Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Mit dem heutigen Lied zum Sonntag möchte ich Sie nach draußen einladen. Es wird Sommer. Alles blüht, Vögel singen, Insekten summen. Ja, mir ist bewusst, wie bedroht das alles ist, und wie viel schon verloren ist. Gerade deshalb möchte ich mit Ihnen durch all die Wunder spazieren gehen, die Gott vor unseren Augen ausgebreitet hat:

Musik

Vor über 360 Jahren hat der evangelische Pfarrer Paul Gerhardt dieses Lied geschrieben. Die heute bekannte Melodie hat es erst später bekommen, August Harder schrieb sie Anfang des 19. Jahrhunderts.

In dieser Verbindung von Text und Musik ist daraus ein richtiges Volkslied geworden, ein schönes Sommer- und Wanderlied. „Geh aus, mein Herz“: Der Dichter zählt auf, was der Schöpfer alles geordnet hat, und fordert sein Herz auf, sich zu freuen und in den Lobpreis der Schöpfung einzustimmen. Diese Aufforderung an das Herz benutzt Paul Gerhardt auch sonst gern: etwa in dem Morgenlied „Wach auf, mein Herz, und singe“ oder in dem Osterlied „Auf, auf, mein Herz, mit Freuden“. Das Herz ist der Anker des Glaubens. Es öffnet sich nach außen, es sucht alles, was Freude bereitet, es besingt die Schönheit der Schöpfung.

Musik

Paul Gerhardt kennt die Bibel gut. In der Bergpredigt fragt Jesus einmal die Menschen, warum sie sich Sorgen machen, was sie anziehen können. Sie sollen stattdessen die Lilien auf dem Feld anschauen, die sich keine Kleidung herstellen können. Der biblische König Salomo in seinem märchenhaften Reichtum sei nicht so schön gekleidet gewesen wie eine dieser Lilien!

Wir sollen uns keine Sorgen über die alltäglichen Bedürfnisse machen, sagt Jesus. Wenn wir uns auf den Willen Gottes konzentrieren, dann wird uns alles andere zufallen. Als Paul Gerhardt die Narzissen und Tulpen Berlins besingt, ist der Dreißigjährige Krieg erst seit wenigen Jahren beendet. Die Menschen hatten erlebt, wie schnell alles vorbei sein kann. In dieser Erfahrung des ständig bedrohten Lebens rät Gerhardt ihnen, sich keine Sorgen zu machen, sondern auf Gott zu vertrauen und sich über alles zu freuen, was sie sehen. Die Nöte des Alltags, die das Herz schwer machen können – die sollen nicht größer werden als alles Glück, alle Schönheit und Freude, die Gott den Menschen schenkt.

Musik

Die Wanderung kommt nun an ihr Ziel. Und da sehe ich: Das Lied hat mich nicht nur auf einen sommerlichen Spaziergang eingeladen. Es hat mir ein Bild für das Leben gezeichnet. Am Ende des Weges steht der himmlische Garten. Dort möchte der Dichter wie ein guter Baum, wie eine schöne Blume wachsen. Festverwurzelt möchte er bleiben – und erfüllt von Gottes Geist, Gottes Atem, der alles überhaupt erst zum Leben erweckt.

Musik

Musik 1-4:
Harder, August; Gerhardt, Paul: Geh aus, mein Herz, und suche Freud
Interpretin: Vera Hahn, CD: Reiß die Himmel auf! Alte Kirchenlieder als Chansons, Track 2, Timezone Strophe 1, Strophe 2, Strophe 8, Strophe 14

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