnehmen, als dass wir bringen.

Valerian Grupp hofft, dass sie erleben: man kommt und denkt: ich weiß mehr, ich kann mehr und auf einmal dreht sich was und wenn man sich öffnet, dann lernt man selber, echt.

Die haben einige Programme einfach für die Jugendlichen vor Ort. Ich weiß, dass sie ne sehr starke Akrobatikarbeit haben. Ich erlebe wie diese Begegnung zum einen den Blick öffnet für das, was auf der Welt ist. Und es schärft auch das eigenen Bewusstsein, also das was man selber eben hat oder nicht hat. Es schafft Weite und dass dieses Afrika plötzlich ein Gesicht kriegt.

Er hat früher schon 2 Jahre in Kenia gelebt. Erfahren wie hart das Leben dort oft ist. Aber auch ursprünglicher als bei uns. Die Menschen beeindrucken ihn sehr.

Die Lebendigkeit der Äthiopier, die Freudigkeit, auch das Durchhaltevermögen und die Ausdauer, wenn es notvoll ist oder leidvoll, trotzdem ne Lebenslust zu behalten. Wo ich glaube, wo wir auch was verlernt haben. Wo wir mit unseren Plänen, Zielorientierungen und Effektivitätsstreben – das absolut seine Berechtigung hat – aber in der Spur kommt dann eben auch Stress und Überarbeitung und Getriebensein mit, das dem Leben absolut nicht zuträglich ist, im Gegenteil.

Seine Sicht, wie wir hier leben, hat sich verändert. Nicht verändert hat sich wie er hier seinen Glauben lebt. Das wundert mich. Er erklärt mir: Glaube muss in die Umgebung passen, in der man lebt. Darum kann man Glauben nicht nach Afrika exportieren, aber auch nicht umgekehrt.

Glaube ist immer in der Kultur drin, ist– im Idealfall Teil des Alltags. Und die Form ist gar nicht so entscheidend. Wichtig ist, dass der Glaube, der da drin ist, dass der lebendig ist. Ich glaube, das ist so ne Herausforderung an uns, zu gucken, wie kann lebendiger Glaube wachsen?

Die DNA des weltweiten CVJM

Valerian Grupp zieht es nach Weihnachten in die Ferne. Allerdings zum Arbeiten. Nach Äthiopien, als Leiter einer Gruppe junger Leute aus Württemberg. Sie bauen ein Jugendhaus des dortigen CVJM aus. CVJM in Äthiopien? Ja. In 120 Ländern gibt es christliche Vereine Junger Menschen. Valerian Grupp liegt daran, dass diese Verbindung weltweit gelebt wird.
Über ein halbes Leben ist er selbst schon dabei. Als Jugendlicher ehrenamtlich, und dann auch beruflich.

Biographisch ist es so, dass der CVJM für mich ein Ort war, wo man lebendigen Glauben erleben und lernen kann und dann auch in einer sehr großen Freiheit den leben kann.

Was ich nicht gewusst habe: Angefangen hat der CVJM vor 175 Jahren, sehr klein. Der Bauernsohn George Williams ist weg vom Land nach London. Ins harte Leben der frühen Industrialisierung. Er war ein kleiner Handelsgehilfe. Und Christ.

Er war in London da auch ziemlich verloren. Die Arbeitszeiten waren lang. Es gab so eine Stunde am Tag, die die Menschen frei gestalten konnten. Der George Williams hat was ganz Interessantes gemacht. Er hat einen Gebetskreis gegründet.
Davon ausgehend wurde der CVJM dann auch sozialpolitisch aktiv: hat die Frühschließerbewegung ganz stark unterstützt. Damit die Läden früher zumachen und etwas mehr Zeit für die Auszubildenden bleibt.

Beten und Sozialpolitik. Fromm sein und das Leben verbessern. Stark, wenn Christen das beisammenhalten. Wir Menschen brauchen beides: Sinn, Vertrauen und Orientierung für die Seele. Und auch dass wir materiell gut leben können.

Ich glaube, dass das nach wie vor für uns wichtig ist, grade in der internationalen Arbeit, dass wir uns nicht von der Not treiben lassen. Weil uns das letztlich leicht in eine falsche Richtung treibt.

Für Valerian Grupp macht das bis heute die DNA des CVJM aus. Was schon 1855 in der sogenannten Pariser „Basis“ als Programm formuliert ist.

Die 2 Schwerpunkte da drin sind „Sammlung und Sendung“. Es geht darum, jungen Menschen miteinander zu verbinden und miteinander Gottes Reich zu bauen. Und das findet sich in ganz vielen CVJMs wieder, in unterschiedlicher Ausprägung. Dass die Not von jungen Menschen irgendwie angepackt wird und so finde ich es absolut folgerichtig, dass es da im CVJM in Äthiopien Ausbildungsstätten gibt. Es gibt eine unglaublich hohe Jugendarbeitslosigkeit. Die Hälfte der Bevölkerung ist minderjährig.

In Äthiopien ist Konzentration auf Bildung richtig. Genauso richtig findet er, wenn der CVJM hier bei uns sich konzentriert, den Glauben weiterzugeben. Und ihn neu im Alltag zu leben.

Neben der Sammlung gibt’s die Sendung. Ich glaube, dass wir insgesamt als Christen in einer Phase leben, wo wir noch mal ganz neu gefordert zu überlegen, wie findet unser Glaube eigentlich im Alltag Ausdruck. Ganz praktisch. ‚Nachfolger Jesu zu sein, findet von Montag bis Samstag statt.‘ So hat das mal ein Freund von mir aus Afrika ausgedrückt.

Noch etwas hat Valerian Grupp in Afrika gelernt. Es ist eine echte Herausforderung, wie man als Mensch und Christ mit Armut und Reichtum lebt. Für uns hier zB. ist ja oft Zeit knapp und kostbar.

Vielleicht ist es die natürliche Reaktion, dass wir uns sehr genau überlegen, wo wir welche Zeit investieren wollen. Ich glaube aber, dass Geiz arm macht und wir Reichtum da erleben, wo wir großzügig sind. Deswegen ist es ein gutes Übungsfeld, dass wir großzügig sind mit der Zeit.

weitere Informationen finden Sie unter folgenden Adressen:

zum CVJM 
https://www.cvjm-wuerttemberg.de/,

zu den Workcamps
https://www.ejw-weltdienst.de/aktiv-werden/workcamps/

und zum Evangelischen Jugendwerk unter:
https://www.ejwue.de

https://www.kirche-im-swr.de/?m=29562