Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

21JUN2020
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Veni sancte spiritus  /

Komm herab, o Heil'ger Geist, der die finstre Nacht zerreißt, strahle Licht in diese Welt. 

Das heutige Lied zum Sonntag ist die sogenannte Pfingstsequenz, ein alter Hymnus, mit dem die Gläubigen um den Heiligen Geist bitten.

„Veni sancte spiritus“ Das lateinische Wort „spiritus“ bedeutet ursprünglich Atem. Wir können nicht leben ohne zu atmen. In der Bibel steht, dass Gott dem Menschenseinen göttlichen Atem eingehaucht und ihn so zum Leben erweckt hat. Wir Menschen brauchen nicht nur Sauerstoff, um leben zu können. Wir brauchen den göttlichen Atem, den heiligen Geist, Beziehungen von Herz zu Herz und zu unserem göttlichen Ursprung. So sieht es jedenfalls die Bibel.  In der Coronazeit habe ich das besonders gespürt. Die Kontakte waren eingeschränkt, man blieb die meiste Zeit zu Hause, und für viele allein Lebende waren das sicher harte Wochen. Wie abgeschnitten vom Leben. So bekommt der alte Text einen modernen Klang:

Komm, der alle Armen liebt, komm, der gute Gaben gibt, komm, der jedes Herz erhellt.
Der Hymnus beschreibt, was Gottes Geist in uns bewirken kann. Er ist wie ein lieber Gast, über dessen Besuch ich mich freue. Seine Gegenwart schenkt Trost, was mich bedrückt, wird leichter. Der Heilige Geist unterbricht mein Getrieben-sein. Wenn er bei mir einzieht, verbreitet er eine heilsame Atmosphäre. Er weiß, was mir gut tut und was ich brauche.

 

Höchster Tröster in der Zeit,
Gast, der Herz und Sinn erfreut,
köstlich Labsal in der Not.

In der Unrast schenkst du Ruh,
hauchst in Hitze Kühlung zu,
spendest Trost in Leid und Tod.

Komm, o du glückselig Licht,
fülle Herz und Angesicht,
dring bis auf der Seele Grund.

 

Veni sancte spiritus gehört zu den wenigen lateinischen Dichtungen des Mittelalters, die heute noch im Gesangbuch stehen und auch gesungen werden. Der Text wird Stephan Langton zu geschrieben, einem bedeutenden englischen Theologen, der schließlich Erzbischof von Canterbury wurde und dort 1228 gestorben ist. Typisch für diese Art von Gesängen ist der Wechselgesang von zwei Gruppen. Sie wiederholen jeweils einen Abschnitt mit derselben Melodie.

Bei seinem Abschied von den Jüngern hauchte Jesus sie an und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist. Er gibt ihnen keine ausgefeilte Strategie, kein Handbuch, kein anderes Testament als sein gelebtes Leben. Ein gewagtes Unterfangen. Sie sollen mit ihm in Beziehung bleiben und zugleich müssen sie nun selbst handeln, vorwärts gehen und sich dabei auch immer wieder korrigieren. Doch Jesus hat sie genau dazu ermutigt und ihnen zugleich seinen Beistand, den Heiligen Geist, zugesagt. Das gilt bis heute. Für mich bedeutet das: wie im Wechselgesang der Strophen den Traditionen zu lauschen, zu den Wurzeln zurückzugehen und sie zugleich auf mein eigenes Leben, auf die Welt heute zu beziehen. Dem Raum zu geben, was uns heutige Menschen beschäftigt und umtreibt. Was wir als wichtig und richtig erkennen. In dieser Art von Wechselgesang bleibt die Kirche lebendig. Und dann hat sie auch einen Wert für Menschen heute.

 

Wärme du, was kalt und hart,
löse, was in sich erstarrt,
lenke, was den Weg verfehlt.

Gib dem Volk, das dir vertraut,
das auf deine Hilfe baut,
deine Gaben zum Geleit.

Lass es in der Zeit bestehn,
deines Heils Vollendung sehn
und der Freuden Ewigkeit. Amen. Halleluja.

 

Musik 1 :

Veni Sancte Spiritus Pfingst-Sequenz für Frauenstimmen a cappella ; Liturgie Choralschola Abtei Oberschönenfeld

Musik 2: CD des Deutschen Liturgischen Institus. GL 344 DLI 7133

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