Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

26APR2020
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Musik 1 – Johann Sebastian Bach: Leipziger Orgelchoral „Schmücke dich, o liebe Seele“  

Das Lied zum Sonntag heißt heute „Schmücke dich, o liebe Seele“. Es stammt aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Viele Komponisten haben diesen Choral vertont. Johann Sebastian Bach hat ein Orgelstück und eine Kantate dazu komponiert. Bachs Orgelklänge wirken auf mich in sich ruhend, erwartungsvoll und tröstlich. Auch der Romantiker Felix Mendelssohn Bartholdy war begeistert von diesem Lied und von Bachs Orgelstück. Er hat dazu gesagt: „Wenn mir im Leben alles genommen würde, dann könnte allein dieser Choral es mir wiederbringen“.

Schmücke dich, o liebe Seele,
Lass die dunkle Sündenhöhle,

Komm ans helle Licht gegangen,

Fange herrlich an zu prangen!

Denn der Herr von Heil und Gnaden

Will dich jetzt zu Gaste laden.

Der den Himmel kann verwalten,

Will jetzt Herberg in dir halten. 

Das Lied erzählt von einer Begegnung, von einem Besuch. Jemand geht zum Abendmahl und empfängt im Gottesdienst die Kommunion. Der Liederdichter –er heißt Johann Frank – greift zur Sprache der Liebenden mit immer neuen Bildern: Jesus klopft an mein Herz und wartet, bis es sich öffnet. Da heißt es: „Ermuntre dich, dein Heiland klopft; ach, öffne, öffne bald die Herzenspforten“. 

Musik 2 – Johann Sebastian Bach: Arie „Ermuntre dich“  

Das Lied „Schmücke dich, o liebe Seele“ ist voller Erwartung. Ein Lied, das meine Sehnsucht ausdrückt, dass ich berührt werden möchte, dass ich anderen begegnen will. Das Lied verschweigt aber auch das Dunkle und Traurige nicht. Der Versuch, jemandem zu begegnen kann auch scheitern. Während der Corona-Krise müssen viele zu Hause bleiben, das kann richtig weh tun. Ich vermeide es schon seit Wochen, meine 90jährige Mutter zu besuchen. Selbst an Ostern war das leider so. Und am heutigen Sonntag fällt in vielen katholischen Kirchen die längst geplante Erstkommunion aus. Statt Freude immer noch Warten! Oder doch vielleicht schon etwas Vorfreude?

Musik 3 – Johann Sebastian Bach: Leipziger Orgelchoral „Schmücke dich, o liebe Seele“ 

Wenn ich das Lied „Schmücke dich, o liebe Seele“ höre oder singe, wird mir bewusst, wie wichtig Begegnungen sind. Meine Vorlesung an der Musikhochschule will ich endlich wieder „live“ halten und nicht für die Studierenden ins Internet stellen müssen, weil wir uns ja noch nicht wieder im Hörsaal treffen dürfen. Manchmal ist meine Ungeduld stärker als die Vorfreude. Aber das Lied hilft mir, das Warten auszuhalten und es in manchen Momenten vielleicht sogar ein bisschen zu genießen. Am Ende spricht der Liederdichter von der intensivsten Begegnung, die es geben kann. Das ist die Berührung von Erde und Himmel. Die letzten Worte sind ein Wunsch. Er heißt:

… dass ich auch, wie jetzt auf Erden
Mög ein Gast im Himmel werden.

Auf für diese Hoffnung hat Johann Sebastian Bach ausdrucksstarke Töne gefunden! 

Musik 4 – Johann Sebastian Bach: letzte Takte des Schlusschorals der Kantate „Schmücke dich, o liebe

 

Quellen: SWR-Archiv: J. S. Bach. Orgelchoral „Schmücke dich, o liebe Seele“ (BWV 654). Ewald Kooiman, Orgel .M0470673(AMS); SWR-Archiv: J. S. Bach: Kantate „Schmücke dich, o liebe Seele“. Bachstiftung St. Gallen unter Leitung von Rudolf Lutz M0392265(AMS)

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