Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

01MRZ2020
AnhörenDownload
DruckenAutor

Erst einer, dann wenige und dann viele. Kyrie eleison – Herr, erbarme dich.

3mal Kyrie eleison Gregorianischer Gesang

Dieser gregorianische Choral ist uralt und die griechischen Worte „kyrie“ und „eleison“ sind es auch. Sie kommen aus dem alten Rom, da haben die Menschen laut „Kyrie eleison“ gerufen, wenn der Kaiser in ihre Nähe gekommen ist. „Kyrios“ bezeichnet den Herrscher oder den Herrn, auf jeden Fall, den, der die Macht hat und der als der Größte gilt. Als solchen begrüßen die Christen ausdrücklich Jesus am Anfang des Gottesdienstes.

3mal Christe eleisonGregorianischer Gesang) weiter

Unser heutiges Lied zum Sonntag ist kein Lied im eigentlichen Sinne, sondern eher ein musikalischer Baustein im Gottesdienst, der immer anders klingen kann. Festlich oder schlicht, traditionell oder modern. Nur eins ist dabei immer gleich: der Liedruf wird wiederholt. Erst heißt es „Kyrie eleison“, dann „Christe eleison“ und dann nochmal „Kyrie eleison“. Im gregorianischen Choral von eben hat sich sogar jeder einzelne Ruf noch dreimal gesteigert. So als ob es sich die Christen sehr bewusst mehrmals gegenseitig zusingen und sich darin bestärken, dass Jesus wirklich der Größte in ihrem Leben bleibt. Das ist gar nicht so einfach, der Herrscher-Platz im Leben ist ja sehr umkämpft. Da kann Geld eine Rolle spielen oder der Traum vom perfekten Leben oder irgendetwas, wonach ich eine Sehnsucht habe.

Das Kyrie möchte aber mehr als nur Jesus als König hochleben lassen und seine Macht bewundern. Das wäre zu wenig. Im „Kyrie eleison“ geht es auch um das „eleison“, das heißt auf Deutsch übersetzt „erbarme dich“. Weil das so fremd klingt, übersetze ich es für mich gerne anders: „sei für mich da“ oder „hab ein Herz für mich“. Oder ganz einfach: Jesus, komm zu mir.

Ich finde es faszinierend, wie alt das „Kyrie eleison“ ist und dass diese griechischen Begriffe, die ja aus einer ganz anderen Kultur stammen, bis heute im Gottesdienst vorkommen.  Wahrscheinlich, weil das „Kyrie“ so einen starken Kern hat und so eine starke Wirkung, zumindest für die, die es singen und auch meinen und beten, was sie singen.

Wenn ich dieses Kyrie ganz bewusst bete oder singe, dann merke ich, dass sich etwas in mir verändert. Wenn ich Jesus als den Größten in meinem Leben besinge, dann macht mich das selbst auch ein Stück größer. Nicht, dass ich mächtiger oder stärker werde, sondern eher, dass ich mich sicherer fühle oder leichter vertrauen kann. Es ist eine Riesensache, wenn Jesus für mich wirklich das Größte im Leben ist und wenn er sich dann auch noch mit mir solidarisiert. Dann brauche ich mich nicht in jeder Kleinigkeit bis ins Perfekte abmühen oder mich ständig immer weiter hocharbeiten wollen. Ich selber muss einfach nicht die Größte sein, das kann entlasten.

Egal in welcher Stilrichtung, gregorianisch, modern oder ganz klassisch, wie bei Joseph Haydn in seiner Kleinen Orgelsolomesse – im Kyrie kann das langsam in mein Herz sickern: Jesus, der selbst so viel Größe hat, hat auch ein großes Herz für mich.

Kyrie aus Missa brevis Sancti Joannis de Deo B-Dur (Kleine Orgelsolo-Messe von Joseph Haydn)

     

Musiken:       1) Kyrie aus Missa mundi, Schola der Stiftsmusik St. Peter Salzburg, Thomas Wasserfaller, Armin Kircher, M0303474(AMS)

2) Kyrie aus: Aus seiner Sicht, Ökumen. Kreuzweg der Jugend 2011, Christina Hernold, Gregor Linßen Studio EDITION GL, Neuss LC 01656 JHD 59309

3)Kyrie aus Missa brevis Sancti Joannis de Deo B-Dur SWRVokalensemble Stuttgart, Heinz HolligerM0125806(AMS)

https://www.kirche-im-swr.de/?m=30453