Manuskripte

SWR1 Sonntagmorgen Begegnungen

Dieter Burgard Foto: Staatskanzlei Rheinland-PfalzNach der Schule eine Lehre als  Bankkaufmann, dann Zivildienst in einer Caritas-Einrichtung für Menschen mit Behinderung in Wittlich, anschießend Studium der Sozialpädagogik.  20 Jahre arbeitete er als Erzieher in Wittlich, ab 2001  saß er neun Jahre für die SPD im rheinland-pfälzischen Landtag. Acht Jahre war er Bürgerbeauftragter des Landes, und eigentlich hatte er vor, sich Ende April  dieses Jahres  mit 63 in den Ruhestand zu verabschieden. Doch es kam anders. Die zunehmenden  Angriffe gegen Bürger jüdischen Glaubens  auch in Rheinland-Pfalz veranlassten Ministerpräsidentin Malu Dreyer, das Amt eines Antisemitismusbeauftragten zu schaffen – und sie fragte Dieter Burgard, ob er dieses Amt übernehmen wolle.

Und ich konnte nicht nein sagen, und, ja, es ist ne schöne Aufgabe, aber auch ne schwierige Aufgabe.

Rund 20 000 Mitbürger jüdischen Glaubens leben derzeit in Reinland-Pfalz, 3000 davon in jüdischen Gemeinden engagiert. Das Arbeitsfeld ist für Dieter Burgard keineswegs neu, er ist seit vielen Jahren Vorsitzender des Fördervereins Gedenkstätte KZ Hinzert im Hochwald und landesweit in der Gedenkarbeit aktiv.

Also erstmal bin ich durch alle Gemeinden auch gegangen und hab das Gespräch gesucht, wo drückt der Schuh.

Das Spektrum reicht vom Synagogenneubau in Koblenz, wo Burgard hilft und vermittelt, bis hin zu polizeilichen Ermittlungen, die er kritisch begleitet wie jüngst nach einer Schändung eines jüdischen Friedhofs in Freudenburg bei Trier.

Ich hab dann auch geschaut, wie sieht das jetzt aus, war mit vor Ort, hab geschaut, was ist passiert, wie sieht das aus und auch bei der Polizei nachgefragt, wie sehen die Ermittlungen aus.

Antisemitismus ist kein neues Phänomen, wissenschaftlichen Studien zufolge waren und sind rund 20 Prozent der deutschen Bevölkerung seit jeher antijüdisch eingestellt. Pegida, AfD und die so genannten sozialen Netzwerke haben extreme Tendenzen verstärkt, ist Burgards Beobachtung   

Das ist fast unbegrenzt, was da abgeht im Internet, aber auch sonst. Es gab Graffiti-Schmiererei in Neuwied. Juden ins Gas, Dreyer und Maas, aber auch sonst, wo man auch auf Schulhöfen, das geben Schüler zu, Judenwitze wieder macht, wenn Sie sehen, was in Fußballstadien abgeht, und das macht mir auch Sorgen und deshalb ist es auch gut, dass es eine Stelle gibt, die genau beobachtet, was es gibt.

Erinnerungs- und Aufklärungsarbeit, Begegnungs- und Verständigungsorte für Menschen mit unterschiedlicher Herkunft, Tradition und Einstellung schaffen, das ist eine gesellschaftliche Aufgabe, bei der es keinen Schlussstrich geben kann, auch wenn es Gegenwind gibt. Da bin ich mit Dieter Burgard einig – und teile sein Unverständnis, wenn er von Erfahrungen wie dieser berichtet:

Ich hab selbst mit Politikern gesprochen bei der Einweihung des Holocaust-Mahnmals in Berlin, da heißt es, jetzt haben wir ein Mahnmal und dann reicht es aber auch, es gibt andere Probleme.

Eine Konstante im ansonsten wendungsreichen Werdegang von Dieter Burgard ist sein Engagement in der Kirche. Mehr dazu nach dem nächsten Titel.

 

Teil 2

 

Und mit Dieter Burgard. Seit Kindesbeinen an ist der Sozialdemokrat und Antisemitismusbeauftragte des Landes Rheinland-Pfalz ehrenamtlich in der katholischen Kirche aktiv. Bis heute engagiert er sich etwa beim Sozialdienst katholischer Frauen und Männer in Wittlich, wo der verheiratete Vater drei erwachsener Söhne heute lebt, oder bei der Autobahnkirche St. Paul in Wittlich-Wengerohr.

Was ist für ihn zentral bei seinem Einsatz als Christ, will ich von ihm wissen.

Also dass man jeden Menschen respektiert, das hab ich also auch von meiner Mutter gelernt, es gab keinen Bettler, der ohne ein Brot ging, wir hatten in der Verwandtschaft ein Kind, was unehelich auf die Welt kam, keiner wollte Pate sein, meine Mutter hat das gemacht, also das hat mich so geprägt. Mein erster Beruf war Bankkaufmann, und als Banklehrling bin ich nachmittags ein, zweimal die Woche in eine Obdachlosensiedlung gegangen und hab da Nachhilfe gemacht, also man kann im Kleinen vieles tun, beispielsweise mit behinderten Menschen, ich bekam sehr viel zurück, es ist ne Arbeit die wirklich lohnenswert ist, wo man sagen kann, das erfüllt einen dann auch. 

Dieter Burgard ist zuhause in der Kirche, und es waren vor allem überzeugende Persönlichkeiten, die ihn geprägt haben, das wird mir deutlich in unserem Gespräch. Da ist vor allem seine Mutter, die er mehrfach erwähnt, aber auch hauptamtliche Vertreter der Kirche, die er kennen gelernt hat, etwa in der Jugendarbeit.

Und was stört ihn an der Kirche oder macht ihm Sorgen, frage ich ihn. Natürlich müssen Skandale wie Missbrauch oder der Umgang mit Geld in der Kirche angegangen werden. Aber darüber hinaus sind es eher nicht die großen Themen wie zum Beispiel der Zölibat, die ihn bewegen. Kirche, und damit meint er Amtskirche und Gläubige, müssen sich mehr noch als bisher für Arme und Schwache einsetzen. Konkrete Nächstenliebe ist da ein wichtiges Stichwort für ihn, da ist er ganz auf der Linie von Papst Franziskus. Und wenn er von der offenen Kirche spricht, meint er das auch ganz konkret

Also das heißt, wenn ich in eine Gemeinde komme, wo eine Kirche ist, soll die Tür eigentlich offen sein, wo ich beten kann, und das ist heut nicht mehr gegeben, die werden dann nicht mehr geöffnet, weil man Angst hat, dass da ne Statue entwendet wird oder sonst was, man sollte immer ein offenes Angebot haben und Ansprechpartner auch vor Ort, und das muss nicht der Priester sein.

Einer wie Dieter Burgard eben, der sein Christ sein nicht verbal vor sich herträgt, sondern lebt und umsetzt – auch politisch. So habe ich Dieter Burgard in unserer Begegnung erlebt. Wir könnten mehr von seiner Sorte gebrauchen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=27727

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