Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

17MAI2020
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Beten ist wohl noch nie leicht gewesen. Das Lied, das ich für den heutigen Sonntag ausgewählt habe, zeugt auch davon.
Vielleicht, weil man beim Beten immer ein echtes Stück von sich selbst in die Waagschale werfen muss. Und Vertrauen brauch ich und Verstand und Herz. Letzteres hat Martin Luther besonders wichtig gefunden. In seinem Lied „VaterUnser im Himmelreich“ heißt es in der ersten Strophe: „Gib, dass nicht allein der Mund betet, hilf, dass es von Herzen kommt.“

Musik 1 Vater Unser im Himmelreich

Vater unser im Himmelreich,
der du uns alle heißest gleich
Brüder sein und dich rufen an
und willst das Beten von uns han:
gib, dass nicht bet allein der Mund,
hilf, dass es geh von Herzensgrund.

Beten ist nie leicht gewesen. Aber ich vermute, es ist heute aus anderen Gründen schwierig. Martin Luther hat beobachtet, dass oft und viel gebetet wurde. Aber dabei wurde es auch zum leeren Wortemachen. Wir heute haben eher die Worte verloren. Das Zutrauen. „Ich tu mich schwer mit dem Beten,“ hat mir ein Freund über Jahre oft erzählt. Bis vor kurzem. Da hat er Worte gefunden und war selbst überrascht.

Musik 2 Vater Unser Instrumental

„Ich habe tatsächlich gebetet“ hat er mir erzählt. „Allein im Wald. Weit und breit war kein Mensch. Da konnte ich es. Laut habe ich geredet: Meine Lebensfreude rausgelassen, die Sorgen um einen schwerstkranken jungen Mann in der Nachbarschaft und danke konnte ich auch sagen.“ „Wie hat es sich angefühlt? Hast Du so etwas wie eine Antwort gespürt“, habe ich ihn gefragt.

Musik 3

„Nein, direkt Resonanz war nicht. Aber es war eine Erleichterung, dass ich das über die Lippen gebracht habe,“ hat er erzählt. Ist das das Erste beim Beten? Dass man ausdrückt, was in einem feststeckt, sich frei betet.
Ausdrücken, was einem auf dem Herzen liegt. Woran man verzweifeln könnte. Danken, dass man lebt. Und daran denken, dass um mich herum viel Leben ist, das auch ein Recht hat zu leben. Zu solchem Beten braucht es Verstand. Mit dem man über sich hinausdenkt. Martin Luther hat bei Jesus abgeschaut, wie man beten kann. Und er hat in seinem VaterUnserlied gezeigt, wie man über sich hinausbetet. Ich ahne, wenn ich so weit denke wie in diesem Lied, bleib ich nicht derselbe. Echte Beten verändert Menschen und verändert so auch die Welt. Hören Sie ein paar Bitten aus dem Lied.

Musik 4

Dass wir leben heiliglich, nach deinem Namen würdiglich.
Dein Will gescheh Herr Gott zugleich auf Erden wie im Himmelreich.
Dass wir in gutem Frieden stehn, der Sorg und Geizens müßig gehen
Bescher uns auch ein seligs End, nimm unsere Seel in deine Händ.

So zu beten ist wohl zu keiner Zeit leicht gewesen. Viele, die sich auskennen mit Beten sagen, üben hilft, dann kann es einen bilden. Man schöpft Vertrauen ins Beten. Und Vertrauen, dass gute Kräfte in uns wirken, in und über unserer Welt und dass am Ende alles gut werden könnte. Weil am Ende aller Wege Gott ist. Oder wie Jesus gesagt hat: Ein Vater im Himmel.

Musik 5 Vater Unser im Himmelreich

Amen, das ist: es werde wahr.
Stärk unsern Glauben immerdar,
auf dass wir ja nicht zweifeln dran,
was wir hiermit gebeten han
auf dein Wort in dem Namen dein.
So sprechen wir das Amen fein.

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Musikangaben

Musik 1
„Vater unser im Himmelreich“  aus CD Martin Luther. Ein feste Burg. Lieder in Choral, Motette und Konzert. Frauenkirche Dresden. Rondeau production
Musik 2-4
„Vater unser im Himmelreich“  aus CD Clematis, Deutsche Geistliche Kantaten.
Musik 5
Vater unser im Himmelreich“ aus CD  Martin Luther. Ein feste Burg. Lieder in Choral, Motette und Konzert. Frauenkirche Dresden. Rondeau production

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